Umwelt

One Health: Wie Infektionen von Tier auf Mensch gestoppt werden sollen

Der Mensch bringt vielerorts die Ökosysteme aus dem Gleichgewicht – das hat zur Folge, dass immer wieder Erreger von Tieren auf den Menschen überspringen. Ein Ausweg könnte der „One-Health-Ansatz“ sein.

  • Das Coronavirus ist ein Virus, das Tiere auf Menschen übertragen haben.
  • Instabile Ökosysteme sind mitschuld an der Verbreitung solcher Infektionskrankheiten.
  • Das Konzept „One Health" soll diesen Viren vorbeugen und dabei das Ökosystem erhalten.

Auf Sumatra brennt der Wald. Im Jahr 1997 benötigt die indonesische Regierung Raum für neue Palmölplantagen. Denn Palmöl ist das wichtigste Exportgut des Landes. Dafür müssen Wälder weichen. Innerhalb von drei Monaten rodet Indonesien fünf Millionen Hektar Wald. Enorme Rauchschwaden ziehen über das Land.

Die übrig gebliebenen Bäume ersticken im Smog. Sie können keine Früchte mehr produzieren, Tiere bekommen keine Nahrung mehr und müssen sich neue Lebensräume suchen. So auch die ortsansässigen Flughunde. Sie fliehen in das benachbarte Malaysia und siedeln sich rund um Schweinemastbetriebe an. Dort gibt es noch unberührte Bäume mit reichlich Früchten.

Tiere verbreiten Viren wie das Coronavirus in geschädigten Ökosystemen

Die Flughunde sind allerdings Träger des Nipah-Virus. Durch die neue räumliche Nähe überträgt sich das Virus bald zunächst auf die Schweine in den Betrieben, dann auf die Menschen in den umliegenden Farmdörfern. Die Folge: Eine lokale Epidemie, bei der über 100 Menschen an schweren Hirnhautentzündungen sterben.

Auf Sumatra ist das Ökosystem durch den Menschen in ein Ungleichgewicht geraten. Brennende Wälder setzen eine tödliche Kettenreaktion in Gang. Der Fall zeigt, wie fragil die Gesundheit in einem Ökosystem ist: Veränderungen in einem Teil haben Auswirkungen auf alle anderen. Diese Schlussfolgerung ist Zentrum des „One-Health-Ansatzes“.

„One Health“ – Eine Gesundheit, der Name beschreibt die Idee. „Wir müssen die Gesundheit von Menschen, Tieren und der Umwelt zusammen denken“, sagt May Hokan. Sie ist Tierärztin und Artenschützerin des World Wide Fund For Nature (WWF). In einem gesunden Ökosystem herrsche ein fragiles Gleichgewicht. Wird es gestört, hat das Folgen. Und die Menschen stören oft. Durch Luft- und Wasserverschmutzung, durch Abholzung von Wäldern, durch Ausweitung der Städte. Die Resultate sind drastisch. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) hängen 23 Prozent der weltweiten Todesfälle pro Jahr mit einer ungesunden Umwelt zusammen.

Roden und pflügen: Auch hier im Waldgebiet Gran Chaco in Südamerika hat der Mensch seine Spuren hinterlassen.

„One-Health“-Strategie zur Vorbeugung von Zoonosen wie der Corona-Krise

Tiere verlieren ihre Lebensgrundlage und rücken deshalb räumlich näher zu den Menschen. So kommt es zu engem Kontakt, der in einem ausgeglichenen Ökosystem nicht vorgesehen war. Dieser verläuft für keine der beiden Seiten zum Vorteil. Menschen jagen exotische Tiere. Tiere übertragen bisher unbekannte Krankheitserreger auf den Menschen. Diese Art der Infektionen heißen Zoonosen. Rund 75 Prozent aller neu auftretenden Krankheiten haben einen tierischen Ursprung. Jährlich würden etwa drei bis vier neue Zoonosen von Tieren auf Menschen überspringen, sagt May Hokan. Das Nipah-Virus ist eine Zoonose, Ebola ist eine Zoonose und natürlich: das Coronavirus Sars-Cov-2 ist eine Zoonose.

Wie hängt also der Ansatz von „One-Health“ mit Zoonosen wie dem Coronavirus zusammen? Das diskutierte am 13. Mai auch der Ausschuss des Deutschen Bundestages für Umwelt und Naturschutz. Kurzfristig war man noch in eine größere Räumlichkeit ausgewichen, um die Sicherheitsabstände gewährleisten zu können. Im Saal anwesend waren trotzdem nur die Mitglieder des Ausschusses. Sachverständige wohnten der Sitzung per Videokonferenz bei, Zuschauer konnten lediglich zeitversetzt über das Parlamentsfernsehen folgen. Das Thema: „Zoonosen – Ursache, Verbreitung, Vorbeugung“.

