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Katharina Kleilein, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Unternehmen Corat Therapeutics, überprüft in einem sterilen Bereich selektierte Antikörper mit einer Pipette. Auch das im Jahr 2020 gegründete Biotechnologieunternehmen mit Sitz in Braunschweig entwickelt ein Medikament gegen Covid-19.
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Katharina Kleilein, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Unternehmen Corat Therapeutics, überprüft in einem sterilen Bereich selektierte Antikörper mit einer Pipette. Auch das im Jahr 2020 gegründete Biotechnologieunternehmen mit Sitz in Braunschweig entwickelt ein Medikament gegen Covid-19.

Studie

Corona-Behandlung: Krebsmedikament könnte Menschen vor dem Tod retten

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Eine neue Corona-Studie aus Marburg und Kassel macht Hoffnung. Das Krebsmedikament Ruxolitinib kann schwerstkranken Corona-Patient:innen helfen.

Marburg/Kassel – Die erste Covid-Patientin, die Andreas Neubauer mit Ruxolitinib behandelt hat, war gerade mit dem Flugzeug aus China zurückgekommen und in einem äußerst kritischen Zustand. „Sie war extrem krank und schon kurz nach der Landung in Frankfurt intubationspflichtig geworden“, berichtet der Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Immunologie am Universitätsklinikum Marburg. Fast eineinhalb Jahre ist das mittlerweile her.

Die Frau hatte sich im März 2020 in China mit dem damals noch neuartigen Coronavirus infiziert und musste nach ihrer Ankunft im Universitätsklinikum Marburg sofort künstlich beatmet werden. „Ihre Lunge war weiß“, sagt Neubauer, also hochgradig entzündet. Mittlerweile weiß man, dass lebensbedrohliche Verläufe bei Covid-19 nicht mehr durch das Virus selbst verursacht werden, sondern von einer entgleisten Immunreaktion herrühren, in deren Folge körpereigenes Gewebe angegriffen wird und es zu Lungenversagen kommen kann. Damals gab es dazu zwar bereits erste Daten aus China, Allgemeingut in der Medizin war diese Erkenntnis jedoch noch nicht.

Corona-Behandlung: Krebsmedikament Ruxolitinib macht Hoffnung

Die „wahnsinnige Entzündung“, die Neubauer bei der Patientin sah, brachte ihn auf die Idee, das Problem „mit einem Leukämie-Medikament anzugehen“. „Ich kenne Ruxolitinib schon lange aus der Krebsmedizin und habe sehr viel Erfahrung damit – aber natürlich überhaupt keine bei Covid-19.“ Neubauer geht davon aus, dass ihn deshalb einige „für verrückt“ erklärten. Ruxolitinib ist ein Medikament aus der Gruppe der sogenannten Januskinase-Hemmer und zugelassen zur Behandlung von Myelofibrose, einer bösartigen Erkrankung des blutbildenden Knochenmarks.

„Fakt war, dass die Frau nach zehn Tagen in ihrem Bett sitzen konnte“, erzählt Andreas Neubauer. Das hätten die Kolleginnen und Kollegen bei Covid-Kranken in einem vorher so kritischen Zustand bisher noch nie gesehen. Die Patientin konnte schrittweise vom Beatmungsgerät entwöhnt und schließlich entlassen werden. Der unkonventionelle Heilversuch war erfolgreich gewesen.

Deshalb entschlossen sich Neubauer und sein Team zusammen mit Medizinerinnen und Medizinern des Klinikums Kassel, das Potenzial von Ruxolitinib bei lebensbedrohlichen Covid-Verläufen in einer klinischen Phase-2-Studie zu testen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte genehmigte diese binnen weniger Wochen. „Das habe ich so schnell noch nie erlebt, normalerweise dauert es eineinhalb Jahre“, sagt Neubauer.

Krebsmedikament Ruxolitinib: Schwer erkrankte Corona-Patient:innen überlebten

Eingeschlossen in die Studie wurden 16 Patientinnen und Patienten im Alter zwischen 35 und 92 Jahren, die meisten davon Männer. Alle waren so schwer an Covid-19 erkrankt, dass sie mechanisch beatmet werden mussten, die Überlebenschancen in diesem Zustand sind normalerweise nicht gut. Diese Menschen erhielten nun für eine Dauer von vier bis 28 Tagen zusätzlich zur mittlerweile Standard gewordenen Behandlung mit dem entzündungshemmenden Glucocorticoid Dexamethason noch Ruxolitinib.

Das Ergebnis: 13 der 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren nach vier Wochen noch am Leben, das entspricht einer Rate von 81 Prozent – und liegt deutlich über der anderer zuvor publizierter Behandlungen in diesem Stadium, die es auf Werte zwischen 25 und 60 Prozent brachten. „Nur drei unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind gestorben, das ist bei dieser Krankheitsschwere sehr wenig“, sagt Neubauer. Die Marburger-Kasseler Studie wurde in der Fachzeitschrift „Leukemia“ veröffentlicht.

Ein Schwachpunkt bei der wissenschaftlichen Aussagekraft ist allerdings, dass Neubauer und sein Team keine randomisierte Studie mit einer Kontrollgruppe – also mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die kein Ruxotilinib bekommen – realisieren konnten. „Das hätten wir gerne gemacht, doch es war uns nicht möglich“, sagt der Mediziner; das Medikament stand nicht dafür zur Verfügung.

Krebsmedikament gegen Corona: „Wenn jemand schon längere Zeit beatmet wird, bringt es nichts mehr.“

Ruxolitinib bot sich für den Onkologen zur Behandlung schwerer Covid-Fälle deshalb an, weil es dämpfend auf das Immunsystem und antientzündlich wirkt. Es hemmt die Januskinasen, Enzyme, die Entzündungssignale von der Oberfläche der Zellen in den Zellkern weiterleiten und so den Entzündungsprozess anfachen. Bei Myelofibrose, wo Ruxolitinib als Therapie seit Jahren zugelassen ist, sind Januskinasen durch Mutation überaktiv. Das Medikament wird außerdem weltweit eingesetzt zur Immunsuppression nach Knochenmarkstransplantation, um Abstoßungsreaktionen zu verhindern.

Außer Ruxolitinib gibt es auch andere Gruppen von Januskinase-Hemmern, die etwa zur Behandlung chronisch-entzündlicher Erkrankungen wie Rheuma eingesetzt werden (Baricitinib). Ruxolitinib habe den Vorteil, dass es „gut lungengängig“ sei, sagt Neubauer. Auch könne es die „Zytokinkaskade“ gut hemmen. Der Zytokinsturm ist eine gefürchtete lebensbedrohliche Entgleisung des Immunsystems. „Ich vermute, dass Januskinasen beim Entzündunggeschehen schwerer Covid-Erkrankungen eine zentrale Rolle spielen“, sagt Neubauer. Allerdings: „Für ein normales Funktionieren des Abwehrsystems braucht es die Januskinasen. Deshalb wäre es kontraproduktiv, Ruxolitinib früh zu geben.“ Der beste Zeitpunkt sei sofort nach der Intubation. „Wenn jemand schon längere Zeit beatmet wird, bringt es nichts mehr.“ (pam)

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