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Viele Eltern sind durch Homeschooling zusätzlich belastet.
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Viele Eltern sind durch Homeschooling zusätzlich belastet.

Gastbeitrag

Impfstoff-Priorisierung in der Corona-Pandemie – Eltern und Kinder sind der letzte Rest

Kinder tauchen in der Impfstoff-Priorisierung gar nicht auf, Eltern kommen zuletzt. Die Corona-Pandemie zeigt das fehlende Bewusstsein für die Relevanz von Eltern. Ein Fehler.

Berlin - In den Debatten rund um die Probleme mit der Corona-Impfung kommt einem Thema vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zu und das ist die Priorisierung durch die Coronavirus-Impfverordnung. Diese fasst die Bevölkerung in drei Gruppen mit höchster, hoher und erhöhter Priorität zusammen und stillschweigend eine vierte Gruppe, die Restgruppe der Personen ohne Priorität.

Letztere versammelt alldiejenigen, denen kein erhöhter Risikograd und keinerlei Systemrelevanz zugeschrieben wird. Eine Sammelgruppe, die laut Robert-Koch-Institut einen Anteil von 45 Prozent ausmacht. In dieser Gruppe befinden sich auch die Eltern.

Corona-Schutz: Für Kinder ist bisher kein Impfstoff zugelassen, sie tauchen in Priorisierung nicht auf

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit, denn es gibt ja noch die Kinder. Für sie ist derzeit noch gar kein Impfstoff zugelassen, weshalb sie in der Debatte um die Priorisierung auch nicht auftauchen. Auch wenn für Kinder ein schwerer Verlauf einer Covid-19 Erkrankung sehr unwahrscheinlich ist, so werden mit zunehmender Anzahl von infizierten Kindern auch immer mehr Fälle mit schwereren Verläufen hinzukommen.

Auch über die Spätfolgen, über sogenanntes Long-Covid bei Kindern, weiß man derzeit noch wenig. Umso wichtiger ist ein gewisser Herdenschutz in den Gemeinschaften, in denen Kinder sich bewegen. Bundesfamilienministerin Giffey sprach deshalb bereits im Januar davon, dass Kinder, solange sie noch nicht selbst geimpft werden können, mit einer „Cocon-Strategie“ geschützt werden sollen, indem „alle Erwachsenen, die um Kinder herum sind, auch einen entsprechenden Impfschutz, so schnell es irgend geht, haben können“.

Michaela Mahler.

Priorisierung von Corona-Schutz-Impfung: Eltern minderjähriger Kinder sind pflegende Angehörige

Es herrscht weitgehender Konsens, dass Kinder unter den pandemiebedingten Einschränkungen leiden und dass es ihnen so schnell es geht ermöglicht werden muss, wieder einem geregelten Alltag nachzugehen und die verpassten Bildungschancen aufzuholen. Für den Infektionsschutz an Schulen und Kitas wurde von Seiten der Politik jedoch wenig getan. Aus diesem Grund wurden Lehrerkräfte und Erzieher:innen ohne viel Aufhebens in der Impf-Priorisierung vorgezogen.

Denn, sieht man die Bildungsstätten als das, was sie sind, nämlich Orte, an denen täglich Menschen aus vielen unterschiedlichen Haushalten zusammenkommen, muss man die Tatsache ernst nehmen, dass auch sie einen gewissen Einfluss auf das allgemeine Infektionsgeschehen haben – und mittendrin sind die Eltern. Eltern minderjähriger Kinder sind per se pflegende Angehörige. Sie können sich nicht schützen, können keinen Abstand halten.

Kinder in der Corona-Pandemie: Eltern scheinen nicht systemrelevant zu sein

Der Faktor, der neben den erhöhten gesundheitlichen Risiken für eine Priorisierung in der Impfreihenfolge ausschlaggebend ist, ist die gesellschaftliche Relevanz. So heißt es im Positionspapier der Ständigen Impfkommission, des Deutschen Ethikrats und der Leopoldina: „Darüber hinaus sind Personen zu schützen, die für das Gemeinwesen besonders relevante Funktionen erfüllen und nicht ohne Probleme ersetzbar sind.“

Im letzten Frühjahr haben wir als Gesellschaft ein Gefühl dafür entwickelt, dass neben Berufsgruppen aus dem medizinischen Bereich auch Angestellte im Supermarkt oder Paketzusteller*innen systemrelevant sind. Eltern nicht. Das wird während der gesamten Pandemiebekämpfung immer wieder deutlich.

