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Die Corona-Impfstoffe werden mit einer Kanüle aus dem Fläschchen gezogen.
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Die Corona-Impfstoffe werden mit einer Kanüle aus dem Fläschchen gezogen.

Impfkampagne

Corona-Impfungen: „Bis zu 200.000 Impfdosen hat man vergeudet“

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Pharmakologe Fritz Sörgel über die Verschwendung von Vakzinen in Deutschland und die Risiken der Produktion unter Druck.

  • Pharmakologe Fritz Sörgel kritisiert die ineffiziente Verwendung von Corona-Impfstoffen.
  • Der Experte betont aber auch die Bedeutung von sorgfältigem Vorgehen bei den Corona-Impfungen.
  • Nicht nur Impfstoffe, sondern auch Medikamente sind notwendig, um das Coronavirus zu bekämpfen, sagt der Pharmakologe.

Nürnberg – Fünf Dosen pro Fläschchen oder sechs? Vielleicht sogar mehr? In Sachen Handhabung des neuartigen mRNA-Impfstoffs von Biontech/Pfizer gibt es einige Verwirrung. Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg-Heroldsberg, sagt: Sieben Dosen sind drin, er habe es selbst überprüfen lassen.

Corona-Impfstoff: Pharmakologe Fritz Sörgel tritt für effizientere Nutzung der Fläschchen ein

Erst hieß es fünf Dosen pro Flasche, Sie sagen sieben. Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Dem Fläschchen von Biontech/Pfizer kann man bis zu sieben Dosen entnehmen – Voraussetzung, man hat kompetentes Personal, das im Umgang mit so kleinen Mengen gewissenhaft ist. Dann hätte man die 1,4-fache Menge Impfstoff zur Verfügung.

Wie habe ich mir die Entnahme dieser Dosen vorzustellen?

Ein Fläschchen Biontech/Pfizer- Impfstoff enthält 0,45 Milliliter Impfstoff, bestehend aus Messenger-RNA, eingebettet in Lipid-Nanopartikel. Dazu gibt man 1,8 Milliliter Kochsalzlösung, ergibt 2,25 Milliliter. Darin stecken dann bequem sieben Spritzen a 0,3 Milliliter. Beim Moderna-Impfstoff ließen sich nach Erfahrungen in New York elf statt zehn Dosen entnehmen. Das erfolgt meines Wissens in Deutschland nicht.

Pharmakologe über Corona-Impfungen: Sorgfältiges Arbeiten ist notwendig

Ist das Personal in den Impfzentren erfahren genug dafür? Es gab ja auch schon den Vorfall, dass ein Arzt in Stralsund den gesamten Inhalt eines Fläschchens gespritzt hat.

Die Vorfälle in Stralsund und Oberfranken haben klar gezeigt, es gibt nicht ausreichend hochkompetentes Personal vor Ort. Auch die Transportfirmen waren nicht gut gewählt, machten Fehler, weil sie das Problem nicht kannten. Ich vermute, dass viele, die dort impfen, das als Routinejob ansehen. Eine große Hektik findet bei den Impfstellen nun auch nicht statt, man kann ordentliches Arbeiten verlangen. Wenn jetzt schon die einfachsten Dinge schiefgehen, wie soll es dann erst werden, wenn noch mehr Impfstoffe mit unterschiedlicher Dosis und Stabilität und früher oder später auch Kinder geimpft werden. Und daneben noch Antikörper zugelassen werden. Ich mache mir Sorgen, was noch alles passieren kann. In den USA wurden schon mal Antikörper statt Impfstoff verabreicht.

Ist es ein deutsches Problem, oder werden auch in anderen Ländern zu wenig Dosen aus einem Fläschchen gezogen?

