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Organentnahmen sind auch für erfahrene Chirurgen höchst komplizierte Eingriffe.

Organspende

Ein Danke, das viel Trost spenden kann

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Das Transplantationsgesetz ermöglicht es erstmals, dass Organempfänger den Spenderfamilien Briefe schreiben dürfen.

Eine „Hiobsbotschaft“ sei es für ihn gewesen zu erfahren, dass seine Briefe nicht mehr weitergeleitet wurden, sagt der Mann. Er hatte ein Organ transplantiert bekommen und wollte nun unbedingt seine Dankbarkeit bekunden und die Angehörigen des Spenders auf dem Laufenden halten – darüber, wie es ihm geht nach dem Eingriff, der sein Leben so sehr zum Positiven verändert hatte. „Das war mir eine Herzensangelegenheit.“ Zunächst sei das auch anonym möglich gewesen. Doch dann sei die Verbindung „gekappt“ worden, „aus Datenschutzgründen“. „Es war für mich ein Schlag ins Gesicht. Der Kontakt hat mir so viel gegeben.“

Umgekehrt erzählt eine Mutter von der „Genugtuung“, die es ihr bereite zu wissen, dass ihr verstorbener Sohn mit seiner Organspende anderen Menschen„ein gutes Leben ermöglicht hat“. Eine andere Frau findet es jedoch traurig, dass es in Deutschland keine Perspektive gibt, jenen Menschen persönlich zu begegnen, die Organe ihrer verunglückten Tochter erhalten haben.

Wenn es um Organtransplantation geht, stehen meist der Mangel an Spendern, die langen Wartelisten und Skandale über unkorrekt gelaufene Zuteilungen im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Weniger Aufmerksamkeit findet die emotionale Situation von Patienten, die ein Organ eingepflanzt bekommen haben, und von Angehörigen der Spender – die ja einen geliebten Menschen verloren und gleichzeitig einem Schwerkranken die Chance auf ein besseres Leben gegeben haben. Wie stark die Themen Dankbarkeit und Kontaktaufnahme beide Seiten beschäftigen, offenbarte ein Treffen für Angehörige von Organspendern am vergangenen Montag, zu der die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ins Haus am Dom in Frankfurt geladen hatte. Bislang war es Menschen, die ein Organ empfangen haben, in Deutschland nicht möglich, sich bei der Familie des Spenders dafür zu bedanken oder ihr mitzuteilen, was die Transplantation bewirkt hat. Gleichwohl sind etliche solche Briefe verfasst worden – die jedoch nie bei den gewünschten Adressaten angekommen sind. Für viele Verfasser und potenzielle Empfänger war dieser Zustand offenbar nur schwer zu ertragen. Man wüsste so gerne mehr, sagt eine Frau.

Kontaktaufnahme zwischen Spenderfamilie und Empfänger nun möglich

Mit der vom Bundestag beschlossenen Änderung des Transplantationsgesetzes ist ein solcher Austausch zwischen der Familie von Spendern und Menschen, die ein Organ empfangen haben, nun möglich; er ist Teil der erstmals gesetzlich verankerten Betreuung von Angehörigen. Eine Kontaktaufnahme, wie es sich die Mutter des verunglückten Mädchens wünscht, bleibt allerdings auch künftig ausgeschlossen. Die Organempfänger dürfen nur anonymisiert schreiben.

„An diesem Grundsatz soll nicht gerüttelt werden. Der Datenschutz hat einen hohen Stellenwert in Deutschland“, erklärt Markus Algermissen vom Bundesministerium für Gesundheit. Gerade die Organspende sei in dieser Hinsicht ein sehr sensibler Bereich. Nicht jeder würde es verkraften zu wissen, wer die Organe bekommen habe. Erst recht könnte eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht manchen Menschen Probleme bereiten. Empfänger von Organen wiederum könnten sich – wären sie den Spenderfamilien bekannt – verpflichtet fühlen, zu schreiben: „Das kann eine große Belastung darstellen“, sagt Algermissen.

