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Pandemien aus dem Stall

Zoonose: Coronavirus beweist die Gefahr von Massentierhaltung

  • Marcel Richters
    vonMarcel Richters
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Das Coronavirus ist nur ein Beispiel von vielen todbringenden Zoonosen, also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übergehen. Auf künftig ist die Gefahr solcher Pandemien groß.

  • Das Coronavirus ist eine Zoonose – und wir wohl nicht die letzte bleiben.
  • Viele lebensbedrohliche Erkrankungen wie Corona stammen aus dem Tierreich.
  • Wie der Verbreitung von Zoonosen beigekommen werden kann, ist noch offen.

Als im Januar 2020 die ersten Berichte über ein neues Coronavirus aus China aufkamen, waren diese kaum mehr als eine kurze Meldung wert. Zuletzt sorgten Krankheiten wie die Schweinegrippe oder SARS für Schrecken. Doch trotz hunderter Tote waren sie schnell vergessen. Eine Pandemie, also weltweite Verbreitung, blieb aus.

Die Corona-Pandemie drohte schon lang – als „Disease X“

Allerdings hatten Wissenschaftler schon seit Jahren davor gewarnt, dass in naher Zukunft wieder eine größere Pandemie die Menschheit heimsuchen könnte. Bei der Weltgesundheitsorganisation WHO wurde dafür als Platzhalter von „Disease X“ (Krankheit X) gesprochen. Dass es passiert, war klar, aber wann, wusste niemand. Schließlich gehören Seuchen und Pandemien seit Jahrtausenden zur Menschheitsgeschichte. Mit der Übertragung auf den Menschen haben Viren aber oftmals nicht ihren finalen Wirt gefunden. Sie können auch auf Tiere zurück übertragen werden und dort sogar zu noch gefährlicheren Formen mutieren. Dass im November rund 17 Millionen Nerze in Dänemark mit einer mutierten Form des Coronavirus gekeult werden mussten, war eine Erinnerung daran.

Dabei ist das Problem nicht neu. Die Spanische Grippe war – nach aktuellem Stand der Forschung – ein Erreger, der von Vögeln ausging. Als sicher gilt inzwischen, dass das HI-Virus, Auslöser der Immunschwäche AIDS, vom Affen stammt und wohl Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Verzehr von Affenfleisch auf den Menschen überging. Die Spanische Grippe forderte 50 bis 100 Millionen Tote, AIDS seit seiner Entdeckung rund 35 Millionen.

Die Corona-Pandemie ist kein Einzelfall – Zoonosen sind Normalität

Doch die Geschichte der lebensgefährlichen Zoonosen reicht noch weiter zurück. Pocken, diverse Influenza-Varianten und womöglich auch die Masern stammen von Tieren. Rund 800 bis 900 von 1400 Infektionserkrankungen, die den Menschen befallen können, sind Zoonosen, haben ihren Ursprung also in tierischen Wirten.

Ihren Weg zum Menschen fanden sie im Zuge der Sesshaftwerdung, als unsere Vorfahren begannen, nicht nur immer enger mit den Tieren, sondern auch miteinander zu leben. Zumindest deutet darauf die aktuelle Forschung hin. Ein wichtiges Indiz ist beispielsweise die Tatsache, dass, Menschen in der „Neuen Welt“ so anfällig für die Erkrankungen waren, die die Europäer mitbrachten. Eine umfassende Zusammenfassung dieser aktuellen Erkenntnisse lieferte kürzlicher der Yale-Professor James C. Scott mit seinem Werk „Die Mühlen der Zivilisation“.

Aber welche Konsequenz müssen dieses Wissen und die Corona-Pandemie für uns Menschen haben? Es wäre wohl unrealistisch, die Sesshaftigkeit und das Zusammenleben von Menschen in Städten infrage zu stellen. Was aber durchaus infrage gestellt werden kann, ist unser Umgang mit Tieren. Dabei geht es nicht um moralische Fragen, sondern vielmehr darum, uns vor der nächsten Pandemie zu schützen.

Die nächste Zoonose nach Corona könnte auch aus Europa kommen

Wenn es darum geht, richtet sich natürlich der Blick schnell nach Asien. Es war schließlich China, wo die Corona-Pandemie ihren Ausgang nahm. Auch die SARS-Epidemie stammte von dort, genauso wie tödliche Influenza-Pandemie der Subtypen A/H2N2 und H2N3, auch bekannt als „Asiatische Grippe“ und „Hongkong-Grippe“ mit mehreren hunderttausend Toten in den Jahren 1957/58 und 1968. Bei beiden Pandemien war es die Kombination von Geflügel-Viren mit den Influenza-Erregern, welche die Viren so gefährlich machte. Wobei wie bereits erwähnt auch das Influenza-Virus selbst bereits von Vögeln stammt.

