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Corona-Pandemie: Omikron-Sublinien unter Beobachtung – „Das Virus entwickelt sich immer noch schnell“

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Von: Pamela Dörhöfer

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Menschen in Sri Lanka erhalten Auffrischungsimpfungen. Dass das Coronavirus seinen „Endpunkt“ erreicht hat, ist unwahrscheinlich.
Menschen in Sri Lanka erhalten Auffrischungsimpfungen. Dass das Coronavirus seinen „Endpunkt“ erreicht hat, ist unwahrscheinlich. © Gayan Sameera/dpa

Gleich vier Omikron-Sublinien stehen derzeit unter Beobachtung. BA.2.75.2 gilt als resistenteste von allen. Doch wird sich durchsetzen?

Frankfurt – Fast ein Jahr ist es her, dass die erste Omikron-Variante von Sars-CoV-2 auf der Bildfläche erschien. Seither dominieren Abkömmlinge dieser Viruslinie das Corona-Infektionsgeschehen weltweit, laut Weltgesundheitsorganisation WHO machen sie seit Februar dieses Jahres 98 Prozent der nachgewiesenen Infektionen aus. Ihr offenbar unschlagbarer Vorteil ist die hohe Infektiosität; der aktuell (noch) vorherrschende Subtyp BA.5 gilt sogar als das bislang ansteckendste bekannte Virus überhaupt.

Gleichwohl ist nicht damit zu rechnen, dass das Coronavirus damit seinen „Endpunkt“ erreicht hat und sich nicht mehr verändern wird. „Wir können mit Sicherheit sagen, dass etwas kommt. Wahrscheinlich kommen mehrere Dinge“, zitiert das Wissenschaftsmagazin „Science“ den Biologen Cornelius Roemer, der an der Universität Basel zur viralen Evolution forscht.

Corona-Pandemie: Eine „Kreuzung“ aus Omikron und Delta ist nicht in Sicht

Nach einer Rückkehr von Delta oder deren „Kreuzung“ mit Omikron, wie es vor einigen Monaten von manchen Fachleuten ins Spiel gebracht wurde, sieht es derzeit indes nicht aus; zum Glück vermutlich, denn die Vorgängerin verursachte im Schnitt schwerere Krankheitsverläufe als Omikron.

Tatsächlich sind alle aktuellen Kandidaten für eine Ablösung von BA.5 ebenfalls Angehörige der Omikron-Familie. So teilte die WHO kürzlich mit, insgesamt rund 200 Omikron-Linien zu verfolgen – und warnte zugleich, dass weitere neue Varianten möglicherweise nicht entdeckt würden, da in vielen Ländern nicht mehr so viel getestet wird wie noch vor einigen Monaten. Zurzeit gilt die Aufmerksamkeit insbesondere vier Omikron-Sublinien: BF.7, BQ.1.1, BA.4.6, und BA.2.75.2. Allen gemeinsam sind Veränderungen „an einem halben Dutzend Schlüsselstellen im viralen Genom, die beeinflussen, wie gut neutralisierende Antikörper aus der Impfung und einer früheren Infektion an das Virus binden“, erklärte der Evolutionsbiologe Jesse Bloom vom Fred Hutchinson Krebsforschungsinstitut in Seattle gegenüber „Science“.

Coronavirus: Forschende beobachten vier Omikron-Sublinien

Was sonst noch über die neuen Varianten bekannt ist: Bereits in mehreren Ländern angekommen ist BF.7, eines der mittlerweile zahlreichen Kinder von BA.5. In Belgien soll diese Variante schon 25 Prozent der nachgewiesenen Fälle ausmachen, in Deutschland, Dänemark und Frankreich etwa zehn Prozent (was dem weltweiten Durchschnittswert entspricht). Der Mediziner Stuart Ray von der Johns Hopkins University geht davon aus, dass BF.7 „Fuß fassen“ wird, wie er dem US-Magazin „Fortune“ sagte. Auch BQ.1.1 ist ein gerade erst kürzlich entdeckter Abkömmling von BA.5. In den USA hingegen ist mit BA.4.6 ein Subtyp von BA.4 auf dem Vormarsch und mit einem Anteil von zwölf Prozent bereits der zweithäufigste Stamm nach BA.5, Tendenz steigend.