In den USA ist es teilweise anders. Dort hat der Gouverneur von New York bereits im Dezember vorgegeben, dass versucht werden muss, die siebte Dosis aus dem Biontech-Impfstoff herauszuholen. Und ebenfalls im Dezember wurde die elfte Dosis für den Moderna-Impfstoff ins Spiel gebracht. Je nachdem, wie oft in Deutschland auf die 40 Prozent zusätzlicher Dosis verzichtet wurde, hat man bis zu 200 000 Impfdosen vergeudet. Es hätten also 100 000 Patienten zusätzlich geimpft werden können. Das ist ein Schlag ins Gesicht derer die den Impfstoff am Arbeitsplatz oder wegen ihres Alters dringend benötigten.

Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung, kritisiert die Verschwendung von Corona-Impfstoffen in Deutschland.

Lagerbedingungen sind ein Nachteil der Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna

Ein großes Thema ist auch die Kühlung der mRNA-Impfstoffe. Warum benötigt der von Biontech/Pfizer bei längerer Lagerung minus 70 Grad und der von Moderna minus 20, wo beide auf die gleiche Technologie setzen?

Dass der Biontech/Pfizer-Impfstoff so kühl gelagert werden muss, hat mich als Pharmazeuten nicht überrascht. Die mRNA ist ein sensibles Gebilde und in der Konstruktion des Nano-Liposoms steckt auch nochmal viel Know-how mit Stabilitätsfragen drin. Die Meldung aus der vergangenen Woche, dass man sich jetzt auch der Biontech-Impfstoff länger bei Raumtemperatur halten kann, kam überraschend. Bei Moderna ist es besser gelungen, eine Temperatur von minus 20 Grad kann auch ein Kühlschrank in der Arztpraxis schaffen. Stabilitätsfragen kann man im Labor klären, dafür braucht es keine klinischen Studien. Von einem großen Konzern wie Pfizer hätte man annehmen sollen, dass er es besser hinkriegt. Denn das Rennen wird letztlich der Impfstoff machen, der günstig ist und keine besonderen Lagerbedingungen braucht.

Wie der Vektorimpfstoff von Astrazeneca oder ein klassischer Totimpfstoff, wie der aus China?

Zum Beispiel.

Warum sind denn die Preise bei den Impfstoffen so unterschiedlich? Moderna ist teurer als Biontech/Pfizer und beide sind um das Vielfache teurer als der von Astrazeneca.

Die Hersteller der mRNA-Impfstoffe lassen sich auch die aufwendige Entwicklung einer Plattform, auf der nun diese neuartigen Vakzine entstehen, bezahlen. Der Impfstoff von Astrazeneca ist schon Standard und leichter in großen Mengen zu produzieren. Allerdings scheinen die mRNA-Impfstoffe nach den Ergebnissen klinischer Studien wirksamer zu sein und sie haben auch den Vorteil, dass man mit dieser Technologie sehr schnell reagieren kann, etwa bei Mutationen. Totimpfstoffe wiederum sind oft recht gut verträglich, aber aufwendiger herzustellen, unter anderem, weil man erst Viren züchten, chemisch behandeln und inaktivieren muss.

Notsituation führt zu ungewöhnlicher Zusammenarbeit bei Produktion von Corona-Impfstoffen

Astrazeneca hat angekündigt, mit dem russischen Gamaleya-Institut zusammenarbeiten zu wollen, um den eigenen Impfstoff möglicherweise mit Sputnik V zu kombinieren. Geht das so einfach?

Als ich das gehört habe, dachte ich zunächst, das ist ein Scherz. Vermutlich ist es der Notsituation geschuldet. Beides sind Vektorimpfstoffe. Ich gehe davon aus, dass man vorhat, fertige Impfstoffe zu kombinieren in der Form, dass bei der ersten Dosis der eine und bei der zweiten der andere Impfstoff gegeben wird.

Weil die Impfstoffe noch so knapp sind, gab es auch die Diskussion, ob man den Abstand zwischen der ersten und zweiten Impfung ausdehnen kann. Kann man das einfach machen, ohne es in klinischen Studien geprüft zu haben?