Auch wenn das enge Zusammenleben von Mensch und Tier in Teilen Asiens mit besonders hoher Bevölkerungsdichte eine brisante Kombination ist, wäre es wohl reichlich kurz gegriffen, asiatische „Frischemärkte“, auf denen oft vor Ort geschlachtet wird, allein für die Entstehung der Corona-Pandemie verantwortlich zu machen – auch wenn das ehemalige US-Präsidenten anders sehen mögen.

Nein, die Gefahr der Entstehung von Pandemien ist allgegenwärtig. Und das besonders da, wo sich Viren gute Bedingungen bieten, um von Tieren auf Menschen überzugehen. Dass die dänischen Nerze als Vektoren der Viren-Mutation fungierten war Zufall, sie hätten auch der erste Wirt sein können. Noch schlimmer ist es dort, wo sich Viren so oft Medikamenten erwehren müssen, dass sie resistente Mutationen hervorbringen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Influenza-Virus. In der Grippesaison 2008/2009 waren laut einer Studie im Auftrag des US-Gesundheitsministeriums 98 Prozent der untersuchten Viren des Stamms H1/N1 gegen Neuraminidase-Hemmer wie Tamiflu resistent. Im Vorjahr waren es lediglich 12,3 Prozent.

Die Rolle von Landwirtschaftund Ernährung bei der Corona-Pandemien und Zoonosen

Aber Krankenhäuser sind nicht der einzige Ort, an dem multiresistente Keime ein ausgezeichnetes Umfeld finden, um sich zu entwickeln. Auch in Ställen, die auf den Einsatz von Antibiotika in Futtermitteln setzen, ist die Gefahr der Entstehung solcher Keime enorm. Die meisten dieser Ställe dienen der Nahrungsmittelproduktion. Bereits zwanzig Jahre vor dem Aufkommen des neuartigen Coronavirus, im Jahr 1999, hat der Wissenschaftliche Lenkungsausschuss der EU festgestellt, dass „die ständige Verwendung von antibiotischen Wachstumsförderern der Gesundheit von Mensch und Tier abträglich ist“. 2018 konnte man sich dann dazu durchringen, den Einsatz von Antibiotika in Landwirtschaft und Aquakulturen einzuschränken.

Erlaubt bleibt es aber weiterhin, Tiere in Ställen und auf engstem Raum zusammenzuhalten, beispielsweise auf Nerzfarmen. Doch auch die Fleischindustrie trägt erheblich dazu bei, dass die Gefahr einer erneuten weltweiten Seuche wie der Corona-Pandemie präsent bleibt. Denn auch dort leben Tiere auf engstem Raum zusammen, die hygienischen Bedingungen in den Ställen waren schon oft Ziel der Kritik nicht nur von Tierschutzorganisationen.

Daran ändern die Abschaffung der Stehhaltung oder mehr Platz in Käfigen wenig. Auch wenn vegetarische und vegane Produkte immer mehr mediale Aufmerksamkeit erhalten und besser vermarktet werden: Am Fleischkonsum ändert sich in Deutschland so gut wie nichts, wie Daten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung BLE zeigen. Während 2005 rund 88,35 Kilogramm pro Kopf und Jahr verzehrt wurden, waren es 2019 noch 87,9 Kilogramm – im Vorjahr sogar 90,1 Kilogramm. Dabei ist diese Form der Ernährung nicht nur in Sachen Zoonosen und Infektionsgefahr problematisch.

Die Gefahr einer neuen Pandemie bleibt

Die EU sieht sich mit dem „European Green Deal“ gerne als ökologisches Vorbild für den Rest der Welt. Gleichzeitig macht die Landwirtschaft mit all ihren Gefahren und Fehlern noch immer einen Großteil des EU-Haushaltes aus. Von rund 159 Milliarden Euro wurden 41,3 Milliarden als direkte Hilfe für die Landwirtschaft gezahlt. Und so bleiben Ställe in Europa oder den USA genau wie chinesische Frischemärkte eine häufig unterschätzte Gefahrenquelle.

Rubriklistenbild: © Morten Stricker/dpa

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