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Soziale Medien sind wichtig in ihrem Alltag, aber Kinder machen noch viel anderes in der Freizeit.

Bertelsmann-Studie

„Cybermobbing schockiert viele Eltern“

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Jugendforscherin fordert mehr Aufklärung und Mitbestimmung für Heranwachsende.

Sabine Andresen hat eine Professur für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Frankfurter Goethe-Universität. Einer ihrer Schwerpunkte sind die Erfahrungen von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern mit Armut und Unterstützung. Seit 2009 arbeitet die Erziehungswissenschaftlerin mit einem internationalen Forscherteam an der Children’s Worlds Studie.

Frau Andresen, Fridays for Future sind ein Beispiel dafür, dass Jugendliche sich einmischen. Inwiefern werden ihre Anliegen von der Politik ernst genommen?
Nach Aussagen der Jugendlichen viel zu wenig – und das ist auch der Eindruck, den die Erhebung „Children’s Worlds“ widerspiegelt. Kinder und Jugendliche in Deutschland haben das Gefühl, nicht angehört und nicht einbezogen zu werden bei Dingen, die sie betreffen. An Fridays for Future kann man das Recht der Kinder auf eine Zukunft ablesen, die wird ihnen genommen. Das bestätigen auch Klimaforscher.

Kennen denn Kinder überhaupt ihre Rechte?
In der Studie ergibt sich ein differenziertes Bild. Je älter sie sind, desto mehr Heranwachsende wissen, dass sie Rechte haben. Mich stimmt nachdenklich, dass eine gleichbleibende hohe Anzahl von Kindern unsicher sind, welche Rechte sie haben.

Was ist der Grund für diese Unwissenheit? Ist die UN-Kinderrechtskonvention ein Begriff?
Die Konvention sagt den meisten Kindern in Deutschland ziemlich wenig. Das ist aber kein Hinweis darauf, dass sie keine Informationen zu ihren Rechten besitzen. Letztlich wissen wir wenig, wie viel Aufklärung in Schulen und anderen Einrichtungen geleistet wird. In unserer Gesellschaft scheint es bislang nicht gut genug zu gelingen, dass Kinder erfahren, wie genau ihre Rechte aussehen, dass sie ein Recht auf Bildung, Schutz, Freizeit, Spielen und Beteiligung haben. Dafür tragen vor allem Erwachsene eine Verantwortung.

Wie können Kinder denn ihre Rechte durchsetzen?
Sie brauchen bislang starke und aufmerksame Verbündete. Hier stellt sich die Frage, ob Erwachsene die Rechte von Kindern respektieren. Wird das Recht auf gewaltfreie Erziehung verletzt, können Kinder das in der Regel nicht allein beenden.

Inwiefern erfahren Kinder Machtverhältnisse?
Bei den von uns geführten Gruppendiskussionen fiel der Begriff des Bestimmers. Diese Rolle haben nach ihren Erfahrungen meist Erwachsene. Je älter die Kinder werden, desto mehr wünschen sie sich, über sich selbst bestimmen zu können. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Erwachsenen gar nicht mehr um sie kümmern sollen, es gibt den Wunsch nach einer vertrauensvollen Balance. Gerade weil sie Jugendliche sind, haben viele den Eindruck, nicht ernst genommen zu werden, und das kritisieren sie. Dieses Bedürfnis, ernst genommen, angehört und einbezogen zu werden, sollten wir nicht bagatellisieren.

Sabine Andresen, Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Frankfurter Goethe-Universität.

Wie sieht der Schulalltag von Kindern aus?
Auch in der Schule wünschen sich Kinder und Jugendliche ernsthafte und aufrichtig gemeinte Möglichkeiten der Mitbestimmung. Rund zwei Drittel der 14-Jährigen und die Hälfte der Achtjährigen geben an, dass sie in der Schule nicht mitbestimmen können. Mitbestimmung ist ein zentraler Aspekt für Kinder und Jugendliche. Explizit in der Schule hat ein großer Anteil den Eindruck, bei Entscheidungsprozessen nicht einbezogen zu werden oder nur bei lapidaren Dingen. In den Gruppendiskussionen unterscheiden sie zwischen alltäglichen Fragen in der Schule und weitreichenden politischen Entscheidungen wie bei der Schulreform G8. Kinder und Jugendliche fordern, dass dabei ihre Perspektive berücksichtigt wird, weil sie diejenigen sind, die von Reformen stark betroffen sind. Es wichtig, bei solchen Entscheidungen mitzudenken, was sie für die Schülerinnen und Schüler bedeuten. Viele sagen aber über ihre Lehrerinnen und Lehrer, dass sie ihnen zuhören und sie auch ernst nehmen würden. Knapp fünf Prozent verneinen das.