Bereits im Juli erstmals in Indien identifiziert wurde der Omikron-Subtyp BA.2.75, zuweilen „Centaurus“ genannt. Die Sorgen vor einer weltweiten Verbreitung bestätigten sich bislang nicht, auch wenn die Variante mittlerweile in 35 Ländern und 20 US-Bundesstaaten nachgewiesen wurde und in Indien für rund 30 Prozent der Infektionen verantwortlich ist. Doch in den meisten Ländern blieb BA.2.75 im einstelligen Bereich. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen „Centaurus“ deshalb eher nicht mehr als Bedrohung an.

Omikron-Subtyp BA.2.75.2 ist die resistenteste Corona-Variante

Das gilt allerdings nicht für einen seiner Abkömmlinge mit der Bezeichnung BA.2.75.2 und zusätzlichen Mutationen im Erbgut. Einige Fachleute halten diesen Subtyp für die resistenteste aller bisherigen Versionen von Sars-CoV-2. Ein Forschungsteam der Universität Peking, das in einer vor wenigen Tagen auf bioRxiv veröffentlichten, noch nicht unabhängig begutachteten Studie mehrere neue Varianten unter die Lupe genommen hat, kam zu dem Ergebnis, dass BA.2.75.2 dem Immunschutz von dreifach geimpften und genesenen Menschen sowie der Wirkung von Antikörper-Medikamenten am besten ausweichen kann.

Omikron-Sublinien unter Beobachtung:
BF.7
BQ.1.1
FA.4.6
BA.2.75.2

Mithalten konnte nur BQ.1.1. Beide Varianten hätten mit diesen Eigenschaften die bislang dominierende BA.5-Variante „weit übertroffen“, heißt es. Untersucht wurde das mit Blick auf die Impfung allerdings nur für den chinesischen Totimpfstoff Coronavac und nicht für die in Europa hauptsächlich eingesetzten mRNA-Vakzine.

Corona-Variante Omikron hat viele „Kinder“ – manche machen Sorge

Doch auch die ebenfalls auf bioRxiv publizierte Studie eines Forschungsteams aus Schweden, der Schweiz, Südafrika und Großbritannien kam zu ähnlichen Ergebnissen. Der beteiligte Forscher Ben Murrell vom Karolinska Institut (Schweden) schreibt auf Twitter, BA.2.75.2 zeige eine extremere Immunflucht gegenüber Antikörpern als „jede Variante, die wir bisher gesehen haben“.

Das chinesische Team macht dafür einen Effekt mit dem Namen „Antigen-Erbsünde oder auch „Immune Imprinting“ (immunologische Prägung) verantwortlich. Es bezeichnet die Tendenz des Immunsystems von Geimpften oder Genesenen, bei einer erneuten Konfrontation mit einem etwas veränderten Virus vor allem Antikörper gegen jene Version des Virus zu bilden, mit der es durch Impfung oder Infektion zuerst Kontakt hatte – in diesem Fall also den Wuhan-Typ von Sars-CoV-2. Diese Antikörper sind jedoch nicht in der Lage, neue Varianten vollständig zu neutralisieren. Für den Immunologen Yunlong Richard Cao von der Universität Peking ist das Anlass zur Sorge. Es könne auf eine „massive neue Welle“ hindeuten, zitiert ihn „Science“: „Dieses Ausmaß der Immunevasion wurde noch nie zuvor gesehen, und das Virus entwickelt sich immer noch schnell. Es ist sehr schlimm.“

Corona-Pandemie: Können neue Varianten BA.5 verdrängen?

Grundsätzlich ist derzeit aber noch ungewiss, ob eine oder mehrere dieser Varianten in der Lage sind, BA.5 zu verdrängen und wenn ja, wie schnell das passieren wird. Der Virologe Thomas Peacock vom Imperial College London sieht es als möglich an, „dass eine Herbst-Winterwelle durch eine Mischung von Varianten angetrieben wird“, wie er der britischen Zeitung „The Guardian“ sagte. Noch völlig unklar ist auch, wie sich diese Varianten auf den Verlauf einer Infektion auswirken könnten, wobei Peacock betont, es gebe derzeit keine Hinweise, dass sie eine schwerere Krankheit verursachen.

Ebenfalls noch nicht einschätzen lässt sich, wie gut die angepassten, auf BA.1, BA.4 und BA.5 abgestimmten Booster-Impfstoffe gegen die neuen Varianten wirken, ob sie vor Infektion und symptomatischer Erkrankung schützen. Der Virologe Daniel Sheward vom Karolinska Institut vermutet, dass sie „wahrscheinlich das Antikörper-Repertoire erweitern“. Er ist deshalb weniger pessimistisch als sein Kollege aus Peking: „Ich glaube nicht, dass wir wieder ganz am Anfang stehen.“ (Pamela Dörhöfer)

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