Die Zulassungsverfahren bei den Impfstoffen war auf beiden Seiten des Atlantiks und des Ärmelkanals stark durch politische Einflüsse geprägt. Die Ständige Impfkommission in Deutschland hat sich klar dagegen ausgesprochen. Sehr wichtig ist auch, dass man sich absolut darauf verlassen können muss, dass die zweite Dosis da ist. Das ist eine sehr heikle Sache, und die aktuellen Lieferengpässe verkomplizieren es noch. Man muss sehr achtgeben, dass in dieser Situation keine Fehler passieren und dadurch das wieder zunehmende Vertrauen in die Impfung beschädigt wird.

Corona-Impfstoffe: Pharmakologe warnt vor zu viel Zeitdruck für Hersteller

Biontech hat angekündigt, dass in einem neuen Werk in Marburg zeitnah der Betrieb aufgenommen werden soll. Wie schnell lässt sich die Produktion von Impfstoffen erhöhen?

Es geht nicht nur um die Anlagen, man braucht auch kompetente Mitarbeiter, die sie bedienen können. Und auch hier gilt, es darf keine Charge schiefgehen. Gesundheitsminister Spahn hat ja einen Brief an die Hersteller geschrieben mit der Bitte, die Produktion zu erhöhen. Das sind so die naiven Vorstellungen der Politik, wie schnell man Fehlplanung im Arzneimittelwesen reparieren kann. Wenn man die Firmen zu sehr unter Druck setzt, passieren Fehler, die fatal sein können. Man sollte die Firmen nicht zu stark unter Zeitdruck setzen, beispielsweise mit präzisen Plänen zum Erreichen einer Herdenimmunität in der Bevölkerung. Das birgt immer die Gefahr, dass Chargen einmal nicht so optimal, aber gerade noch innerhalb der Spezifikationen sind und sie trotzdem vom Hersteller freigegeben werden. Würden da nur zehn Prozent mehr Nebenwirkungen auftreten, wäre es mit der Impfzustimmumg in westlichen Ländern vorbei.

Im Gegensatz zur Impfstoff-Entwicklung hört man wenig über mögliche Therapien für Erkrankte mit Arzneimitteln. Was ist eigentlich aus dem früheren Hoffnungsträger Remdesivir geworden?

Wir brauchen nicht nur Impfstoffe, sondern auch Medikamente, mit denen wir die Virusinfektion schnell und durchgreifend bekämpfen können. Im Mai letzten Jahres hat man Remdsdesivir, das ausschließlich auf die Virusvermehrung wirkt, in einer Notzulassung zur Verfügung gestellt. Es war eines der Versäumnisse im Sommer, dass man diese noch nicht ausreichend geprüfte Substanz nicht intensiver untersucht hat. Nun stehen sich eine nach allen Regeln der GCP (Abkürzung für Gute Klinische Praxis) durchgeführte positive Zulassungsstudie und die WHO-Studie gegenüber, die zu keiner Empfehlung geführt hat. Viele deutsche Kliniken sind der WHO-Studie gefolgt und deshalb haben wir keine ausreichenden Informationen über das „unfertige“ Remdesivir erhalten.

Denken Sie, dass Remdesivir mehr kann als ihm von der WHO bescheinigt wird?

Meiner Ansicht nach ist Remdesivir nach wie vor die stärkste Substanz gegen das Virus, die wir haben. Entscheidend für den Erfolg von Remdesivir ist, dass man es zum richtigen Zeitpunkt geben muss, damit es optimal wirkt. Für Patienten, die beatmet werden, ist es nicht geeignet. Abgesehen davon brauchen wir mehr Substanzen, die in Kombination mit Remdesivir gegeben werden können. Eine hat in den USA bereits eine Notzulassung. Die Hoffnung ist unrealistisch, dass man die Krankheit alleine mit einem antiviralen Mittel in den Griff kriegen kann. Das war beim HIV-Virus und dem Hepatitis-C-Virus nicht anders.

(Interview: Pamela Dörhöfer)

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