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Mit einem Schlierenspiegel lässt sich der Atemausstoß beim Musizieren messen.

Konzerte

Corona und Kultur: Spezielle Filter sollen Konzerte sicherer machen

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Ein Forscherteam der Bauhaus-Universität Weimar entwickelt Hilfsmittel, um den Atemausstoß zu reduzieren und so das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus zu minimieren.

  • Konzerte sind während der Corona-Krise unmöglich.
  • Doch nicht nur Besucher müssen wegen der Corona-Pandemie Abstand halten: auch Musiker leiden unter den Abstandsregeln.
  • Ein Forscherteam aus Weimar entwickelt nun Hilfsmittel gegen eine Verbreitung des Coronavirus‘.

Auf lange Sicht Konzerte mit Masken und reichlich Abstand voneinander, auf der Bühne und im Saal? Keine schöne Vorstellung – aber auch latente Angst vor Ansteckung kann den Kulturgenuss trüben. Wie ein musikalischer Vortrag in der gewohnten Qualität aus der Zeit vor Corona möglich ist, ohne auf Kosten der Sicherheit zu gehen, das haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Bauhaus-Universität Weimar in einem Experiment getestet.

Mund-Nasen-Bedeckungen helfen, die Ausbreitung von infektiöser Atemluft zu mindern, beim Singen leidet jedoch die Klangqualität und für das Spielen von Blasinstrumenten sind diese gänzlich ungeeignet“, sagt Andreas Mühlenberend von der Professur Industriedesign an der Bauhaus-Universität. Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma könnten Filter für Blechblasinstrumente und ein spezielles Visier sein, wie sie das Weimarer Forscherteam entwickelt und getestet hat.

Corona-Krise und die Musik: Den Atemausstoß reduzieren

Den Anstoß, sich mit dem Thema zu beschäftigen, lieferte den Wissenschaftlern Gernot Süßmuth, Konzertmeister der Staatskapelle Weimar. Der Musiker suchte mit Blick auf die Öffnung der Theater- und Konzerthäuser in Thüringen zum 31. August nach einer praktikablen Lösung für das Problem. Noch vor Beginn der Saison präsentierten die Forscher ihm die ersten Prototypen: Die von ihnen entwickelten Filter bestehen aus herkömmlichem Zellstoff, der in eine wabenartige Form geschnitten wird. Mithilfe eines Klebebands lässt sich der Filter vor dem Schallbecher des jeweiligen Blasinstrumentes oder vor dem Mundstück einer Querflöte locker anbringen.

Mithilfe spezieller Verfahren wie eines Schlierenspiegels hatte das Forscherteam zuvor untersucht, wie sich die Atemluft beim Singen und Musizieren mit und ohne Maske oder Filter ausbreitet. Mit einem Schlierenspiegel lassen sich Strömungen der Raumluft visualisieren und messen (jedoch keine Aussagen über enthaltene Tröpfchen und Aerosole treffen).

Musik während Corona-Krise: Maximal 1,1 Meter in den Raum

Am Experiment nahmen die Mitglieder der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach und der Staatskapelle Weimar teil. Es zeigte sich: Wie stark sich die Atemluft der Musiker ausbreitet, hängt von der Art des Instruments ab, aber auch von der individuellen Spiel- beziehungsweise Gesangstechnik sowie den physischen Eigenschaften der Musikerinnen und Musiker. Beim Spielen gelangte deren Atemluft bis maximal 1,1 Meter weit in den Raum. Eine besonders weite Strecke schaffte der Atemausstoß beim Spielen von Querflöte, Klarinette, Oboe und Fagott sowie beim Singen.

Wie das Forscherteam berichtet, habe sich diese Reichweite durch den Einsatz des Zellstofffilters „stark reduzieren“ lassen. Der Effekt soll bei der Querflöte am deutlichsten gewesen sein – von vorher einem Meter auf dann nur noch 15 Zentimeter Reichweite; und das „ohne akustische Einbußen“. „Auch beim Spielen der Blechblasinstrumente war durch den Gebrauch der Filter nahezu kein Unterschied in der Klangausformung zu hören, weshalb diese mindestens während der Proben zum Einsatz kommen könnten“, sagt Lia Becher von der Professur Bauphysik, die die Experimente geleitet hat.

Corona und Konzerte: Filter sollen Konzerte sicherer machen

Allerdings seien die Filter nur bei Blechblasinstrumenten sinnvoll, räumt die Wissenschaftlerin ein, „da hier die gesamte Atemluft aus dem Schallbecher entweicht“. Beim Spielen von Holzblasinstrumenten trete die Atemluft hingegen auch aus den Tonlöchern und teilweise am Mundstück aus. Eine Ausnahme unter den Holzblasinstrumenten bilde die Querflöte, bei der sich der Filter am Kopfstück montieren lasse, um die Ausbreitung der Atemluft über die Anblaskante zu reduzieren.

Die Experimente ergaben zudem, dass auch Mund-Nasen-Bedeckungen sowie ein eigens entwickeltes Visier, der „BauhausUniVisor“, die Menge der ausgestoßenen Atemluft eindämmen können. Allerdings stellten das Forscherteam fest, dass als Nebeneffekt auch der Ton gedämpft wird. Deshalb sei das Visier ausschließlich für Proben, nicht aber für ein Konzert vor Publikum geeignet.

In einem anderen Experiment haben Wissenschaftler der Universität Halle getestet, wie Konzerte in großen Hallen künftig sicher stattfinden könnten. Zu diesem Zweck trat vor zwei Wochen der Popsänger Tim Bendzko in der Arena Leipzig auf. Dort wurden mit mehr als 2000 Besucherinnen und Besuchern verschiedene Szenarien durchgespielt. Die Ergebnisse dieses Experiments sollen im Oktober vorliegen. (Von Pamela Dörhöfer)

Die Originalpublikation der Bauhaus-Universität Weimar findet sich hier. Wissenschaftlicher Ansprechpartner an der Bauhaus-Uni Weimar ist Andreas Mühlenberend, E-Mail: andreas.muehlenberend@ uni-weimar.de

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