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Saisonale Effekte

Helfen Frühling und Sommer gegen Corona? Virologe Christian Drosten ist skeptisch

  • Anna Charlotte Groos
    vonAnna Charlotte Groos
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Forschende sehen zwischen dem Coronavirus und Wetter-Einflüssen einen Zusammenhang. Virologen warnen aber vor zu hohen Hoffnungen in den Frühling.

  • Expert:innen glauben, dass Faktoren wie Luftfeuchte oder UV-Licht Auswirkungen auf Corona haben könnten.
  • Virologe Christian Drosten warnt vor zu schnellen Rückschlüssen durch das Wetter auf das Infektionsgeschehen.
  • Corona-News: Alle Nachrichten finden Sie auf unserer Themenseite.

Frankfurt – Wenn die wärmeren Temperaturen im Frühling viele Menschen ins Freie ziehen und sie sich dadurch nicht mehr so oft gemeinsam in geschlossenen Räumen aufhalten, sinkt das Risiko für eine Ansteckung mit dem Coronavirus. Nicht umsonst hat ganz Deutschland das Spazierengehen als neues „Hobby“ entdeckt.

Und auch die allgemeine Erkältungsgefahr sowie Grippe-Viren reduzieren sich im Frühling. Doch hat der Frühling auch einen Effekt auf das Coronavirus selbst? Forscher:innen sind sich uneinig, weisen aber auf bestimmte Einflüsse der Umwelt auf den Covid-19-Erreger und dessen Verbreitung hin.

Corona im Frühling: Keine bestimmten Faktoren für Saisonalität von Viren

Tatsächlich ließ im Sommer 2020 das Infektionsgeschehen in Deutschland nach. Das Robert Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass sich Sars-CoV-2 in der kälteren Jahreszeit besser verbreitet als im Sommer.

Corona: Der Virologe Christian Drosten dämpft die Hoffnungen auf einen entspannten Sommer.

Laut Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie des Uniklinikums Essen, werde der Pandemieverlauf aber von vielfältigen Faktoren bestimmt. Eine eindeutige Prognose sei daher schwierig. „Die Saisonalität von Viren, die über die Atemwege verbreitet werden, ist ungeheuer komplex und lässt sich nicht an einzelnen Faktoren festmachen“, sagt Dittmer.

Verschiedene Umwelteinflüsse wirken auf Virus ein – Veränderte Eigenschaften der Tröpfchen

Die Virologin Stephanie Pfänder von der Ruhr-Universität Bochum sieht in bestimmten Umwelteinflüssen jedoch durchaus Effekte auf das Virus. So können sich laut Pfänder Umweltfaktoren zum Beispiel auf die Beständigkeit und Resistenz des Virus auswirken. Auch hätten die Umweltbedingungen Auswirkungen auf die Eigenschaften von Aerosolen oder Tröpfchen, mit denen das Virus verbreitet wird.

Zu den ausschlaggebenden Umwelteinflüssen zählt sie Faktoren wie Temperatur, Luftfeuchte und UV-Strahlung. Für diese konnten durch Studien grundlegende Erkenntnisse abgeleitet werden.

Verhalten als wichtiger Einflussfaktor für Übertragungsrisiko des Coronavirus

Außer wetterbedingten Faktoren bestimmen noch weitere Aspekte den Pandemieverlauf, etwa das Verhalten der Menschen, so der Virologe Ulf Dittmer.

Im Winter halten wir uns eher in geschlossenen Räumen auf, im Frühling und Sommer zieht es viele eher ins Freie. „Wenn sich das ganze Leben verstärkt draußen an der frischen Luft abspielt oder Räume durchgehend gut gelüftet werden, ist das Übertragungsrisiko natürlich geringer“, sagt auch die Virologin Pfänder.

Frühling während Corona: Im Freien ist das Ansteckungsrisiko für das Virus geringer. (Symbolbild)

Corona im Frühling: Auswirkungen durch Temperatur und Luftfeuchtigkeit

Die Virushülle ist laut dem Virologen Ulf Dittmer im Freien bei einer Temperatur von etwa zehn Grad besonders stabil: „Je wärmer es wird, desto mehr nimmt die Stabilität ab.“ Durch die Wärme verändern sich Fettmoleküle in der Hülle so, dass sie platzen kann.

Die Luftfeuchte spielt laut dem Leipziger Aerosolforscher Ajit Ahlawat vor allem in Innenräumen eine wichtige Rolle. Hierzu wurden Untersuchungen zu Übertragungen des Coronavirus in geschlossenen Räumen durchgeführt. Zusammen mit anderen Forschern fand der Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung (Tropos) heraus, dass die Ansteckungsgefahr im Inneren bei höherer Luftfeuchte niedriger ist.

Saisonale Effekte auf Corona: UV-Licht wichtiger als Luftfeuchtigkeit und Temperatur

„Wenn die relative Luftfeuchtigkeit der Raumluft unter 40 Prozent liegt, nehmen die von Infizierten ausgestoßenen Viruspartikel weniger Wasser auf. Sie sinken daher nicht so schnell zu Boden, sondern bleiben in der Luft und können eher von gesunden Menschen eingeatmet werden“, erklärt Ahlawat.

Auch die Befindlichkeit von Nasenschleimhäuten ist bei dem Risiko für Virus-Übertragungen zu beachten. In trockener Luft werden diese ebenso trockener und damit durchlässiger für Viren. Von diesen Erkenntnissen lässt sich jedoch nicht direkt ein geringeres Ansteckungsrisiko durch weniger trockene Nasenschleimhäute im Freien ableiten, so Ahlawat. Draußen kämen noch weitere Faktoren hinzu, hauptsächlich die Verdünnung der Aerosolpartikel in der Luft und dass diese im UV-Licht weniger aktiv seien. Diese Faktoren spielten im Freien eine größere Rolle als Temperatur und Luftfeuchte.

