Rund 100.000 Klinikbetten stehen leer. Medizinexperten raten dazu, Patienten umzulegen, um möglichst viele freie Zimmer zu schaffen.
+
Rund 100.000 Klinikbetten stehen leer. Medizinexperten raten dazu, Patienten umzulegen, um möglichst viele freie Zimmer zu schaffen.

Coronavirus-Pandemie

Was Kliniken in Deutschland jetzt schon tun können, um Szenarien wie in Italien zu verhindern

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
    schließen

Kliniken in Zeiten der Coronavirus-Pandemie: Im Prinzip gibt es in Deutschland genug Kapazitäten für viele Intensivpatienten.

  • Welche Maßnahmen Kliniken gegen Coronavirus Sars CoV-2 treffen
  • Experten sind zuversichtlich
  • Personal muss geschützt werden

Das Ausbreiten der Epidemie verlangsamen, damit nicht zu viele schwer erkrankte Patienten mit Covid-19 gleichzeitig in die Kliniken kommen und diese an ihre Grenzen geraten: Das ist einer der Leitsätze, die Mediziner und Politiker seit Tagen immer wieder äußern. Man will unter allen Umständen verhindern, dass es zu einer ähnlichen Situation wie in Italien kommt, wo die Zahl der Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, sprunghaft gestiegen ist und es in einigen Krankenhäusern zu dramatischen Engpässen kam. Aktuell werden dort rund zehn Prozent aller positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getesteten Patienten von Intensivstationen aufgenommen und maschinell beatmet.

Coronavirus Sars CoV-2: Experten in Deutschland mit moderater Zuversicht

Könnten Kliniken in Deutschland mit einem solchen Szenario fertigwerden? In einer vom wissenschaftlichen Informationsdienst „Science Media Center“ organisierten Pressekonferenz äußerten sich Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitswesen dazu; mit moderater Zuversicht. Im internationalen Vergleich gebe es in Deutschland „insgesamt sehr viele Betten“, sagt Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin und Co-Direktor des Europaen Observatory on Health Systems and Policies. Nach seinen Angaben stehen in allgemeinen Krankenhäusern und Universitätskliniken in Deutschland rund 450.000 Betten zur Verfügung, die meisten davon in Zwei- und Dreibettzimmern. Rund 100.000 davon stünden leer. „Wenn wir die Patienten ein wenig umlegen würden, hätten wir praktisch 50.000 leere Doppelzimmer.“

28.000 der 450.000 Betten seien Intensivbetten, „ein relativ hoher Anteil“, wie Busse sagt: „Im Vergleich zu Italien haben wir bezogen auf tausend Einwohner zweieinhalb Mal so viele Intensivbetten.“ Der Gesundheitsfachmann geht davon aus, „dass wir mit unseren Kapazitäten gut hinkommen“ und auch die italienischen Verhältnisse „uns noch längst nicht überlasten“ würden: „Wir könnten das mit unseren jetzigen Strukturen sehr gut handeln“. Voraussetzung sei freilich, dass man das Personal entsprechend schützen könne und es nicht ausfalle.

Coronavirus Sars CoV-2: Zusätzliche Beatmungsgeräte anschaffen

Busse räumt allerdings ein, dass es sinnvoll wäre, zusätzliche Beatmungsgeräte anzuschaffen, denn nicht alle Intensivbetten an deutschen Kliniken sind damit ausgestattet. Auch sei es wichtig zu klären, ob grundsätzlich genug Material vorhanden sei, sagt Uta Merle, kommissarische Ärztliche Direktorin der Klinik für Gastroenterologie, Infektionen und Vergiftungen am Uniklinikum Heidelberg: „Da muss man schauen, dass die Kliniken nicht am Ende daran scheitern, dass der Beatmungsschlauch nicht mehr da ist.“ 

Die Klinik Schwabing in München hat in Deutschland derzeit die meiste Erfahrung mit der Versorgung von Covid-19-Patienten; 35 wurden in den vergangenen fünf Wochen behandelt, wie Clemens Wendter berichtet, der dort Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen ist. Am Klinikum seien „Pandemiezonen“ definiert und Personal zugeschaltet worden. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müsse eine Kinderbetreuung vorgehalten werden. 

Coronavirus Sars CoV-2: Nur geschultes Personal zu Covis-19-Patienten

Empfehlungen der Fachgesellschaften können hier eingesehen werden

Wie gut die Kliniken die Versorgung auch einer großen Zahl von Covid-19-Patienten meistern können, steht und fällt mit dem Personal. Nun war bereits lange vor der Coronakrise die Rede davon, dass in Deutschland tausende Pflegekräfte fehlen. Reinhard Busse sieht die Lösung für den Notfall im Umschichten und im Verschieben von nicht dringlichen Krankenhausaufenthalten. In Deutschland gebe es ungefähr 50 Prozent mehr stationäre Patienten als im Schnitt der EU-Länder: „Sprich, jeder dritte von unseren Patienten wäre in anderen Ländern nicht stationär im Krankenhaus. Wenn wir jetzt in einer Krise die Krankenhaufenthalte reduzieren, die nicht notwendig sind, dann haben wir auch das Pflegepersonal, was derzeit gebunden ist, für die Patienten zur Verfügung, wo wir es tatsächlich brauchen.“ 

Uta Merle wünscht sich dafür auch ein klares Signal der Politik, dass es für Kliniken, die viele Covid-19-Patienten behandeln und Operationen verschieben, nicht zum finanziellen Nachteil sein dürfe. Eine Schwierigkeit sieht die Ärztin zudem darin, angesichts des sich stetig ändernden Wissens zum neuartigen Coronavirus auch als Mediziner auf dem Laufenden zu bleiben. 

Es wäre wichtig, über verbindliche Empfehlungen stets auf dem aktuellen Stand gehalten zu werden. Regelmäßig aktualisierte Leitlinien wären insbesondere auch für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte notwendig, sagt auch Reinhard Busse. 

Coronavirus Sars CoV-2: Betten freimachen

Mehrere medizinische Fachgesellschaften unter Leitung der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) haben am Mittwoch aktuelle Empfehlungen zur intensivmedizinischen Therapie von Patienten mit Covid-19 veröffentlicht. Darin wird ein Überblick über den Kenntnisstand der Diagnostik, zum Krankheitsbild und den Schutzmaßnahmen geliefert. Demnach sollte „definitiv nur geschultes Personal Zugang zu den Betroffenen haben und dieses Personal möglichst von der Versorgung anderer Patienten freigestellt werden“. 

Auch gibt es konkrete Empfehlungen zu Medikamenten und Beatmung. Grundsätzlich raten die Expertinnen und Experten dazu, dass sich „multidisziplinäre Teams in den jeweiligen Kliniken“ mit der Thematik befassen sollten. Dazu sollten „in jedem Fall Intensivmediziner, Pflegekräfte, Infektiologen und Krankenhaushygieniker“ gehören. 

„Mit Blick auf die steigende Zahl der Patienten haben wir uns auch mit der Verfügbarkeit der Intensivbetten beschäftigt“, sagt Christian Karagiannidis, Präsent der DGIIN und leitender Oberarzt an der Lungenklinik Köln-Merheim. Das „ARDS“(Acute Respiratory Distress Syndrome)-Netzwerk, das sich mit akutem Lungenversagen beschäftigt, und die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin werden deshalb gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut eine Webseite freischalten, auf der Kliniken alle freien Intensivkapazität melden sollen. Derzeit können sie das noch über das Melderegister des ARDS-Netzwerkes tun.

Mehr zum Thema

Kommentare