Wissen-alte_131020
+
Unabhängig von ihrem Alter finden die meisten Menschen Maßnahmen wie Abstandhalten und Masketragen richtig.

Interview

Umgang der Generationen mit Corona: „Junge Leute wissen doch gar nicht, was Krise bedeutet“

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
    schließen

Der Nürnberger Psychogerontologe Frieder R. Lang über den Umgang der verschiedenen Generationen und Kulturen mit Corona - und warum er den Begriff „Risikogruppe“ nicht mag.

  • Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf ältere Menschen?
  • Diese Frage untersucht die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in einer Studie.
  • Institutsleiter Frieder R. Lang, Professor für Psychogerontologie, im Gespäch mit der FR.

Frankfurt - Ältere Menschen stehen seit Beginn der Corona-Pandemie im Fokus – als jene Gruppe, die durch eine Infektion mit dem Virus besonders gefährdet wäre und deshalb geschützt werden muss. Welche Auswirkungen das auf sie selbst und ihr Erleben der Krise, aber auch auf jüngere Menschen und deren Vorstellungen vom eigenen Älterwerden hat, untersucht das Institut für Psychogerontologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg in der Online-Studie „Corona und Alter“. Dafür haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit April rund 2000 Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 94 Jahren wiederholt befragt. Sie kommen aus allen Teilen Deutschlands, mehr als ein Drittel ist älter als 65 Jahre. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau berichtet Institutsleiter Frieder R. Lang, Professor für Psychogerontologie, über den aktuellen Stand der Ergebnisse.

Herr Lang, in der öffentlichen Diskussion zur Corona-Krise wird der vermeintliche Gegensatz von Alt und Jung noch stärker als sonst betont. Spiegelt sich das auch in Ihrer Studie? Erleben die Älteren die Pandemie anders als die Jüngeren?

Die Pandemie betrifft Junge und Alte gleichermaßen, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Generell kann man aber sagen, dass die Älteren gelassener reagieren als die Jüngeren – die von den Älteren allerdings erwarten, dass sie nicht so gelassen reagieren sollten. Daraus entsteht ein Spannungsverhältnis. Das ist gerade im Verlauf der Pandemie interessant. Es deutet sich an, dass sich die Sichtweisen von Älteren weniger verändern als die der Jüngeren. Insbesondere dann, wenn sie Covid-19 als bedrohlich bewerten, verändert sich ihre Einstellung zum Altern – überraschenderweise sogar eher zum Positiven. So wird der Wunsch, länger zu leben, oft stärker als vorher. Es scheint so, als versuchten die Jüngeren damit die Bedrohung abzuwehren. Das sehen wir bei älteren Menschen in dieser Form kaum oder nicht.

„Ihr jungen Leute wisst doch gar nicht, was eine Krise bedeutet.“

Frieder R. Lang zitiert Äußerungen älterer Menschen aus Erhebungen zu Corona in Deutschland

Corona-Krise: Ältere machen sich mehr Sorgen um ihre Mitmenschen

Wie drückt sich die beobachtete Gelassenheit bei den Älteren aus?

Obwohl sie stärker durch das Virus gefährdet sind, machen sich die Älteren weniger Sorgen um die eigene Gesundheit als um die Situation von anderen. Insgesamt verhält es sich bei allen Generationen so, dass die Angst um die Angehörigen größer ist als die um sich selbst. Wir wissen nicht, ob dies vielleicht typisch ist für die deutsche Bevölkerung. Wir erwarten demnächst die Befunde einer vergleichbaren Studie aus China und vermuten, dass es sich dort ähnlich verhält. Hingegen deuten erste Befunde aus den USA, wo der Individualismus ausgeprägter ist, darauf hin, dass dort die Sorge um die eigene Situation im Vordergrund steht. Das hat auch mit dem Gesundheitssystem und der aufgeheizten politischen Situation zu tun.

Im Zusammenhang mit Covid-19 werden ältere Menschen stets als Risikogruppe dargestellt. Nun sagen Sie, dass sich die Älteren gar nicht so viele Sorgen um ihre Gesundheit machen. Bedeutet es, dass sie sich selbst nicht als Risikogruppe sehen oder dass es für sie keine Rolle spielt?

Frieder R. Lang ist Psychogerontologe.

Auch die Älteren sehen ihr persönliches Risiko als eher gering an. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich fahrlässig verhalten oder riskieren würden, sich anzustecken. Unabhängig vom Alter finden die meisten der von uns befragten Menschen die Maßnahmen der Regierung richtig, auch wenn die Unzufriedenheit zuletzt etwas gestiegen ist. Etwa zehn Prozent verweigern sich, und die kommen aus allen Altersgruppen. Den Begriff Risikogruppe finde ich problematisch. Die Älteren und die Menschen mit Vorerkrankungen sind die Gefährdeten. Eine Risikogruppe stellen doch eher diejenigen dar, die sich riskant verhalten und etwa ohne Abstand und Mundschutz feiern.

Corona: Niemand darf aufgrund seines Alters benachteiligt werden

Hat die ständige Verwendung des Begriffs denn Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl älterer Menschen und die Sichtweise auf das Alter?

