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Coronavirus-Pandemie: Ein hundert Jahre alter Impfstoff weckt Hoffnungen

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover untersuchen die Schutzwirkung bei Covid-19.

  • BCG konnte als Impfstoff gegen Tuberkulose nie überzeugen
  • Nun ist der Wirkstoff als Covid-19-Prophylaxe im Gespräch
  • Es laufen erste Tests mit Freiwilligen

Mehr als hundert Jahre ist der Impfstoff mit dem Namen Bacillus-Calmette-Guérin (BCG) alt – und hat als Schutz vor der Tuberkulose nie völlig überzeugen können; laut Robert-Koch-Institut liegt er nur bei 50 bis 80 Prozent. Deshalb wird in Ländern, wo die Erkrankung nicht mehr verbreitet ist, nicht routinemäßig gegen Tuberkulose geimpft; dazu gehört auch Deutschland.

Covid-19-Prophylaxe: Taugt der Wirkstoff gegen Corona?

Nun ist der Wirkstoff alsCovid-19-Prophylaxe im Gespräch. BCG würde zwar nicht wie ein passgenauer Impfstoff sicher vor einer Infektion mit Sars-CoV-2* schützen, könnte aber das Immunsystem stärken, um das Virus besser abzuwehren. Das wäre kein Ersatz für eine richtige Impfung, aber möglicherweise eine gute Zwischenlösung, um die Zahl der Infektionen oder zumindest die der schweren Erkrankungen zu verringern. Denn ein Impfstoff dürfte sehr wahrscheinlich erst 2021 vorliegen*. Sinnvoll wäre ein „Immunbooster“ vor allem für ältere Menschen und das Personal in Kliniken und Pflegeheimen. Der Tuberkulose-Impfstoff wird im Hinblick darauf bereits in mehreren Ländern getestet.

Coronavirus: Studie mit Freiwilligen gestartet

In Deutschland ist an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) eine Studie mit tausend freiwilligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gestartet, die beruflich mit dem neuen Coronavirus in Kontakt kommen. Dabei handelt es um Ärztinnen und Ärzte sowie um Personal aus der Pflege und dem Rettungsdienst.

Das Team der Medizinischen Hochschule Hannover nutzt allerdings nicht die Original-Tuberkulose-Impfung, sondern eine veränderte Version, von der man sich eine größere Effektivität und weniger Nebenwirkungen erhofft: VPM 1002 heißt dieses Präparat, das am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie hergestellt wurde.

Covid-19: Wahrscheinlichkeit der Corona-Erkrankung könnte sinken 

„VPM 1002 ist die gentechnologisch verbesserte Variante eines jahrzehntealten Impfstoffs, der in vielen Ländern zur Bekämpfung des Tuberkulose-Erregers eingesetzt wird“, erklärt Studienleiter Christoph Schindler vom Clinical Research Center der MHH. Im Idealfall verringere die leicht modifizierte Tuberkulose-Impfung die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken, sagt der Wissenschaftler und erklärt den Wirkmechanismus: Der Inhaltsstoff soll über das Blut in die Lymphknoten gelangen und dort die körpereigenen Abwehrzellen verändern. Wenn dann Coronaviren die Lunge befallen, sollen diese Immunzellen aktiv werden, die Erreger bekämpfen und sie daran hindern, sich zu vermehren.

Prophylaxe gegen Covid-19: Nicht immun gegen Corona, aber besser geschützt

Klassische Impfstoffe schützen mit abgeschwächten Formen oder einzelnen Bausteinen eines Erregers gezielt vor einem bestimmten krankmachenden Bakterium oder Virus, indem sie im Körper die Produktion spezifischer Antikörper auslösen. Der Tuberkulose-Impfstoff zielt daneben auch auf die angeborene unspezifische Immunabwehr, zu der die Fress- und Killerzellen gehören. Deshalb kann das BCG – obwohl sein eigentliches Ziel Tuberkulose-Bakterien sein sollten – auf unspezifische Weise auch bei anderen Krankheiten Wirkung entfalten. So wird das Bacillus-Calmette-Guérin seit zwanzig Jahren auch als lokale Therapie bei oberflächlichem Harnblasenkrebs eingesetzt. Ebenso laufen erste Studien dazu, ob der Wirkstoff das Risiko einer Alzheimer-Erkrankung mindern kann.

Im Fall von Corona wären geimpfte Menschen dann zwar nicht gegen Sars-CoV-2 immun, aber doch besser geschützt, so die Hoffnung. Komme es doch zu einer Infektion, könnte die verbesserte unspezifische Abwehrreaktion den Verlauf von Covid-19* „deutlich abschwächen und sogar dann noch helfen, wenn sich das Coronavirus verändern sollte“, sagt Christoph Schindler. Viren neigen zu Mutationen, die sie schwächer oder auch aggressiver machen können. Impfungen schützen vor solchen genetisch veränderten Erregern dann unter Umständen nicht mehr; das ist auch der Grund, warum die Impfung gegen die saisonale Grippe jedes Jahr angepasst werden und man sich immer wieder neu impfen lassen muss. Bei einer Stärkung der unspezifischen Immunabwehr würden solche Veränderungen die Wirkung nicht beeinträchtigen.

Coronavirus in Deutschland: Tests mit Medikament an vier Standorten

Der verbesserte Tuberkulose-Impfstoff soll zunächst an vier Standorten getestet werden – neben der Medizinischen Hochschule Hannover sind das Studienzentren in München, Erfurt und Borstel. „Möglicherweise können wir bereits Ende April oder Anfang Mai die ersten Studienpatienten impfen“. sagt Christoph Schindler. Zudem soll eine weitere Studie auf den Weg gebracht werden, in der dann 1800 ältere Menschen den Impfstoff erhalten. Dabei soll auch der Effekt der unspezifischen Immunantwort weiter untersucht werden.

Sollte sich zeigen, dass die Geimpften tatsächlich weniger häufig oder weniger schwer erkranken, so Christoph Schindler, könnten bereits in wenigen Monaten Risikogruppen wie ältere Menschen und das Personal in Kliniken und Pflegeheimen mit VPM 1002 geimpft werden.

Von Pamela Dörhöfer

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Rubriklistenbild: © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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