Coronavirus

Exit-Strategien aus der Corona-Krise: Infektiologen warnen vor der Idee der „Durchseuchung“ 

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Wissenschaftler melden Bedenken an Exit-Strategien in Bezug auf die Beschränkungen wegen des Coronavirus an. 

  • Corona: Maßnahmen legen die Gesellschaft lahm.
  • Es werden Exit-Strategien diskutiert.
  • Wissenschaftler warnen vor „Durchseuchung“. 

Über die Frage, wann und wie man die verhängten Beschränkungen wegen des Coronavirus wieder aufheben kann, wurde schon kurz nach deren Inkrafttreten diskutiert. In den vergangenen Tagen sind die Forderungen nach einer baldigen Lockerung immer drängender geworden. Mediziner haben zunächst meist nur reagiert – dann, wenn sie in Diskussionen Antworten geben sollten. Nun sind einige Fachgesellschaften und Forscher aktiv geworden und haben Stellungnahmen veröffentlicht, in denen sie sich zu Exit-Strategien äußern. Erklärt haben sich unter anderem eine Arbeitsgruppe der Leopoldina Nationalen Akademie der Wissenschaften, die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie, die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene sowie ein Expertengremium um Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrates.

Coronavirus: Ausbau der Testkapazitäten befürwortet

Die Wissenschaftler teilen in manchem ihre Einschätzungen, aber es gibt auch gravierende Unterschiede. Gemeinsam ist allen, dass sie einen Ausbau der Testkapazitäten – auch auf Antikörper – als notwendig erachten und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes befürworten. Da derzeit nicht genügend Masken für alle vorhanden sind und die medizinischen für das Personal in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen reserviert werden müssten, solle man im Alltag selbst genähte Masken nutzen.

Am Einsatz mobiler Apps hingegen scheiden sich die Geister. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) sieht sie als sinnvoll zur Kontrolle der Epidemie an. Die Gruppe der Leopoldina, zu der auch der Virologe Christian Drosten gehört, findet eine kurzfristige, freiwillige und anonyme Verwendung mobiler Daten ebenfalls „hilfreich“. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) indes lehnt ein mobiles Nachverfolgen von Infektionen ab, da man zum jetzigen Zeitpunkt das größte Risiko im Zusammenleben in der Pflege und in Kliniken sieht – Bereiche, die sich auf diese Weise nicht erfassen ließen.

Corona-Krise: Infektiologen warnen vor „Durchseuchung“

Ein Thema mit sozialem, ethischem und medizinischem Sprengstoff ist die Isolierung von Risikogruppen, also älteren und vorerkrankten Menschen. Während die DGKH für ein schrittweises Lockern der Beschränkungen bei „strikter Separierung“ von „vulnerablen“ Gruppen ist, sehen die Infektiologen das als „gefährlichen Irrweg“ mit „katastrophalen Folgen“ an – und zwar für alle. „Es gibt überhaupt keinen Präzedenzfall für das Funktionieren einer ,kontrollierten Durchseuchung‘“, warnt DGI-Präsident Bernd Salzberger. Wenn das Virus bereits in der jüngeren Bevölkerung zirkuliere, müsse man damit rechnen, dass die Infektionen auch auf andere Altersgruppen übertragen würden. Ein wirksamer Schutz besonders gefährdeter Menschen sei so nicht zu gewährleisten.

Doch auch auf Jüngere könne sich diese Strategie „fatal“ auswirken. Bei ungebremster Ausbreitung wäre bei ihnen die Zahl der Todesfälle „gewaltig“, sagt Gerd Fätkenheuer vom Vorstand der DGI: „Wir müssten mit deutlich über 100.000 Toten allein bei den unter 60-Jährigen rechnen.“

Von Pamela Dörhöfer

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