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Ein Arzt zeigt im Corona-Abstrich-Zentrum Berlin-Neukölln, einer jungen Frau, wie ein Selbsttest durchzuführen ist. In der Corona-Krise fehlen allerdings repräsentative Stichproben.

Biostatistiker Hans-Peter Piepho

Für eine Exit-Strategie in der Corona-Krise braucht es dringend  repräsentative Daten

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Nur mit solchen – leicht zu realisierenden – Studien ließen sich verlässliche Aussagen über den weiteren Verlauf machen. Der Gastbeitrag.

Covid-19 ist unzweifelhaft eine schwerwiegende Krankheit. Dass der Staat einschneidende Maßnahmen eingeführt hat, um der schnellen Ausbreitung entgegenzuwirken und so einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems wie in Norditalien oder New York zu verhindern, ist richtig gewesen. Diese Maßnahmen haben aber sehr gravierende wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen. Deswegen geht es jetzt darum, eine wohlbegründete Exit-Strategie zu entwickeln, und dies erfordert eine solide Entscheidungsgrundlage.

Die bisherigen politischen Entscheidungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie basierten notgedrungen auf einer sehr unvollständigen und unsicheren Datenbasis. Bei all den Kennzahlen, die das Robert-Koch-Institut jeden Tag verlautbart, besteht das Grundproblem darin, dass sie nur auf den offiziellen Meldungen der Gesundheitsämter beruhen. Damit ist keine dieser Zahlen repräsentativ für die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Im Gegenteil stellen die gemeldeten Fälle alles andere als eine repräsentative Stichprobe dar, weil sie überwiegend auf Tests bei begründeten Verdachtsfällen beruhen. Ein entscheidender Faktor bei diesen Fallzahlen ist die Dunkelziffer, also die Zahl von Personen in der Bevölkerung, die schon mit Corona infiziert waren, ohne dass dies als Fall dem Gesundheitsamt bekannt wurde, weil sich zum Beispiel gar keine auffälligen Symptome gezeigt haben. Selbst solche Personen, die einfache Erkältungssymptome zeigen, können oft aus Kapazitätsgründen gar nicht alle getestet werden und bekommen eine Krankschreibung per Telefon, wenn nicht nachvollziehbar ist, dass sie mit einer positiv getesteten Person Kontakt hatten.

Hans-Peter Piepho ist Professor an der Universität Hohenheim und leitet dort das Fachgebiet Biostatistik

Für repräsentative Daten bedarf es einer Zufallsstichprobe aus der Gesamtbevölkerung, so wie sie selbstverständlich jede Woche mehrfach bei Meinungsumfragen verwendet wird. Bei einer einfachen Zufallsstichprobe hat jede Person die gleiche Wahrscheinlichkeit, ausgewählt zu werden. Für die Repräsentativität ist ausschließlich die Zufälligkeit der Auswahl ausschlaggebend. Der notwendige Stichprobenumfang ist vergleichsweise gering und beträgt wenige Tausend pro Woche, wie bei Wahlumfragen. Das wäre nur ein winziger Bruchteil der jetzt allenthalben durchgeführten Tests.

Aus solch repräsentativen Zufallsstichproben lassen sich dann wichtige epidemiologische Kennzahlen zum Verlauf einer Krankheit schätzen, die essentiell für Projektionen und Modellrechnungen über den weiteren Verlauf der Krankheit sind. Dabei würden auch viele Personen getestet, die nicht an Corona erkrankt sind oder die erkrankt sind, aber keinerlei Symptome zeigen. Nur so ließe sich der tatsächliche Verlauf der Epidemie in der Gesamtbevölkerung unverzerrt abbilden.

Ein wichtige epidemiologische Kennzahl ist zum Beispiel die Infektionssterblichkeitsrate, also derjenige Anteil von Infizierten in der Bevölkerung, die an der Infektion sterben. Um diese Zahl zu schätzen, braucht es eine verlässliche Schätzung der Anzahl der Infizierten in der Bevölkerung, einschließlich derjenigen, die keine Symptome zeigen. Die Fallzahlen, welche dem Robert-Koch-Institut gemeldet werden, liegen mit Sicherheit deutlich unter der Anzahl Infizierter in der Bevölkerung, weil es eine große Dunkelziffer gibt. An der Stanford University wurde kürzlich eine repräsentative Studie in Santa Clara County in Kalifornien gemacht, bei der die geschätzte Fallzahl 55-fach über den offiziell gemeldeten Fällen lag. Die aus diesen neuen Zahlen abgeleitete vorläufige Schätzung der Infektionssterblichkeitsrate betrug 0,17 Prozent. Diese Zahl bewegt sich in der Größenordnung einer saisonalen Grippe und liegt etwa um den Faktor 10 unterhalb des Wertes, der noch vor kurzem vom Gesundheitsberater der US Regierung, Anthony Fauci, offiziell genannt wurde. Dieses Beispiel unterstreicht die große Wichtigkeit repräsentativer Stichproben.

In Österreich wurde bereits Anfang April eine repräsentative Studie zur Prävalenz (Auftretenshäufigkeit in der Bevölkerung) von Covid-19 veröffentlicht, koordiniert von der Regierung und ihrer untergeordneten Behörde Statistik Austria. Eine zweite Stufe dieser Studie ist derzeit in der Auswertung. Solche von der Regierung koordinierten Studien brauchen wir jetzt dringend auch in Deutschland. Natürlich erfordert dies verlässliche Tests, auch solche zum Nachweis von Antikörpern, damit auch der Immunisierungsgrad erfasst werden kann, und solche Tests sind zum Teil noch in der Entwicklung. Es muss aber so schnell wie möglich angefangen werden mit einem repräsentativen Monitoring des Krankheitsverlaufs.

Das Robert-Koch-Institut hat am 9. April solche repräsentativen Studien angekündigt, erste Ergebnisse werden im Mai erwartet. Es verwundert, dass angesichts der großen Bedeutung solch repräsentativer Studien von diesen wichtigen Planungen von Seiten der Politik nichts zu hören ist. Solche Studien sind jetzt dringend notwendig, damit die anstehenden Entscheidungen für eine Exit-Strategie auf eine sichere Entscheidungsgrundlage gestellt werden können und nicht weiter nur auf Sicht gefahren werden muss.

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