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Frau sieben Monate lang Corona-positiv: Studie sieht „Modell für die Entstehung von Omikron“

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Von: Tanja Banner

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Bei immungeschwächten Personen kann das Coronavirus besonders gut mutieren
Bei immungeschwächten Personen kann das Coronavirus besonders gut mutieren © IMAGO/Bihlmayerfotografie

Eine Krebspatientin ist sieben Monate lang mit Corona infiziert. In dieser Zeit entstehen in ihrem Körper zahlreiche Corona-Mutationen. Das zeigt eine Studie.

Würzburg – Die Corona-Variante Omikron wurde zuerst in Südafrika entdeckt. Nachdem sie dort innerhalb kurzer Zeit zur dominierenden Mutante wurde, ist sie längst auch in anderen Ländern weit verbreitet – auch in Deutschland. Omikron unterscheidet sich durch 50 Mutationen vom Ursprungs-Virus Sars-CoV-2, besonders auffällig ist, dass die Corona-Variante die menschliche Immunantwort wohl teilweise umgehen kann.

Dass sich das Coronavirus bei immungeschwächten Personen besonders gut vermehren und mutieren kann, ist schon länger bekannt. Fachleute diskutieren bereits seit dem Auftauchen von Omikron darüber, ob die Corona-Variante möglicherweise auf die hohe Zahl an immundefizienten Menschen in Südafrika zurückzuführen ist. In dem Land leben etwa 8 Millionen Menschen mit HIV – bei einer Gesamtbevölkerung von 60 Millionen.

Studie: Immungeschwächte Personen sind potenzielle Quellen für neue Corona-Varianten

Nun hat ein deutsch-österreichisches Forschungsteam gezeigt, dass Personen, bei denen das Immunsystem mittels Medikamenten heruntergefahren wurde, als potenziell neue Quelle für Corona-Varianten infrage kommen. Die beiden Erstautorinnen Sissy Therese Sonnleitner (Medizinische Universität Innsbruck) und Martina Prelog (Universitätsklinikum Würzburg) schauten sich für ihre Studie gemeinsam mit ihren Teams den Fall einer Frau an, die seit 2015 an einer chronischen lymphatischen Leukämie erkrankt ist und deren Immunsystem durch zahlreiche Chemotherapien geschwächt ist. Im November 2020 infizierte sich diese Patientin mit Corona – erst nach sieben Monaten konnte ihr Körper eine Immunantwort bilden und das Virus wieder loswerden. Zwei Impfungen halfen ihm dabei.

Während der siebenmonatigen Corona-Infektion habe die Patientin relativ milde Symptome gehabt und das Virus ausgeschieden, heißt es in einer Mitteilung des Universitätsklinikums Würzburg zu der Studie, die im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht wurde. „Wir wurden nach etwa zwei Monaten auf die anhaltende Virusausscheidung aufmerksam und begannen ab dem Tag 73, die Abstriche der Patientin regelmäßig zu sequenzieren“, schreiben die Forschenden in ihrer Studie. Für sie war der Fall von besonderem Interesse, denn sie wollten wissen, wie sich das Coronavirus während dieser langen Infektionszeit verhält.

Corona-Studie: Krebs-Patientin als „Modell für die Entstehung von Omikron“

Um das zu untersuchen, wurden bei der Patientin regelmäßig Abstriche vorgenommen und untersucht. Während des gesamten Infektionsverlaufs stellte das Forschungsteam bei der Patientin insgesamt 17 unterschiedliche Mutationen fest, von denen 15 bereits dafür bekannt sind, dass sie eine Immunantwort umgehen können. 88,2 Prozent der entdeckten Mutationen sind also prominente Immunflucht-Mutationen, die bereits als neue besorgniserregende Varianten (VOC) oder Varianten von Interesse (VOI) eingestuft wurden. 55,8 Prozent der Mutationen stimmen den Angaben zufolge mit Omikron überein.

„Mit unserer Krebs-Patientin haben wir gewissermaßen ein Modell für die Entstehung von Omikron“, erklärt Martina Prelog in einer Mitteilung des Universitätsklinikums Würzburg. „Denn in diesem außergewöhnlichen Fall konnten wir demonstrieren, dass die Evolution von Mutationen zu bekannten besorgniserregenden Varianten bereits in einem einzelnen Individuum innerhalb von sieben Monaten stattfinden kann.“

Corona bei immungeschwächten Personen: Mutationen entstehen

In der Studie schreiben die Forschenden: „Unsere Studie zeigt die Anhäufung einer ungewöhnlich hohen Anzahl von Immun-Escape-Mutationen bei einer einzigen Patientin, die sich in auffallend hohem Maße parallel in verschiedenen VOC entwickelten. Die Chronologie der Mutationsereignisse während der siebenmonatigen Infektion zeigt eine rasche Anhäufung nicht-synonymer Mutationen, die zum Teil persistent, zum Teil vorübergehend oder sogar wiederholt erworben und verloren wurden.“

Mit unserer Krebs-Patientin haben wir gewissermaßen ein Modell für die Entstehung von Omikron. Denn in diesem außergewöhnlichen Fall konnten wir demonstrieren, dass die Evolution von Mutationen zu bekannten besorgniserregenden Varianten bereits in einem einzelnen Individuum innerhalb von sieben Monaten stattfinden kann.

Martina Prelog

Die Erstautorin Sissy Sonnleitner fasst die Erkenntnisse der Studie so zusammen: „Das unterdrückte Immunsystem hat dem Virus Tür und Tor geöffnet, um neue Varianten zu entwickeln und so seine Fitness zu steigern.“ Nun gelte es, „die Mutationen zu definieren und herauszufinden, welchen Trick das Virus verfolgt, um fit zu bleiben“, stellt Sonnleitner fest. Das könne der Entwicklung neuer Impfstoffe und Medikamente gegen Corona dienen. Und auch die immungeschwächten Personen in aller Welt haben die Forscherinnen im Blick: Die Studie unterstreiche die Notwendigkeit, „allen immungeschwächten Personen weltweit besondere Beachtung zu schenken und Priorität bei der Impfung einzuräumen“, betonen Sonnleitner und Prelog in der Mitteilung. (tab)

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