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Neues Corona-Medikament richtet Sars-CoV-2 gegen sich selbst – mit „molekularen Sprengköpfen“

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Von: Tanja Banner

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Das Coronavirus Sars-CoV-2 bindet sich normalerweise an den ACE2-Rezeptor einer menschlichen Zelle, um in sie einzudringen. Diesen Weg will das neue Medikament versperren. (Symbolbild)
Das Coronavirus Sars-CoV-2 bindet sich normalerweise an den ACE2-Rezeptor einer menschlichen Zelle, um in sie einzudringen. Diesen Weg will das neue Medikament versperren. (Symbolbild) © imago images/Science Photo Library

Forschende entwickeln ein Medikament, das dem Coronavirus mit „molekularen Sprengköpfen“ zu Leibe rücken soll. Doch noch ist Geduld gefragt.

La Jolla – Im Sommer schien das Coronavirus fast vergessen, doch nun steigen die Corona-Zahlen wieder und zeigen: Corona war nie wirklich weg – und es könnten sich neue, besorgniserregende Corona-Varianten ausbilden. Da kommt eine Studie aus den USA gerade zur richtigen Zeit: Forschende der Scripps Research Institution, einem Forschungsinstitut im kalifornischen La Jolla, haben ein Medikament entwickelt, das Hoffnung macht. „Das Tolle an diesem Medikament ist, dass wir das Virus tatsächlich gegen sich selbst wenden“, erklärt Stuart Lipton, Hauptautor der Studie, die im Fachjournal Nature Chemical Biology veröffentlicht wurde.

Das Medikament NMT5 verbindet sich mit dem Coronavirus und begleitet es durch den Körper, setzt aber eigentlich am ACE2-Rezeptor an, an den sich das Coronavirus im menschlichen Körper anheftet, um Zellen zu infizieren. NMT5 überzieht das Virus Sars-CoV-2 mit Chemikalien, die für etwa zwölf Stunden den menschlichen ACE2-Rezeptor verändern. Mit einem spannenden Ergebnis: Wenn das Virus in der Nähe ist, ist sein Weg über den ACE2-Rezeptor in die menschlichen Zellen blockiert. „Das Schöne daran ist, dass die Verfügbarkeit von ACE2 nur lokal beeinträchtigt wird, wenn das Virus es angreift“, betont Lipton. „Es schaltet nicht die gesamte Funktion von ACE2 an anderer Stelle im Körper aus und ermöglicht so eine normale Funktion dieses Proteins.“

Studie zu neuem Corona-Medikament: „Unsere Rache am Virus“

Der Forscher versucht, den Mechanismus in verständliche Worte zu fassen: „Wir rüsten das Virus mit kleinen molekularen Sprengköpfen aus, die es daran hindern, unsere Zellen zu infizieren.“ Lipton freut sich: „Das ist unsere Rache am Virus.“

Das Corona-Medikament wurde von den Forschenden in isolierten Zellen und an Tieren getestet. In einem Experiment mit Zellkulturen testeten die Forschenden, wie gut sich die Omikron-Variante des Coronavirus bei einem Einsatz von NMT5 mit den menschlichen ACE2-Rezeptoren verbinden kann. Das Ergebnis: Das Medikament verhinderte 95 Prozent der viralen Verbindungen. In einem Test mit Corona-positiven Hamstern schaffte es NMT5 den Forschenden zufolge, das Virenlevel um das Hundertfache zu senken und dabei Verletzungen der Blutgefäße in den Lungen rückgängig zu machen. Auch gegen fast ein Dutzend anderer Corona-Varianten inklusive Alpha, Beta, Gamma und Delta habe das Medikament Effektivität gezeigt, heißt es in einer Mitteilung zur Studie.

Forschende wollen „molekulare Sprengköpfe“ auf Coronavirus richten

Die meisten antiviralen Medikamente funktionieren, indem sie einen Teil des Virus blockieren – was dazu führen kann, dass das Virus Resistenzen gegen das Medikament entwickelt. Weil NMT5 das Virus jedoch nur als Träger benutzt, gehen die Forschenden davon aus, dass das Mittel auch gegen viele andere Corona-Varianten wirksam sein dürfte. „Wir gehen davon aus, dass dieser Wirkstoff auch dann noch wirksam ist, wenn neue Varianten auftauchen, weil er nicht die Teile des Virus angreift, die häufig mutieren“, sagt Erstautor Chang-Ki Oh.

Derzeit arbeiten die Forschenden daran, das Medikament für den menschlichen Gebrauch weiterzuentwickeln, während gleichzeitig weitere Tests an Tieren durchgeführt werden. Anschließend müssen noch klinische Studien folgen – es dürfte also noch einige Zeit dauern, bis ein Medikament „molekulare Sprengköpfe“ auf das Coronavirus richten kann. (tab)

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