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Cyber-Mobbing kann alle treffen

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Forscher wollen Jugendliche gegen Belästigung und Beleidigung im Internet wappnen.
Forscher wollen Jugendliche gegen Belästigung und Beleidigung im Internet wappnen. © dpa

Die Folgen von Belästigung, Hänselei und Verleumdung per Handy, in sozialen Netzwerken, Chatrooms oder auf Tratsch-Seiten sind höchst real. Nun wollen Forscher Jugendliche gegen Belästigung und Beleidigung im Internet wappnen.

Von Marika Bent

Der Junge heißt Joe und wird von seinen Mitschülern gemobbt. Und zwar im Internet, wo die ganze Welt mitlesen soll, dass Joe „ein Versager“ und „ein kleiner Arschkriecher“ ist. Die Leidensgeschichte des englischen Schülers kann man auf Youtube sehen. In diesem Fall ist es sogar erwünscht. Die britische Organisation Childnet hat den Film gedreht und ins Netz gestellt. Auch, weil in Großbritannien das Cyber-Mobbing bereits mehrere Schüler in den Selbstmord getrieben hat.

Joe ist eine fiktive Figur, erfunden, um den echten Joes draußen in den Schulen zu helfen. Auch in Deutschland. Im Präventionsprogramm „Medienhelden“ wird der Film regelmäßig vor Schulklassen gezeigt. Danach stellen sich die Schüler in einem Rollenspiel vor, wie es ist, wenn man selbst Mobbing-Opfer wird.

Empathie und Selbstwertgefühl der Schüler stiegen

„Es geht darum, den Schülern ein Gefühl dafür zu geben was, Cyber-Mobbing eigentlich bedeutet“, erklärt Pavle Zagorscak. Der 24-Jährige macht derzeit seinen Master in Psychologie an der Freien Universität (FU) Berlin. Im Team um den FU-Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer hat er das Programm „Medienhelden“ mitentwickelt, das im Rahmen des EU-Projektes Daphne III entstand.

Jetzt liegen die ersten Ergebnisse des Pilotprojekts vor. Daran nahmen in den vergangenen zwei Jahren mehr als 800 Schüler der Klassen 7 bis 11 an 35 Berliner Schulen teil.

Vorläufiges Fazit: In Schulklassen, die sich an den „Medienhelden“ in Form von Projekttagen oder einem zehnwöchigem Intensivkurs beteiligt haben, gab es weniger Fälle von Cyber-Mobbing. Empathie und Selbstwertgefühl der Schüler stiegen. In Klassen, die nicht teilnahmen, verschlechterte sich die Situation hingegen.

Schulwechsel hilft nicht

Das Phänomen der virtuellen Schülerschikane ist seit etwa zehn Jahren bekannt, wobei nur der Ort virtuell ist. Die Folgen von Belästigung, Hänselei und Verleumdung per Handy, in sozialen Netzwerken, Chatrooms oder auf Tratsch-Seiten sind höchst real. Sie manifestieren sich in Wut, Trauer und Angst, Rückzug und Einsamkeit. Täter hingegen zeigen – wen überrascht es – vor allem Aggression und werden in einem späteren Schritt von Schuldgefühlen und Reue geplagt.

Vom traditionellen Mobbing unterscheidet sich das Cyber-Mobbing vor allem dadurch, dass die Demütigung mit dem Gefühl von Grenzenlosigkeit einhergeht: Hass-Tiraden, herabwürdigende Fotos oder Montagen sind im Internet allen zugänglich. Umgekehrt erreicht die Kränkung auch ihre Opfer überall. Oft bleibt den Mobbing-Opfern nur der Schulwechsel. Für Pavle Zagorscak von der FU ist das der falsche Weg. „Es ist ein höchst nachvollziehbarer Schritt, doch er löst das Problem nicht“, sagt er.

Häufig komme es im neuen Umfeld wieder zu Problemen aufgrund der Vorerfahrung der Opfer. Die Täter wiederum würden keine Konsequenzen spüren. Zagorscak hält es für wichtiger, Cyber-Mobbing gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Wo ein gutes Klassenklima herrscht, verringert sich das Mobbing-Risiko

Der Kern des Programms „Medienhelden“ ist daher präventiv. Indem speziell geschulte Lehrer mit den Kindern üben, mehr Einfühlungsvermögen zu zeigen, soll den Häme-Attacken vorgebeugt werden. Wo ein gutes Klassenklima herrscht, verringert sich das Mobbing-Risiko. Außerdem trainieren die Lehrer, die zuvor selbst bei den „Medienhelden“ Schulungstage absolviert haben, mit ihren Schülern einen kritischen Blick aufs Internet: Was gibt mein Facebook-Profil über mich preis? Welche Fotos will ich überhaupt veröffentlichen? Wie kann ich meine Privatsphäre im öffentlichen Raum schützen?

Für konkrete Fälle von Cyber-Mobbing erarbeiten die „Medienhelden“ einen Handlungsplan. Ein „Notfallpaket“ soll betroffene Schüler handlungsfähig machen, sie vor Rückzugsreaktionen bewahren. „Wichtig ist beispielsweise, Beweise zu sichern, Screenshots von Internetseiten zu machen. Man muss wissen, an wen man sich an der Schule wenden kann“, sagt Zagorscak. Das könnten Vertrauenslehrer sein oder Medienscouts, die es an manchen Schulen bereits gebe. In jedem Fall sollten die gesamte Schule und die Eltern einbezogen werden. „Gut ist es, wenn Schüler so aufgeklärt sind, dass sie sich gegenseitig helfen können.“

Schnelle Reaktion

Wie reagiert werden kann, zeigt das Beispiel einer elften Klasse des Berliner Walter-Rathenau-Gymnasiums. Die Schule führte 2011 einen „Medienhelden“-Projekttag durch – genau zu jener Zeit, als das Treiben auf der Internetseite isharegossip die Öffentlichkeit erreicht hatte. Auch über ein Mädchen aus der Klasse war auf der Seite hergezogen worden. Für das Thema sensibilisiert, reagierten Schüler und Lehrer prompt. Eine Schulvollversammlung wurde einberufen, der Vorfall der Polizei gemeldet. „Das hat uns zusammengeschweißt“, erzählt Sarina Schlien, eine Schülerin der Klasse, „weil hier irgendwie jeder ein Opfer ist.“

Wie es für die „Medienhelden“ selbst weitergeht, ist derzeit noch ungewiss. Im März endet die Förderung der EU. Das Team um den Leiter Herbert Scheithauer hofft, dass sein Programm an den Schulen integriert wird. „Am besten in die Lehrerfortbildung“, sagt der Leiter. Im Mai erscheint auch ein „Medienhelden“-Handbuch für den Unterricht.

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