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„Es sind quasi magische Rituale“: Ein Mann geht mit Klopapier durch Eßlingens Innenstadt. Sebastian Gollnow/dpa

Interview

Die Corona-Krise: Zwischen Ferien vom Alltag und Vorhölle

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Wie lange wird Corona den Alltag lahmlegen? Und muss das überhaupt alles sein? Ein Gespräch mit dem Psychologen Stephan Grünewald.

Stephan Grünewald, 59, ist Diplom-Psychologe und Mitbegründer des renommierten Rheingold-Instituts in Köln. Der Psychologe und Marktforscher ist zudem Autor mehrerer Bücher, darunter Bestseller wie „Deutschland auf der Couch“ (Campus 2006) und „Die erschöpfte Gesellschaft. Warum Deutschland neu träumen muss“ (Campus 2013). 

Zuletzt erschien im März 2019 sein Buch „Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft“ bei Kiwi. 

Herr Grünewald, Sie sind Psychologe und Marketingexperte. Wie gut verkauft sich die Politik in der Corona-Krise?

Das Krisengeschehen hat unterschiedliche Phasen. In der ersten Phase waren wir mit einer unsichtbaren Bedrohung konfrontiert – die wir weder riechen, noch sehen, noch schmecken können. Das schürt große Ohnmachtsgefühle. In dieser Phase hat die Politik ihre Aufgabe gut gelöst. Sie hat Wege gewiesen, wie man mit der Ohnmacht fertig werden kann. Angefangen vom Handwaschritual bis zu den Abstandsregeln.

Corona-Krise als soziale Fastenzeit

Und hat sich mit Panikmache zurückgehalten ...

Dennoch war es fast unvermeidlich, dass wir in den vergangenen Wochen in eine Bremsspirale gekommen sind. Wir befinden uns in einer sozialen Fastenzeit ...

… schöner vorösterlicher Begriff für die derzeitige Lage ...

Stephan Grünewald.

... und die Politik hat sehr aktiv versucht, etwas dagegen zu setzen, in dem wirtschaftliche und soziale Programme beschlossen wurden. Zudem hat sie die erste Phase auch deswegen gut gemeistert, weil sie sehr klar aufgetreten ist. Das Vertrauensdefizit in die politische Klasse hing in den vergangenen Jahren mit mangelnder Programmatik und fehlender Orientierung zusammen. Es sah so aus, als würden die Politiker nur den Umfragewerten hinterherlaufen.

Und beim Ausbruch des Virus haben sie es anders gemacht?

Man hatte das Gefühl, sie wissen, was sie tun. Verkünden bittere Wahrheiten und sind auch bereit, Millionen Euro auszugeben, um das Land zu stabilisieren. Nehmen wir mal den Duktus von Jens Spahn. Er trat sehr vernünftig auf, mit der richtigen Tonalität und abgewogenen Botschaften, um die Angst nicht zu befördern. Denn die Erregung hat sich ja schneller ausgebreitet als der Erreger.

Corona-Krise: Mehr als Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen sind schwierig

Was hat sich anschließend verändert?

Wir sind in einer neuen Phase. Weitere wirtschaftliche Maßnahmen wird es erst mal nicht geben, mehr als Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen sind schwierig. Eigentlich müssten wir uns nun mit dem kollektiven Vorruhestand arrangieren. Das würde aber die Rückkehr der Ohnmacht bedeuten. Deshalb ist jetzt die Stunde der Zweifler gekommen.

Der gesellschaftliche Zusammenhang bröckelt?

Genau. Wir sind in der Phase der Polarisierung. Für die Politik wird es nun sehr viel schwieriger, den Prozess zu steuern. Denn viele Menschen stellen sich die Frage: Muss das überhaupt alles sein? Sind die Maßnahmen angemessen? Wie lange soll der Zustand noch dauern? Die über alle politischen Parteien hinweg beschworene Einheit wird in den kommenden Tagen und Wochen Risse bekommen – und die im Netz kursierenden Verschwörungstheorien neue Nahrung.

Doch auch, weil sich die politische Botschaft verändert hat. Inzwischen werden Allmachtsfantasien von Überwachung gesponnen.

Doch die entscheidende Erfahrung, die wir weltweit machen ist ja, wie sehr die menschliche Allmacht begrenzt ist. Wir sind einer Entwicklung unterworfen, in der unsere üblichen Methoden versagen. Der digitale Absolutismus hat uns vorgegaukelt, wir könnten wie beim Smartphone mit einem Fingerwisch die Welt regieren. Dieser Absolutismus flammt jetzt wieder auf, weil man hofft, die Katastrophe digital in die Knie zwingen zu können. Doch bald wird Demut einsetzen, wenn man merkt, dass es nicht funktioniert.

Die Digitalisierung erlebt dennoch einen ungeheuren Schub.

Klar, einerseits erleben wir durch die Krise einen digitalen Innovationsprozess, den wir uns vor kurzem noch gar nicht vorstellen konnten. Andererseits fühlen wir uns zurückgeworfen in ein analoges Leben und stehen jetzt vor der Aufgabe, die Zeit zu Hause mit analogen Tätigkeiten zu kultivieren. Sei es, dass wir gärtnern, basteln, mit den Kindern spielen ...

