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Bösartige Tumore im unteren Verdauungstrakt zählen zu den häufigsten Krebsarten.

Medizin

Darmkrebs: Neue Therapien bieten Krebs-Patienten bessere Chancen

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren, Antikörper und Tabletten: Bei erblichem und nicht-erblichem fortgeschrittenen Darmkrebs gibt es jetzt mehr Optionen der Behandlung.

  • Die Chance, an Darmkrebs zu erkranken, steigt mit dem Alter.
  • Die Heilungschancen sind bei einer frühen Erkennung gut.
  • Jetzt gibt es neue Theraphien zur Behandlung von Darmkrebs.

Früh erkannt, sind die Heilungschancen bei Darmkrebs gut. Doch in fortgeschrittenem Stadium, wenn sich bereits Metastasen gebildet haben, ist die Erkrankung oft nur noch schwer aufzuhalten. Lange Zeit waren die Behandlungsmöglichkeiten auf eine Chemotherapie begrenzt. Das ändert sich gerade: Sowohl für den nicht-erblichen als auch den erblich bedingten Darmkrebs existieren neue Optionen, einmal in Form einer kombinierten Tabletten-Antikörper-Therapie und einmal in Form einer Immuntherapie. Eine Heilung ermöglichen auch sie in der Regel nicht, wohl aber können sie Tumore verkleinern, ihr Wachstum bremsen und ein längeres Überleben mit weniger Beschwerden ermöglichen.

Darmkrebs: Erkrankung kann erblich bedingt sein

Wie zum Beispiel auch Brustkrebs kann Darmkrebs erblich bedingt sein. Das ist allerdings eher die Ausnahme. Meist entwickelt sich Darmkrebs schleichend, über Jahrzehnte hinweg, aus Polypen, die im Laufe der Zeit „gekippt“ und bösartig geworden sind. Wenn der Krebs entdeckt wird, sind die Patientinnen und Patienten dann oft schon über 70 Jahre alt. Einige Menschen erkranken jedoch bereits in jüngeren Jahren, im Alter von 40 oder 45. „Dann sollte man als Arzt hellhörig werden und nach der Familiengeschichte fragen“, sagt der Onkologe Stefan Kasper-Virchow, Spezialist für Tumorerkrankungen des Magen-Darm-Trakts am Universitätsklinikum Essen (Bild). Die Unterscheidung ist wichtig – vor allem, weil sie Konsequenzen für Angehörigen mit einem dann ebenfalls erhöhten Risiko nicht nur für Darmkrebs, sondern auch für Magenkrebs und bei Frauen für Gebärmutterkrebs hat. Sie müssen dann „engmaschig kontrolliert werden“, wie Stefan Kasper-Virchow sagt.

Behandlung von Darmkrebs: Hälfte der Tumore wird spät entdeckt

Außerdem zeichnen sich für die Zukunft größere Unterschiede bei der Behandlung von erblichem und nicht erblichem Darmkrebs ab, zumindest im fortgeschrittenen Stadium. Bis heute wird rund die Hälfte der kolorektalen Tumore erst spät entdeckt, wenn sie bereits gestreut haben. „Ein Tumor, der noch nicht metastasiert hat, wird primär operiert. Je nach Größe macht man dann noch eine Sicherheitschemotherapie oder auch nicht“, erklärt der Onkologe. Wie andere Darmtumore, so entwickeln sich auch manche erblich bedingten aus Polypen. Einige wachsen aber auch ohne diese Vorstufe direkt als bösartige Wucherung. „Andere Formen des erblich bedingten Darmkrebses fallen auf mit hunderten oder tausenden Polypen. In diesem Fall empfiehlt es sich, den Darm komplett zu entfernen“, sagt Kasper-Virchow.

Stefan Kasper-Virchow, Darmkrebs-Spezialist am Universitätsklinikum Essen

Hat der Tumor bereits Tochtergeschwulste gebildet – bei Darmkrebs häufig in der Leber, Lunge oder im Bauchfell -, so werden die Patientinnen und Patienten meist mit einer Kombination aus einer Chemo- und einer Antikörpertherapie behandelt. Eine große klinische Studie hat nun gezeigt, dass Menschen mit fortgeschrittenem erblichem Darmkrebs sehr gut auf eine Immuntherapie ansprechen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sie erhielten, hätten „deutlich länger ohne eine Fortschreiten der Erkrankung überlebt, bei besserer Lebensqualität und weniger Nebenwirkungen“ als jene, die mit der Standardtherapie behandelt wurden, sagt Kasper-Virchow: „Die Immuntherapie funktioniert bei diesen Patienten extrem gut. Das progressionsfreie Überleben hat sich mehr als verdoppelt. Das ist beeindruckend, so einen Effekt hatten wir noch nie. “

Erblich und nicht-erblich bedingte Tormen

90 bis 95 Prozent aller Darmkrebsfälle sind nicht erblich bedingt . Für diese bösartigen Tumore gibt es keine eindeutige Ursache, wenngleich man weiß, dass der Lebensstil eine Rolle spielt. Negativ können sich insbesondere bestimmte Ernährungsgewohnheiten – viel Fleisch, wenig Ballaststoffe, wenig Obst und Gemüse – Übergewicht und Rauchen auswirken.

