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Das Ende des alten Naturschutzes

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Das Naturschutzgebiet Schleimünde in Schleswig-Holstein.
Das Naturschutzgebiet Schleimünde in Schleswig-Holstein. © getty

Bei revolutionären Klimaschützer:innen gibt es Unterschiede zwischen den neuen und den alten Denken. Vor allem Naturschutzgebiete werden verschieden diskutiert.

Sich Naturschützerinnen und Naturschützer als revolutionäre Kraft vorzustellen, die die sozial-ökologische Transformation von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft radikal vorantreibt, fällt nicht ganz leicht. Zu sehr denkt man beim Naturschutz hierzulande an Schutzgebiete, in denen der ökonomische „Normalbetrieb“ ausgesetzt ist, an die Pflege harmonischer Naturzustände, die es zu bewahren gilt, und an jenes „Zurück zur Natur“, das sich als Gegenbild zur gehetzten und oberflächlichen Gegenwart versteht.

Geht es nach Bram Büscher und Robert Fletcher, soll es mit dieser selbst auferlegten Genügsamkeit des Naturschutzes bald vorbei sein. Die beiden Entwicklungssoziologen von der Universität Wageningen mit dem Schwerpunkt Politische Ökologie begründen in ihrem gerade erschienenen Buch „Die Naturschutzrevolution. Radikale Ideen zur Überwindung des Anthropozäns“ (Passagen Verlag) zunächst eindringlich, warum ein Abschied vom bisherigen „Mainstream-Naturschutz“ aus ihrer Sicht geboten ist. Das Argument: Trotz partieller Erfolge hier und da und trotz einer weltweit steigenden Zahl von Schutzgebieten gehen intakte Ökosysteme und Artenvielfalt in atemberaubender Geschwindigkeit zurück.

Wir stehen vor dem sechsten Massenaussterben von Arten in der Erdgeschichte, diesmal menschengemacht, und zwar vor allem durch Lebensraumzerstörung, intensivierte Landnutzung, Ausbeutung, Erderwärmung und Umweltverschmutzung. Es droht schon in naher Zukunft das Aussterben von einer Million Tier- und Pflanzenarten. Von der Strategie, vor diesem Hintergrund die Bemühungen zur Ausweitung von Naturschutzgebieten an Land und auf dem Meer voranzutreiben, halten Büscher und Fletcher allerdings nicht viel. Ihre Kritik richtet sich dabei vor allem gegen die weltweite „Nature Needs Half“-Bewegung, die die Hälfte der Erdoberfläche menschlicher Nutzung entziehen will.

Man kann die recht pauschale Absage an Reservate als leichtfertig kritisieren, denn hinreichend große und gut vernetzte Schutzgebiete können sehr wohl einen relevanten Beitrag zum Artenschutz leisten, vor allem dann, wenn sie mit Entwicklungsperspektiven für die lokalen Bevölkerungen verknüpft werden. Aber den beiden Autoren geht es letztlich um etwas Grundsätzlicheres. Sie wollen die Natur-Kultur-Dichotomie überwinden, in der der Mensch per se als Störfaktor gesehen wird, den es zum Wohle der nicht menschlichen Arten möglichst zurückzudrängen gilt.

Die Skepsis gegenüber der Idee, Naturschutz durch Parks erreichen zu können, geht bei Büscher und Fletcher auch auf eine kolonialismuskritische Grundhaltung zurück. Vor allem mit Blick auf Afrika verweisen sie darauf, dass die Ausweisung von Schutzgebieten in der Vergangenheit oft mit der Vertreibung indigener Bevölkerungen einherging, die trotz ökologisch angepasster Lebensweisen verdrängt wurden.

Noch tiefer als die Aversion gegen exkludierende Schutzgebietsstrategien sitzt bei Büscher und Fletcher die Abneigung gegen Ökonomisierungsstrategien im Naturschutz, welche die Natur als Naturkapital in Wert setzen wollen. Der heute etablierten Sprache der „Klimaneutralität“ und der sogenannten Nature-Based Solutions, in der Wälder vor allem auf ihre Funktion als handelbare CO2-Senken reduziert werden, die zur Kompensation unterlassener Emissionsvermeidung dienen, können sich die Autoren jedenfalls nicht anschließen.