Inwiefern wird in Schulen Demokratie praktisch gelebt? Was muss sich ändern, damit Schüler mehr mitbestimmen können?
Demokratie ist eine politische Form, die stark von Bildung und Lernen abhängt, und die Schule hat da einen ganz wichtigen Auftrag, aber dafür braucht sie Zeit, Ressourcen, gute Strukturen und die Bereitschaft von Lehrkräften. Man kann über Beteiligungsformen der politischen Bildung nachdenken, beispielsweise regelmäßig einen Schülerrat einberufen, um relevante Punkte untereinander auszuhandeln. So können auch Konfliktthemen besprochen werden. Aber auch außerschulische Orte können Demokratiebildung betreiben. In vielen Kommunen liegt allerdings die offene Kinder- und Jugendarbeit am Boden. Schulen haben es oft schwer, sich mit anderen pädagogischen Trägern zu vernetzen.

Kinder haben ein Recht, gewaltfrei aufzuwachsen. Es ist alarmierend, dass die Hälfte der befragten Schüler im Monat zuvor Ausgrenzung, Hänseleien und sogar körperliche Gewalt erfahren hat.

23 Prozent der Befragten fühlt sich nicht sicher an der Schule, dabei unterscheiden sich die Schultypen. In der Grundschule und dem Gymnasium ist der Anteil deutlich kleiner. Darüber hinaus haben wir gefragt, ob sie im letzten Monat mit Absicht gehänselt, geschlagen und ausgegrenzt worden sind. Hier zeigt sich, dass zum Beispiel an Grundschulen rund 30 Prozent der Kinder alle drei Formen erlebt haben. Für alle Schülerinnen und Schüler stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten sie haben, dass das beendet wird. Bekommen sie Hilfe?

Was brauchen Schulen dafür?
Schulen dürfen mit dem Vorkommen von Ausgrenzung, Gewalt und Mobbing nicht allein gelassen werden, denn dann lässt man auch die Kinder und Jugendlichen allein. Nötig ist, dass betroffene Kinder oder diejenigen, die etwas beobachten, wissen, wer dafür zuständig ist und an wen sie sich wenden können. Wenn es in der Schule eine Präventions- oder Gewaltbeauftragte gibt, ist sie allen bekannt? Hat sie Zeit, sich um Prävention und Intervention zu kümmern oder muss sie alles zusätzlich machen? Stehen Schulleitung und Kollegium hinter einem Präventionskonzept? Schulen brauchen dafür Ressourcen und Lehrkräfte Fortbildungsangebote. Insgesamt ist es wichtig zu wissen, wie man das Klassenklima und das Gemeinschaftsgefühl stärkt. Alle Schülerinnen und Schüler müssen daran beteiligt werden.

Ist es besorgniserregend, dass bei den Freizeitaktivitäten der Kinder die sozialen Medien auf Platz eins stehen?
Soziale Medien sind wichtig in ihrem Alltag, aber Kinder machen noch viel anderes in der Freizeit. Es ist sehr wichtig, dass Erwachsene und Lehrer gute medienpädagogische Kenntnisse haben. Kinder müssen etwa darüber aufgeklärt werden, was sie posten. Cybermobbing spielt eine zunehmende Rolle. Das schockiert viele Erwachsene. Doch aus Hilflosigkeit sollten wir die sozialen Medien nicht verdammen. Vielmehr müssen Kinder und Jugendliche wissen, wie sie sich selbst schützen.

Wie steht es um die materielle Teilhabe?
Die Mehrheit verfügt über die abgefragten Güter wie Handy oder gute Kleidung. Die meisten Eltern scheinen zuallerletzt beim Nachwuchs zu sparen. Aber 16 Prozent der Befragten machen sich oft Sorgen ums Geld, sie nehmen finanzielle Engpässe wahr. Viele von dieser Gruppe können auch nicht mit ihren Freunden ins Kino oder ins Freibad, weil es Geld kostet. Und auch nicht alle Kinder haben ein Zimmer für sich oder machen Familienurlaube. Das sind Indikatoren für Armut.

Interview: Franziska Schubert

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