Die zurzeit wichtigsten gesellschaftlichen Akteure kommen aus drei Branchen: Politik, Medizin und Medien. Wie unterscheiden sich deren Kommunikationsstrategien?

Fangen wir mit den Experten an. Da passiert ja was Erstaunliches: Sie sind Mahnende und Zweifelnde zugleich und legen sich nicht eindeutig fest oder revidieren ihre Prognosen. Und weil die Akteure interagieren – also Medizin und Politik – erhalten die Politiker keine klare Direktive, sondern kommen in Entscheidungsnot. Manchmal scheinen sie das mit einem besonders entschiedenen Auftritt kompensieren zu wollen.

Corona-Krise: zwischen Aufklärung und Erregungsbeschleunigung

Sehen Sie bei den Virologen tatsächlich das Zaudern im Vordergrund? Christian Drosten hätte uns doch am liebsten gleich zu Beginn der Krise alle ins Haus gesperrt.

Stimmt, wenn man die Mediziner dazu drängt, Maßnahmen zu formulieren, neigen sie zu drastischen Vorschlägen. Aber ich kann mich auch an Auftritte erinnern, wo man ihnen die Erleichterung regelrecht angemerkt hat, dass sie nicht die Entscheidungen treffen müssen.

Ist ja auch nicht ihr Job.

Auch das wird in der zweiten Phase immer deutlicher werden. Alles, was man aus virologischer Perspektive machen kann, ist passiert. Was noch bliebe, wäre die komplette Ausgangssperre als ultima ratio. In dieser Gemengelage werden auch andere Experten wichtig, vor allem Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen. Die einen sollen die Frage beantworten, wie lange die Wirtschaft diese Situation überstehen kann. Die anderen, wie lange wir einen derartig runtergefahrenen Alltag aufrecht erhalten können, ohne einen Koller zu kriegen oder in Depression zu verfallen.

Was beobachten Sie bei den Medien?

Sie bewegen sich zwischen Aufklärung und Erregungsbeschleunigung: Versuchen das Unfassbare fassbar zu machen und suchen gleichzeitig die extremen Bilder – von den entvölkerten Innenstädten und den übervölkerten Krankenhäusern mit überarbeiteten Ärzten und Krankenschwestern. Diese Bilder und Geschichten waren vor allem in der ersten Phase wichtig, um die Krise überhaupt verständlich zu machen. Jetzt, in der Polarisierungssphase, wird sich auch der Zweifel medial niederschlagen. Zum einen werden sich die Durchhalteparolen verstärken, zum anderen das Alles-in-Frage-stellen.

Sprache ist ein zentrales Instrument, um Verhaltensweisen zu steuern. Gibt es Begriffe, die in der Krise kontraproduktiv sind?

Kontraproduktiv ist immer die Logik der Verneinung. Wer „keine Panik“ sagt, versetzt dennoch Menschen in Panikmodus, weil sie die Verneinung seelisch nicht wahrnehmen. Dagegen ist sprachlich alles sinnvoll, was hilft, aus der Ohnmacht herauszukommen und den Alltag zu gestalten. Wenn wir tätig sind, können wir Angst und Panik vertreiben. Das führt dann manchmal auch zu solch absurden Verhaltensweisen wie dem Horten von Klopapier.

Corona-Krise: Klopapier ist ganz wichtig

Im Ernst – Klopapierberge, um Panik zu vertreiben?

Unterschätzen Sie das nicht. Klopapier ist ganz wichtig, weil man trotz Krise demonstriert, dass man noch geschäftstüchtig ist. Die banalen Klorituale sind von Kindheit an Ausdruck von Werkstolz und produktiver Leistung. Die müssen aufrecht erhalten werden, um uns zu versichern, dass wir die Situation im Griff haben. Es sind quasi magische Rituale: Wenn wir Klopapier kaufen, beweisen wir zumindest im privaten Rahmen unsere Exportmeisterschaft. Auch das gehört zum Versuch, die Wirklichkeit zu gestalten.

Was den zeitlichen Horizont angeht, verbreiten die Experten drei unterschiedliche Szenarien. a) Kurz nach Ostern wird der schlimmste Spuk vorbei sein. b) Der Ausnahmezustand wird uns das ganze Jahr über begleiten. c) Die Krise wird noch zwei Jahre anhalten. Sinnvolle Kommunikationsstrategien?

Es dauert immer ein paar Tage, bis die Realität von uns wirklich verstanden wird. Wir brauchen aber nicht nur Zeit zum Verstehen, sondern auch Zeitabschnitte, die gestaltbar sind. Eine Aussage wie: „Die Krise wird zwei Jahre dauern“ stürzt die Leute ins Nirvana. Das ist überhaupt nicht vorstellbar.

Sollen die Experten lieber Beruhigungspillen ausgeben?

Keineswegs. Es ist wichtig zu sagen, dass der Zustand dauert, aber man muss kleine Einheiten finden, die überschaubar sind. Man kann sicher zwei Monate vorausdenken, aber alles weitere ist eher verstörend. Nicht, weil es die Vorstellungskraft sprengt, sondern weil man nicht weiß, was es für den Arbeitsplatz, für den Familienfrieden bedeutet. Was die einen vielleicht noch als Ferien vom Alltag empfinden, ist für die anderen bereits die Vorhölle.

Interview: Bascha Mika

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