Social Distancing

Coronavirus-Pandemie: Epidemiologen empfehlen Social Distancing bis 2022

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Britische Forscher warnen vor einer zweiten Coronavirus-Erkrankungswelle wie bei der Spanischen Grippe – und plädieren für einen Lockdown bis 2022.

  • Lässt sich eine zweite Corona-Welle nur verhindern, wenn Kontaktsperren langfristig durchgehalten werden?
  • Das vermuten Epidemiologen der London School of Hygiene & Tropical Medicine
  • Ein Lockdown bis 2022 ist unrealistisch - die Forscher haben jedoch einen Alternativ-Vorschlag

Das Szenario macht alles andere als gute Laune: Noch eineinhalb bis zwei Jahre lang Abstand halten zu anderen Menschen, kein dichtes Zusammensitzen in Kneipen oder Bars, keine Feste, keine Veranstaltungen mit hunderten oder tausenden Teilnehmern. Wer empfiehlt so etwas? Die Überlegungen kommen aus England: Britische Epidemiologen der London School of Hygiene & Tropical Medicine vermuten, dass sich eine zweite Erkrankungswelle von Covid-19 nur dann verhindern ließe, wenn Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren langfristig durchgehalten oder zumindest intermittierend immer wieder aufgenommen werden.

Immerhin: Wirkungsvolle Medikamente gegen Covid-19 und ausreichende Kapazitäten in den Intensivstationen der Krankenhäuser könnten die Situation verbessern, räumen die Forscher um Stephen M. Kissler und Marc Lipsitch ein. Ihre Studie wurde im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht.

Angst vor zweiter Corona-Welle - Spanische Grippe verlief in drei Wellen

In einem Bericht im Deutschen Ärzteblatt werden außerdem Bezüge zu einer früheren Studie der Epidemiologen aus dem Jahr 2007 hergestellt. Darin haben die Wissenschaftler sich mit der Spanischen Grippe beschäftigt. Diese große Pandemie des vergangenen Jahrhunderts war zwischen 1918 und 1920 in drei Wellen verlaufen. Wie Covid-19 wurde sie per Tröpfcheninfektion übertragen, so wie heute gab es weder Impfstoff noch wirksame Medikamente. Und schon damals spielten Quarantäne und Lockdown eine wichtige Rolle beim Eindämmen der Seuche, auch wurden diese Einschränkungen regional unterschiedlich gehandhabt – mit unterschiedlichen Effekten auf die jeweiligen Infiziertenzahlen. Schätzungen zufolge kostete die Spanische Grippe weltweit rund 50 Millionen Menschen das Leben.

Für ihre aktuellen Berechnungen zogen die Epidemiologen das Verhalten von zwei anderen Coronaviren mit Namen HCoV-OC43 und HCoV-HKU1 heran. Beide sind harmlosere Verwandte von Sars-CoV-2, sie verursachen Erkältungskrankheiten und kursieren vor allem in den Wintermonaten. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass bei Covid-19 ein zweiter Erkrankungsgipfel nur dann zu verhindern ist, wenn die Einschränkungen im Alltag lange, am besten bis 2022, gültig bleiben.

Coronavirus eindämmen: Lockdown bis 2022 unrealistisch

Wann es nach Beenden des derzeitigen Corona-Lockdowns zu einer zweiten Welle kommen könnte, machen die britischen Forscher davon abhängig, wie lange die Einschränkungen gelten. Ihre Rechnung: Werden die Maßnahmen nach acht Wochen beendet, könnten im Hochsommer die Infektionszahlen wieder deutlich steigen. Bei einem dreimonatigen Lockdown müsste nach Ansicht der Wissenschaftler im Spätsommer mit einer zweiten Welle gerechnet werden, nach 20 Wochen Pause des öffentlichen Lebens wäre es im Winter soweit. Dabei könnte nach den Berechnungen der Briten die zweite Welle umso heftiger ausfallen, je effektiver die Reproduktionsrate des Virus durch die derzeit geltenden Einschränkungen gesenkt wurden – es sei denn, man hielte bis 2022 durch.

Die Reproduktionsrate R sagt aus, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Grundsätzlich gilt: Je niedriger der Wert, desto besser. Liegt die Reproduktionsrate über 1, steckt ein Infizierter im Mittel mehr als einen anderen Menschen an – auf diese Weise erhöht sich die Zahl der täglichen Neuinfektionen. Liegt die Rate unter 1, steckt ein Infizierter im Mittel weniger als einen anderen Menschen an. In Deutschland lag die Reproduktionsrate am Dienstag nach Ostern bei 1,2.

Da ein Durchhalten der Corona-Beschränkungen bis 2022 aus mehreren Gründen unrealistisch und die Effektivität auch unter Wissenschaftlern umstritten ist, nennen die britischen Forscher selbst eine Alternative. Diese sehen sie im intervallartigen Wiedereinführen des Lockdowns bei steigenden Infiziertenzahlen.

Coronavirus-Pandemie: Impfung könnte für Ende sorgen

Bei den Berechnungen der britischen Epidemiologen gibt es freilich viele Unbekannte: An erster Stelle wäre hier die ungewisse Zahl der Menschen, die eine Coronavirus-Infektion bereits durchgemacht haben, zu nennen. Je höher sie ist, desto weniger dramatisch dürften die Zahlen bei einer erneuten Welle in die Höhe schießen. Ungeklärt ist bislang auch noch, wie sich die auf der Nordhalbkugel jetzt steigenden Temperaturen auf das Sars-Coronavirus-2 auswirken werden. Die Einschätzungen von Virologen sind unterschiedlich.

Die verbreiteten harmlosen Corona-Erkältungsviren kursieren vor allem in der kälteren Jahreszeit, einige Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass auch Sars-CoV-2 sich bei anhaltend warmem Wetter abschwächen wird. In diesem Fall könnte der Erreger aber wie andere Erkältungs- und die Influenzaviren im Herbst wiederkommen. Würde es dann zu einer weiteren Covid-19-Erkrankungswelle kommen, könnte das Zusammentreffen mit der jährlichen Grippesaison besonders schwerwiegende Folgen haben.

Sicher scheint derzeit nur Eines: Für ein klares Ende könnte eine Impfung sorgen, die dann auch der gesamten Weltbevölkerung zur Verfügung stünde.

Von Pamela Dörhöfer

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Rubriklistenbild: © Getty Images

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