Auch Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, betont: „Niemand soll sich gedrängt fühlen.“ Es gebe keine Verpflichtung für Organempfänger, Briefe zu schreiben. Die persönliche Beziehung bleibe in Deutschland ausgeschlossen – so wie in den meisten Ländern.

Ein andere öffentlich ebenfalls wenig beachtete Frage, die Angehörige bei einer Entscheidung pro oder contra Organspende umtreibt, ist die nach dem Umgang mit dem Verstorbenen auf dem Operationstisch. Hier habe sich in den letzten 15 Jahren „drastisch etwas geändert“, sagt Andreas Schnitzbauer, Transplantationschirurg am Universitätsklinikum Frankfurt. „Der Leichnam wird von uns sehr würdevoll behandelt. Die Entnahme von Organen ist ein extrem diffiziler Eingriff. Niemand wird dabei ausgeweidet.“

Tatsächlich habe ihr Sohn vollkommen unversehrt gewirkt, bestätigt eine Mutter, die der Organentnahme zugestimmt hatte. „Er wurde mit höchstem Respekt behandelt. Äußerlich wirkte er völlig unversehrt. Man sah nur ein sechs Zentimeter langes Pflaster.“ Zu wissen, „dass wir drei Menschen helfen konnten“, das sei ihr in all der Trauer ein Trost gewesen.

Das Transplantationsgesetz

Am 1. April dieses Jahres ist die Änderung des Transplantationsgesetzes in Kraft getreten. Hauptziel ist es, damit die Zahl der Organspender zu vergrößern. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) wurden von Januar bis April 2019 in Deutschland 977 Organe gespendet, sie stammen von 296 Menschen. 2018 waren es im gleichen Zeitraum 1030 Organe und 318 Spender. Auf der Warteliste für ein Organ stehen rund 10 000 Menschen.

Nach wie vor gilt in Deutschland die Regelung: Wenn jemand keinen Organspenderausweis hat, werden die Angehörigen gebeten, eine Entscheidung nach dem vermuteten Willen des Verstorbenen zu treffen. In vielen anderen Ländern gilt die Widerspruchslösung. Sie sieht vor, dass man seine Ablehnung gegen eine Organentnahme dokumentieren muss, ansonsten können nach Feststellung des Todes Organe entnommen werden.

Neu im Transplantationsgesetz sind verschiedene Maßnahmen, mit denen die Abläufe in Kliniken, die zur Entnahme von Organen berechtigt sind, verbessert werden sollen. So sollen die als Transplantationsbeauftragte tätigen Ärzte entlastet, von anderen Aufgaben befreit und mit mehr Befugnissen ausgestattet werden. Außerdem sollen Kliniken, in denen Organe entnommen werden, eine „angemessene Vergütung“ erhalten. Ein flächendeckender Rufbereitschaftsdienst für Neurologen und Neurochirurgen soll sicherstellen, dass auch in kleinen Krankenhäusern jederzeit der Hirntod festgestellt werden kann.

Die bessere Betreuung von Angehörigen von Organspendern ist ebenfalls ein zentraler Punkt. Bisher war diese nicht gesetzlich geregelt. Nun ist es erstmals möglich, dass sich Menschen, die ein Organ empfangen haben, bei der Familie des Spenders bedanken können – das geht allerdings nur in Form von anonymisierten Briefen.

Die DSO, die Deutsche Stiftung für Organtransplantation, mit Hauptsitz in Frankfurt ist die nach dem Transplantationsgesetz beauftragte Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende in Deutschland. Als oberstes Gebot wird der „würdevolle Umgang mit dem Verstorbenen“ angesehen. Ein wesentlicher Schwerpunkt der Arbeit ist die Betreuung und Begleitung von Angehörigen. Bei diesem Prozess bietet die Stiftung auch Krankenhäusern Unterstützung an. Eine Möglichkeit zum Austausch bieten auch Angehörigentreffen, bei denen Familien von Organspendern unter psychologischer Begleitung über ihre Emotionen und Erfahrungen sprechen können.

Informationen: www.dso.de oder bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, www.bzga.de

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