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Die "Direct Air Capture" soll Kohlendioxid aus der Luft filtern. Hier eine Anlage im kanadischen Calgary.

Klima

Die Crux mit den negativen Emissionen

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  • Christoph Müller
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Der Sonderbericht des Weltklimarats zum 1,5 Grad-Ziel macht umstrittene Technologien salonfähig.

Man habe das Potenzial hunderttausende, wenn nicht sogar Millionen Tonnen CO2 aus der Atmosphäre herauszuholen, freute sich dieser Tage Edda Sif Aradóttir, Vizechefin von Reykjavik Energy. Seit einiger Zeit erprobt der Energieversorger zusammen der Schweizer Firma Climeworks, das in Wasser gelöste Treibhausgas in tiefliegendes Basaltgestein zu pumpen. Dort reagiert das CO2 mit dem Gestein und mineralisiert längerfristig. 

Die Anlage – 25 Kilometer von Reykjavik entfernt – laufe jetzt schon einige Monate ohne Probleme, heißt es bei Climeworks. Nun plant das Konsortium, richtig ins Geschäft einzusteigen und das abzuscheidende CO2 – quasi als ein Art Dienstleistung – an Kunden zu verkaufen, die auf die Weise ihre Emissionen senken wollen.

Die Idee zur Expansion kommt nicht von ungefähr. Zwar sei es noch möglich, dass die Erderwärmung die 1,5-Grad-Marke nicht knackt, schreibt der Weltklimarat IPCC in seinem zu Wochenbeginn erschienenen Sonderbericht. Nahezu alle Wege, die der IPCC als theoretisch gangbar ermittelte, erfordern aber sogenannte „negative Emissionen“. Hier wird kein Klimaschutz betrieben, bei dem die Weltwirtschaft ohne den Ausstoß von Treibhausgasen auskommt, sondern der Atmosphäre soll mit technologischen Hilfsmitteln Kohlendioxid entzogen werden.

Am naheliegendsten sind das Wiederaufforsten gerodeter Wälder, das Wiedervernässen trockengelegter Feuchtgebiete und das Wiederherstellen von Mangrovenwäldern und Seegraswiesen. Das nützt auch der Artenvielfalt. Auf Agrarland lässt sich mit geeigneten Methoden die Speicherung von CO2 im Boden verbessern. Möglich wäre hier auch das Unterpflügen von Biokohle. CO2 ließe sich schließlich auch in Gebäuden binden, indem man mit Holz oder auch mit Bambus baut. Das würde auch den Verbrauch von klimaschädlichem Beton reduzieren.

Doch all das wird voraussichtlich nicht reichen. Die meisten Pfade zum 1,5-Grad-Ziel beinhalten deshalb eine Technik namens BECCS. Das Kürzel steht für „Bio-Energie mit CO2-Abscheidung und -Speicherung“.

Zunächst wird dabei pflanzliches Material wie Plantagenholz verbrannt, sprich: Bioenergie erzeugt. Anschließend wird aus dem Rauch das CO2 herausgefiltert und in Gesteinsformationen verpresst, also die CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) durchgeführt. Auf diese Weise soll das CO2, das die Pflanzen aufgenommen haben, dauerhaft der Atmosphäre entzogen werden. Je nachdem, wie stark sich die Welt auf BECCS verlässt, wäre eine riesige CCS-Infrastruktur erforderlich und an Land oder im Meer müssten große Mengen an Energiepflanzen produziert werden.

Ohne Energiepflanzen und CCS kommt eine andere Methode aus, die dafür in die Kategorie Geoengineering fällt: die Verwitterung von Gestein. Denn auch dabei wird CO2 gebunden. Der Prozess lässt sich beschleunigen, indem man Gestein zu Pulver zermahlt und dann Regen aussetzt. Anschließend kann man das Gesteinsmehl auf Äckern als Mineraldünger ausbringen oder ins Meer schütten, wo es auch bei natürlicher Verwitterung gelandet wäre. Dort wirkt der Gesteinsstaub der Versauerung der Ozeane entgegen. Das ist allerdings ein starker Eingriff in die Umwelt und damit riskant.

Eine weitere Methode des Geoengineerings ist die Meeresdüngung etwa mit Eisenspänen. Dadurch wird das Algenwachstum angeregt. Wenn diese dann absterben und auf den Meeresboden sinken, ist ebenfalls CO2 gebunden. Auch hier warnen Wissenschaftler und Umweltschützer vor den Nebenwirkungen.

Weder Pflanzen noch Gestein braucht schließlich eine dritte Methode: das Herausfiltern von Kohlendioxid aus der Luft. Hier strömt Luft durch einen Filter, der das CO2 bindet. Wenn der Filter mit CO2 gesättigt ist, wird er erhitzt. Dadurch gibt der Filter das Treibhausgas wieder frei, das anschließend mittels CCS entsorgt wird. Doch ohne Input kommt auch diese Methode nicht aus. Die „Direct Air Capture“ (DAC) genannte Technik, die übrigens auch von Climeworks in Island zum CO2-„Einsammeln“ benutzt wird, benötigt Strom. Folglich ist DAC nur sinnvoll, wenn genug Strom aus erneuerbaren Quellen zur Verfügung steht. 

Letztlich hat die Menschheit anscheinend die Wahl zwischen zwei Übeln: CCS in irgendeiner Form oder Geoengineering.

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