UV-Strahlung und Vitamin-D: Schutz vor Corona-Infektion im Frühling ist nicht sicher

Sonnenstrahlen - insbesondere UV-Strahlung - schädigen die genetische Information des Virus. „Ganz grob kann man sagen, dass UV-Strahlung in der Lage ist, das Virus zu inaktivieren, indem die virale Nukleinsäure angegriffen wird“, sagt die Virologin Pfänder. Die Viren seien dann nicht mehr infektiös.

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat das mithilfe von Sonnenlicht gebildete Vitamin D zwar regulatorische Effekte auf das Immunsystem. Noch sei jedoch nicht sicher, ob es vor einer Corona-Infektion schützen kann. Laut RKI ist die Vitamin-D-Bildung durch die geografische Lage in Mitteleuropa nur im Sommerhalbjahr (März bis Oktober) möglich. Im Winter nutze der Körper die im Sommer aufgebauten Vitamin-D-Reserven.

Angeborene und erlernte Mechanismen des Immunsystems – Im Sommer effizientere Abwehr für neue Viren

Das menschliche Abwehrsystem muss uns vor verschiedenen Angriffen schützen: Bakterien, Pilze - oder eben Viren. Für jeden Eindringling versucht der Körper eine passenden Reaktion, auch Immunantwort genannt, einzusetzen: „Alles gleichzeitig bereitzuhalten, würde aber sehr viel Energie kosten“, erklärt die Gießener Immunologin Eva Peters. Deswegen passe das Immunsystem seine Reaktionen der jeweiligen Jahreszeit an. Dafür gibt es zwei verschiedene Arten der Immunantwort: Die angeborene und die erlernte.

Im Winter sei meist eine erlernte Immunantwort für Probleme gefragt, die schon in der Vergangenheit auftauchten. Wie etwa Erkältungsviren, für die der Körper schon zuvor Antikörper bildete. Diese erlernte spezifische Immunantwort sei sehr genau, baue sich aber nur langsam auf.

Im Frühling und Sommer hingegen, wenn sich Menschen häufiger im Freien aufhalten, sei der Körper auch unbekannten Risiken ausgesetzt. Hier nutzt das Immunsystem eher die angeborene, unspezifische Immunantwort. Mit dieser könnten Eindringlinge wie Viren anhand bestimmter Schadensmuster schnell erkannt werden. „Das heißt, im Sommer ist unser Immunsystem besser darin, neue Keime schnell und effizient abzuwehren. Das trifft auch auf Sars-CoV-2 zu“, sagt Peters.

Christian Drosten: Warme Temperaturen sind nicht ausschlaggebend für Reduzierung der Corona-Zahlen

Doch Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, warnt vor zu schnellen Rückschlüssen bezüglich der Jahreszeit. Zwar sind die Infektionszahlen im Sommer 2020 in Deutschland gesunken, in Spanien jedoch nach einem Lockdown trotz Hitze wieder angestiegen.

Dass man daher von der Übertragungsdynamik des vergangenen Jahres auch auf den Sommer 2021 schließen könne, hält Drosten für unwahrscheinlich: „Dass wir 2020 einen so entspannten Sommer hatten, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass unsere Fallzahlen im Frühjahr unter einer kritischen Schwelle geblieben sind. Das ist inzwischen aber nicht mehr so“, sagte er dem „Spiegel“.

Christian Drosten, Virologe an der Charité Berlin, auf der Bundespressekonferenz. (Archivfoto)

Wetter-Einfluss ist im Frühling vorhanden – Auswirkungen auf Pandemiegeschehen aber ungewiss

Temperatur, UV-Strahlung, Vitamin D: „Alle diese Faktoren verbessern sich im Frühjahr und im Sommer“, fasst Virologe Dittmer zusammen. Es gebe also saisonale Effekte. Doch wie stark das Wetter Einfluss auf das Pandemiegeschehen nehme, dazu fehlten noch konkrete Erkenntnisse.

„Wir wissen von Coronaviren, dass der R-Wert, also die Reproduktionsrate des Virus, aufgrund dieser Faktoren im Frühjahr und Sommer deutlich sinkt. Also mindestens um den Faktor 0,5, vielleicht sogar noch mehr. Und das ist schon relativ viel“, erklärt Dittmer. Das vergangene Jahr habe aber auch gezeigt, dass die saisonalen Effekte nicht zu einem kompletten Verschwinden führten.

Einfluss des Frühlingswetters: Corona-Mutanten als unbekannter Faktor

Nun kommt den Experten zufolge noch eine weitere unbekannte Gefahr hinzu: Die Virusmutationen. Der gewonnene Vorteil durch die saisonalen Effekte könnte von den infektiöseren Mutanten quasi „aufgefressen“ werden, sagt Virologe Dittmer. Dies könne sich auch trotz wärmeren Wetters in den kommenden Monaten zeigen. Die saisonalen Effekte könnten dann möglicherweise nicht dafür ausreichen, dass der R-Wert langfristig unter die Schwelle von 1 sinkt, ab der die Corona-Pandemie abflaut.

Virologin Pfänder geht davon aus, dass die wärmere Jahreszeit grundsätzlich schon dazu beitragen könne, die Übertragungsdynamik abzubremsen. Ungewissheit sieht auch sie bei den Mutanten. „Das Auftreten und die Verbreitung von Mutanten ist tatsächlich ein Faktor, der unberechenbar ist.“ (Anna Charlotte Groos mit dpa)

Rubriklistenbild: © Reiner Zensen/Imago Images

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