Sowohl die Eltern als auch die Kinder haben bisher in dieser Pandemie die Hauptlast getragen. Das kollektive Kontaktbudget, das uns als Gesellschaft zur Verfügung steht, um die Inzidenzwerte nicht durch die Decke gehen zu lassen, wird entgegen aller Beteuerungen (wir erinnern uns, dass die Schulen als letztes geschlossen und als erstes wieder geöffnet werden sollten) konsequent auf Kosten der Kinder und zugunsten von Erwachsenen verteilt. Das alles, um die wirtschaftlichen Folgen abzumildern.

In Corona-Pandemie auf sich alleine gestellt: Eltern brauchen mehr Unterstützung und frühere Impfung

Was aus den pandemiegebeutelten Biographien der Kinder wird, ist nachrangig. Berufstätige Eltern sitzen seit Monaten mit ihrem Nachwuchs zu Hause und zerreißen sich zwischen ihrem Job, der Kinderbetreuung und dem Homeschooling.

Eltern leisten Care-Arbeit. Wenn Eltern an Covid erkranken, sind im selben Haushalt lebende Kinder automatisch Kontaktpersonen ersten Grades und müssen damit in Quarantäne. Was aber, wenn Eltern so krank werden, dass sie sich nicht mehr selbst kümmern können? Diese Frage stellen sich derzeit viele Eltern. Am eklatantesten ist diese Angst dabei für Alleinerziehende und für Eltern mit Kindern, die eine Behinderung haben.

Aus diesem Grund ist es fast schon ein Skandal, dass zumindest letztere nicht per se eine höhere Priorität in der Impfreihenfolge bekommen. Stattdessen findet sich mancher Verwaltungsbeamte höheren Rangs, der seit Monaten die Möglichkeit hat, im Homeoffice zu arbeiten, in der Impfgruppe drei mit erhöhter Priorität.

Corona-Pandemie: Besonders hart mit Kindern mit Behinderung oder für Alleinerziehende und Kranke

Dass Eltern bei dem Begriff systemrelevant nicht mitgemeint sind, ist ein Problem, das es nicht erst seit Corona gibt. Sorgearbeit wird in unserer Gesellschaft nicht als gleichwertige Arbeit wahrgenommen und daher auch nicht entlohnt. Dass Sorgearbeit das gesellschaftliche Fundament für unsere Zukunft bildet, spielt keine Rolle. Kinder zu bekommen ist ein Privatvergnügen und hat daher nichts in volkswirtschaftlichen Berechnungen verloren. In der Debatte um die Anerkennung von Care-Arbeit wird oft das Narrativ bedient, dass man sich das Elternsein ja schließlich selbst ausgesucht hat und man das gerne tut. Anerkennung oder gar Entlohnung hat man dafür nicht zu erwarten.

Und mit dieser Wahrnehmung fehlt uns auch das Bewusstsein für die Relevanz von Eltern in der Pandemie, wie auch ruhr24.de* berichtet. Neben den gesundheitlichen und epidemiologischen Argumenten fürs Elternimpfen wäre es von Seiten der Politik auch ein Zeichen der Anerkennung dessen, was Eltern für die Gesellschaft leisten. Anführen müssten die letzte Impfgruppe Eltern von Kindern mit Behinderung und Alleinerziehende und schließlich alle anderen Eltern. Das wäre mehr als gerechtfertigt. (Michaela Mahler) *ruhr24.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Michaela Mahler ist Soziologin und freie Autorin. Sie hat fünf Jahre lang im Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bulgarien Projekte zu nachhaltiger Entwicklung und Medienfreiheit koordinierte. Derzeit promoviert sie an der Universität Augsburg zum Demokratiebegriff in Transformationsstaaten und befasst sich mit der Analyse öffentlicher Diskurse.

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