Auch hier könnte man wieder „pragmatisch“ argumentieren und den Autoren entgegenhalten, dass die Natur in Abwägungsprozessen doch nur verlieren könne, wenn ihr kein Preis zugeschrieben wird. Aber wie bei der Ablehnung der Natur-Kultur-Dichotomie geht es Büscher und Fletcher auch hier um Grundsätzlicheres. Ihre These: Der Kapitalismus, der Mensch und Natur durch seine Wachstumsfixierung deformiert, kann niemals zu jener sozial-ökologischen Transformation führen, derer es so dringend bedarf.

Wollte man Büscher und Fletcher im vertrauten politischen Koordinatensystem verorten, so wären sie sicher eher links einzusortieren. Ihren Marx haben sie gelesen, und auch die neuen Leitsterne am linken Firmament sind ihnen bestens vertraut, von David Graeber über Naomi Klein bis Slavoj Zizek. Unterschiede zur traditionellen Linken bestehen aber vor allem in zweierlei Hinsicht: Büscher und Fletcher argumentieren nicht in der Denkwelt von Haupt- und Nebenwidersprüchen, sondern sehen sich als Teil eines breiter werdenden Denkstroms aus Klimagerechtigkeit, Wachstumskritik, Antikolonialismus, Allmende-Wirtschaft („Commons“) und Gemeinwohlorientierung. Und sie bleiben nicht bei der Kritik und Dekonstruktion der herrschenden Verhältnisse stehen, sondern präsentieren eine Alternative zu Mainstream-Naturschutz, Natur-Kultur-Dichotomie und Monetarisierung der Natur. Diese Alternative nennen sie – in Anlehnung an den von Ivan Illich in den 70er Jahren eingeführten Begriff „Konvivialismus“ – konvivialen Naturschutz.

Den Wesenskern des konvivialen Naturschutzes bilden die vorbehaltlose Anerkennung der planetaren Grenzen, das solidarische Miteinander von Menschen zur Erhaltung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen in Raum und Zeit und das permanente Anstreben eines kooperativen und lebensdienlichen Verhältnisses von uns Menschen zur nicht menschlichen Mitwelt, zur belebten und unbelebten Natur, zu den Tieren und Pflanzen.

Die konkreten Vorschläge des Buches sind allesamt diskussionswürdig, etwa die Weiterentwicklung von ausschließenden Naturschutzgebieten zu Naturfördergebieten, vom Expert:innen- zum Mitmach-Naturschutz für alle, vom spektakulären zum alltäglichen Naturschutz, vom voyeuristischen Naturtourismus zur engagierten Besuchskultur, von der „Entwicklungshilfe“ für Naturschutz zur Wiedergutmachung für angerichtete Schäden an der Natur des globalen Südens, vom Naturkapital zu eingebetteten und relationalen Werten, von den „Greenwashing“-Tendenzen der Industrie zur ehrlichen Beteiligung von Unternehmen an der Erreichung von Naturschutzzielen.

Ganz unabhängig von der Frage, ob das diskursiv-basisdemokratische Moment bei Büscher und Fletcher nicht ein wenig zu stark idealisiert wird und die Möglichkeiten der formalen Politik, des Rechts und der Fachexpertise nicht eher unterschätzt werden, ist ihr Buch ein Quantensprung in der Naturschutzdebatte. Gerade den deutschen Naturschutzverbänden, die in ihrer politischen Arbeit oft zu sehr auf den Staat setzen und in Kommissionen aller Art an halbherzigen Kompromissen mitwirken, bietet es eine Fülle von Anregungen, um Naturschutz zur Sache aller zu machen – und zwar an die Wurzeln gehend.

Reinhard Loske ist seit Mitte des Jahres Mitglied im Vorstand der Stockholmer Right Livelihood Foundation.
Reinhard Loske ist seit Mitte des Jahres Mitglied im Vorstand der Stockholmer Right Livelihood Foundation. © privat

Reinhard Loske ist seit Mitte des Jahres Mitglied im Vorstand der Stockholmer Right Livelihood Foundation. Zuvor war er Präsident der Cusanus-Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Rheinland-Pfalz, Professor für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke, Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa der Freien Hansestadt Bremen und Abgeordneter des Deutschen Bundestages.

Zum Buch: Bram Büscher, Robert Fletcher: Die Naturschutzrevolution. Radikale Ideen zur Überwindung des Anthropozäns, Passagen Verlag, Wien 2022, 280 Seiten, 38 Euro.

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