Fünf bis zehn Prozent aller Darmkrebsfälle gehen auf eine erbliche Disposition zurück, Diese Menschen erkranken oft schon in jüngeren Jahren, mit 40 oder 45. Eine Sicherheit über eine familiäre Veranlagung kann ein Bluttest in einem Speziallabor für Humangenetik und bei einem bereits aufgetretenen Krebs eine genetische Analyse des Tumorgewebes geben.

In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 60 000 Menschen neu an Darmkrebs. Zwischen 3000 und 6000 leiden unter der erblich-bedingten Form.

Demnach sei es bei 80 bis 90 Prozent der Patientinnen und Patienten, die auf die Immuntherapie ansprachen, auch nach zwei Jahren noch nicht zu einem Fortschreiten der Erkrankung gekommen, während der positive Effekt einer Chemotherapie maximal zehn bis zwölf Monate angehalten habe.

Darmkrebs: Bessere Chancen dank neuer Therapien

Bei den für die Immuntherapie verwendeten Medikamenten handelt es sich um Checkpoint-Inhibitoren. Sie sollen bestimmte, durch den Krebs initiierte Bremsen des Immunsystems lösen und dieses damit in die Lage versetzen, die bösartigen Zellen besser zu attackieren. Weitere Überlegungen zielen darauf, künftig möglicherweise zwei solcher Checkpoint-Inhibitoren zu kombinieren, „um zwei verschiedene Blockaden zu lösen“, wie der Essener Mediziner erläutert. „Wir sind froh, dass wir diese Medikamente aktuell im Rahmen einer klinischen Studie am Universitätsklinikum Essen anbieten können.“

Die Nebenwirkungen sind anders als bei einer Chemotherapie (die unter anderem das Immunsystem schwächt, Übelkeit und Haarausfall auslösen kann): „Am häufigsten treten Durchfälle, zum Teil auch schwerer Natur, Hautjucken, Ausschlag und Probleme mit der Schilddrüse auf“, berichtet der Onkologe.

Darmkrebs: Immuntheraphie wirkt nur bei vererbter Krankheit

In den USA ist die Immuntherapie bei fortgeschrittenem erblichen Darmkrebs bereits zugelassen, in Europa bislang noch nicht. In weiteren Studien soll geprüft werden, ob die Gabe einer Immuntherapie auch bereits in einem früheren Stadium der Erkrankung sinnvoll ist, so Kasper-Virchow. „noch vor der Operation, um den Tumor zu verkleinern“.

Bei nicht erblichem Darmkrebs allerdings wirkt die Immuntherapie nicht gut. Doch auch hier gibt es im fortgeschrittenen Stadium jetzt eine weitere Behandlungsoption neben der Chemotherapie. So seien die Studienergebnisse für eine Kombinationstherapie aus Antikörpern und Tabletten als Alternative vielversprechend, berichtet der Krebsmediziner. Diese neue Behandlung zielt auf verschiedene genetische Veränderungen, die bei den Zellen von Darmtumoren vorkommen können. So sorgt die „BRAF-Mutation“ dafür, dass Krebszellen besonders schnell wachsen. Sie tritt nicht nur bei Darmkrebs auf, sondern auch bei Lungentumoren und schwarzem Hautkrebs. „Diese Patienten haben normalerweise eine ganz schlechte Prognose“, sagt Kasper-Virchow. Die zielgerichteten Arzneistoffe in Tablettenform (Wirkstoff: Encorafenib) sollen dieses spezielle Gen im Tumor blockieren und damit dessen Aggressivität mindern.

Behandlung bei Darmkrebs: Aggressivität der Tumore lindern

Beim schwarzen Hautkrebs werden diese Medikamente bereits seit Jahren mit Erfolg eingesetzt. Bei Darmkrebs zeigten sie bislang jedoch keine überzeugende Wirkung. „Das könnte daran liegen, dass diese zielgerichteten Mittel bislang stets alleine gegeben wurden“, erklärt Kasper-Virchow. In der Kombination mit einem Antikörper hingegen sei der Effekt wesentlich besser: „Die Patienten überleben doppelt so lange wie unter einer Chemotherapie.“ Der Antikörper mit dem Namen Cetuximab richtet sich gegen einen Rezeptor auf der Oberfläche von Krebszellen, der Signale ins Zellinnere weiterleitet, die das Wachstum befeuern. Wird er blockiert, soll dieser Prozess ausgebremst werden. Allerdings eignet sich auch diese Therapie nicht für alle Darmkrebspatienten, sie kann nur wirken, wenn die Tumorzellen bestimmte genetische Veränderungen aufweisen. Diese neue kombinierte Behandlung ist in Deutschland bereits zugelassen. (Von Pamela Dörhöfer)

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