Fledermäuse sollen das Coronavirus über einen Zwischenwirt an die Menschen übertragen haben.

Mehrere Sachverständige erwähnen „One Health“ als Ansatz, Zoonosen besser entgegenwirken und ihnen in Zukunft effektiver vorbeugen zu können. Natur schützen bedeute die Gesundheit schützen. In der Praxis heißt das vor allem, dass die verschiedenen Disziplinen bestehend aus Humanmedizin, Tiermedizin und Umweltwissenschaften fächerübergreifend zusammenarbeiten. Angewandt ist „One Health“ eine Strategie, Fachkenntnisse und Perspektiven aus verschiedenen Bereichen zu teilen. Ein gemeinsames Vorgehen der drei Sektoren sei entscheidend für eine erfolgreiche Bekämpfung von neuen Infektionskrankheiten, urteilt auch die WHO in einem Leitfaden über Zoonosen.

„One-Health“-Strategie am Beispiel der Tollwut

Wie kann das praktisch aussehen? May Hokan erläutert es am Beispiel der Tollwut. Die ist eigentlich nicht behandelbar. Menschen bekommen sie in der Regel durch einen Biss von einem tollwütigen Hund oder Fuchs. Schutz gibt es nur durch eine Impfung. Wer keine Impfung hat, kann sie maximal 24 Stunden nach einem Biss nachholen. Ansonsten führt Tollwut nach dem Ausbruch normalerweise innerhalb weniger Tage zum Tod. Das abstrakte Konzept „One Health“ in die Praxis zu übertragen, ist in diesem Fall vergleichsweise einfach. Um der menschlichen Gesundheit zu helfen, könnten etwa tollwutanfällige Tiere vermehrt geimpft werden, sagt Hokan.

Das Thema „One Health“ ist nicht neu. 2016 haben mehrere Bundesministerien eine gemeinsame „One Health“ Forschung vereinbart. Auch die Europäische Union hat bereits vor mehreren Jahren ein gemeinschaftliches Forschungsprogramm ins Leben gerufen. Die Verantwortlichen in Deutschland und Europa sind sich also bewusst, wie wichtig es ist, bei der Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt fächerübergreifend zu forschen.

„One-Health“-Strategie zur Bekämpfung des Coronavirus

Wie sieht es aber aktuell in der Praxis beim Kampf gegen das Coronavirus aus? Hier kooperieren Human- und Tiermedizin europaweit vor allem in einem Bereich: bei den Corona-Tests. In Schweden und Belgien stellen beispielsweise tiermedizinische Labore ihre Ressourcen zur Verfügung, um die Testkapazitäten ihrer Länder zu erhöhen.

Und in Deutschland? Es ist kompliziert. Gesundheitsminister Jens Spahn stellte am 7. Mai im Bundestag den Gesetzentwurf zur zweiten Änderung des Infektionsschutzgesetzes vor. Zur weiteren Eindämmung der Pandemie wolle man unter anderem die Testkapazitäten in Krankenhäusern und Pflegeheimen erhöhen. Was er dabei nicht sagt: Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat kurz vor der Veröffentlichung tiermedizinische Labore aus dem Entwurf gestrichen. Ursprünglich sollte die Gesetzesänderung Corona-Tests auch in diesen Laboren ermöglichen. Das BMG entfernte diesen Passus wieder. Deutschland verfüge auch so über ausreichend Testkapazitäten.

Coronavirus: „One Health" scheitert in Deutschland an wirtschaftlichen Interessen

Astrid Behr vom Bundesverband praktizierender Tierärzte vermutet politische Taktiererei als tatsächlichen Grund. Die Humanmedizin habe Druck aufs BMG ausgeübt. Eine Pressemitteilung aus dem April stützt diese These. Die Bundesärztekammer lehne es ab, tiermedizinische Labore bei der Auswertung von Corona-Tests miteinzubeziehen. BMG und Ärztekammer äußerten sich auf Anfrage nicht zu der Kritik. Ursprung für die Ablehnung seien wirtschaftliche Interessen, behauptet Behr. Jeder Test bringt Geld. Der Humanmedizin sei eigener Profit wichtiger als Kooperation. Für Behr ist das „völlig lächerlich“. Öffentlich propagierten BMG und Ärztekammer den „One-Health-Ansatz“. De facto gebe es eine fachübergreifende Zusammenarbeit in Deutschland auf Bundesebene aber nicht. (Von Finn Müller)

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