Auch das ist je nach Land unterschiedlich. Bei uns in Deutschland gab es in Talkshows heftige Diskussionen um die Triage und die Frage, ob Alter ein Kriterium bei nicht ausreichenden Behandlungskapazitäten sein darf. Man hat aber zum Glück schnell entschieden, dass niemand aufgrund seines Alters benachteiligt werden darf. Menschenverachtende Haltungen sind in Deutschland heute nicht mehrheitsfähig. Auch deutet kein einziger Befund, der mir bekannt ist, darauf hin, dass die Generationensolidarität, auf der unser Gesundheitssystem basiert, in Gefahr ist, nur weil Menschen feststellen, dass man im Alter besondere Bedürfnisse hat. In den USA hingegen wurde das Alter bei der Behandlung von Covid-19-Kranken durchaus als diskriminierender Faktor eingeführt. Das hatte dort auch Folgen für die Psyche älterer Menschen, die sich benachteiligt und bedroht fühlen.

Einige Altersforscher haben zu Beginn der Krise die Befürchtung geäußert, dass die Pandemie das negative Bild, das viele vom Alter haben, wieder verstärken könnte.

Grundsätzlich lassen sich negative Altersstereotype leider kaum verändern. Die meisten Versuche, negative Altersbilder durch Interventionen zu bessern, blieben bislang erfolglos. In der aktuellen Pandemie kommt etwas hinzu, was ich als paradoxe Folgen einer gut gemeinten Abwehr von Diskriminierung bezeichne. So hat in Deutschland die Haltung, wir dürfen die Älteren nicht in Gefahr bringen, zunächst nur deren Verletzlichkeit in den Vordergrund gestellt. Das bringt leider auch Kränkungen für die Betroffenen mit sich. Möglicherweise sind solche Einstellungen bei Menschen in Haushalten mit vielen Generationen weniger ausgeprägt als bei alleinstehenden Menschen. Vor allem in Pflegeeinrichtungen bedeutet gut gemeint oft nicht gut gemacht. Dort wird gesagt: Ihr seid besonders gefährdet, deshalb müssen wir euch isolieren. Wenn man genauer hinschaut, ist das aber nicht so ganz ehrlich. Mit Aufwand und der Bereitschaft bei Jüngeren, sich selbst einzuschränken, kann man bessere Lösungen finden.

Corona: Ältere Menschen wissen mit Krisen umzugehen

Nehmen an Ihrer Studie auch Menschen teil, die in einem Pflegeheim leben?

Leider nur vereinzelt. Als forschende Arbeitsgruppe hat man zurzeit so gut wie gar keinen Zugang zu diesen Einrichtungen. Einige Heimleitungen führen aus Angst vor einem Covid-19-Ausbruch ein recht strenges Regiment der Abschottung nach außen. Das ist aber ein Thema, zu dem gesondert geforscht wird.

An Ihrer Befragung haben gleichwohl auch sehr alte Menschen teilgenommen. Wie ergeht es über 90-Jährigen in der Pandemie?

Da möchte ich zunächst von einer wichtigen Studie aus Israel mit Holocaust-Überlebenden berichten. Es gab die Befürchtung, dass es bei ihnen durch die Corona-Pandemie zu einer Re-Traumatisierung kommen könnte. Doch bei diesen besonderen Menschen zeigt sich ein gelassener Umgang mit der Pandemie. „Das ist doch nichts im Vergleich zu dem, was wir schon erlebt haben“, sagten sie. „Wir haben Schlimmeres überstanden.“ Auch Erhebungen aus Deutschland deuten darauf hin, dass sehr alte Menschen die Pandemie als nicht so dramatisch empfinden, im Vergleich zu früher. Sie sagen: „Ihr jungen Leute wisst doch gar nicht, was eine Krise bedeutet.“ Tatsächlich machen die unter 60-Jährigen derzeit eine neue Erfahrung: Viele werden sich erstmals der Fragilität des Lebens bewusst. Das wissen die Älteren schon lange. Die ab den 1960er Jahren Geborenen haben noch keine größere Krise als diese erlebt. Sie kennen Deutschland bei aller Unterschiedlichkeit der Verhältnisse doch meist als stabiles Land, das Sicherheit bietet. Dass das Leben auch Bedrohungen mit sich bringt, ist eher eine typische Erfahrung des Alters und wird durch die Pandemie für diese Generationen erstmals spürbar. Aber das ist nicht nur negativ: Es zeigt, dass man lernen muss, mit unerwarteten Belastungen umzugehen. Und je besser das gelingt, desto besser kann man auch das Altern bewältigen.

Ist das aus Ihrer Sicht eine positive Auswirkung der Pandemie ?

Ja. Bei den Verlusten, die viele zur Zeit erleiden, darf man das auch ansprechen: Es ist schön zu sehen, wie wir jetzt lernen, besser aufeinander achtzugeben und uns auf Grundwerte des guten Lebens zu besinnen. (Interview: Pamela Dörhöfer)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare