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Vom Labor in die Öffentlichkeit: Selten stand Wissenschaft so im Fokus wie in der Corona-Pandemie.
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Vom Labor in die Öffentlichkeit: Selten stand Wissenschaft so im Fokus wie in der Corona-Pandemie.

Drohungen

Hass auf Forschung: Corona-Krise als Keimzelle für Zweifel an Wissenschaft

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Eine Umfrage im Fachmagazin Nature offenbart, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Pandemie beleidigt und bedroht werden.

Frankfurt – Mit dem in Pandemiezeiten unheilvoll klingenden Wörtchen „positiv“ gekennzeichnet war das Fläschchen, das ein Paket an den Berliner Virologen Christian Drosten enthielt. Dazu ein Zettel, in dem der in der Coronakrise berühmt gewordene Charité-Wissenschaftler aufgefordert wird, die Flüssigkeit zu trinken. Schon früh in der Pandemie erhielt Drosten auch Morddrohungen.

Seine Kollegin Melanie Brinkmann aus Braunschweig, Mitverfasserin der No Covid-Strategie, berichtete im Deutschlandfunk, dass sie nach jedem Auftritt in einer Talkshow – von denen sie in den vergangenen eineinhalb Jahren viele absolvierte – erst einmal einige Tage braucht, um die feindseligen Kommentare zu verarbeiten.

Corona: Brinkmann, Drosten und Streeck – Hass im Internet

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck wiederum plädierte in der Coronakrise für einen weniger strikten Kurs und dafür, zu lernen, „mit dem Virus zu leben“. Er erntete neben Drohungen und Beschimpfungen bei Twitter den Hashtag #SterbenmitStreeck. „Wenn wissenschaftliche Debatte und Forschung dazu führen, dass mit Hashtags zu meinem Ableben oder Sterben aufgerufen wird, ist das nicht nur sehr verletzend, es erschreckt mich geradezu, wie groß der Hass und die Diffamierung im Netz geworden ist“, sagte der Forscher dazu.

Brinkmann, Drosten und Streeck sind nur drei prominente Beispiele aus Deutschland für die Angriffe auf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Corona-Pandemie – die Liste ließe sich um viele weitere Namen ergänzen. Wie maßlos, verroht, ja abscheulich der Umgang mit Menschen, die sich öffentlich äußern und eine andere Ansicht als die eigene vertreten, teilweise geworden ist, darauf wirft auch die aktuelle Publikation „Scientists under attack“ ein Schlaglicht. Der im Fachmagazin Nature erschienene Beitrag mit der Überschrift „I hope you die“ („Ich hoffe, du stirbst“) basiert auf einer – nicht repräsentativen – Umfrage unter 321 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Das Gros stammt aus Großbritannien, Deutschland und den USA.

Virologin Melanie Brinkmann sieht sich Hass ausgesetzt. (Archivfoto)

Berichtet wird von Drohungen, Diffamierung, Häme, Beleidigungen, auch sexistischer und rassistischer Natur, bis hin zu Vernichtungswünschen, geäußert vor allem über soziale Medien. Hasserfüllte Angriffe gegen die Person treten an die Stelle einer sachlichen Auseinandersetzung mit einer Position.

Christian Drosten muss mit Morddrohungen leben. (Archivfoto)

Corona-Pandemie: Fachleute berichten von negativen Erlebnissen

Die Zahlen der von Nature und dem Science Media Center international organisierten Umfrage im einzelnen: Mehr als 80 Prozent gaben an, bereits persönlichen Angriffen oder Troll-Kommentaren ausgesetzt gewesen zu sein, 25 Prozent passierte das nach öffentlichen Äußerungen sogar meistens oder immer. 22 Prozent berichteten, dass ihnen schon Gewalt angedroht wurde, 15 Prozent hatten Morddrohungen erhalten, sechs Prozent sind tatsächlich körperlich angegriffen worden. 42 Prozent leiden unter emotionaler Belastung nach öffentlichen Auftritten. 44 Prozent offenbaren sich ihren Arbeitgebern gegenüber jedoch nie.

Auch wenn 85 Prozent bei der Zusammenarbeit mit den Medien positive Erfahrungen gemacht haben, zeigt die Einschüchterung doch Wirkung: 60 Prozent räumten ein, dass ihre Bereitschaft, mit den Medien zu sprechen, durch die persönlichen Angriffe gesunken sei. Einige berichteten zudem, dass ihr Arbeitgeber Beschwerden über sie erhalten habe oder dass ihre Wohnadresse im Internet bekannt gegeben wurde. Viele äußerten außerdem den Wunsch, dass das Problem offener diskutiert werde. Ein Wissenschaftler schrieb in seiner Antwort, er glaube, dass Regierungen und wissenschaftliche Gesellschaften nicht genug getan hätten, um Forschende öffentlich zu verteidigen.

Corona: Kritik gibt es auch an der Rolle traditioneller Medien

Die Belästigung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern spiegele bis zu einem gewissen Grad „ihren gestiegenen Status als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“ wider, heißt es in dem Nature-Artikel. Forschende, die früher nur Fachkreisen bekannt waren, sind durch die Pandemie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt und als Expertenstimmen in den Medien gefragt. Je prominenter jemand sei, desto mehr Angriffe seien zu erwarten, sagt die Historikerin Heidi Tworek von der University of British Columbia (Kanada).

Als besondere Reizthemen machte die Umfrage das Impfen, den Ursprung von Sars-CoV-2 und das Medikament Ivermectin aus. Bei letzterem handelt es sich um ein Mittel gegen Parasiten, von dem einige glauben, dass es ein so gutes wie günstiges Therapeutikum bei Covid-19 sein könnte, während andere eher skeptisch sind. Der Pharmakologe Andrew Hill von der Universität Liverpool hatte mit seinem Team im Juli eine Meta-Analyse zu Ivermectin veröffentlicht.

Das Ergebnis deutete auf einen Nutzen bei Covid-19 hin. Doch das Team beschloss, die Analyse zu überarbeiten, nachdem eine der eingeflossenen Studien wegen ethischer Bedenken zurückgezogen worden war. Hill berichtet, dass ihm daraufhin gedroht wurde, „Nürnberger Prozessen“ unterzogen zu werden und dass seine Kinder „in der Hölle brennen“ würden. Inzwischen hat der Wissenschaftler seinen Twitter-Account geschlossen.

Corona: Sorge vor „Rückzug und Selbstzensur“

Der Kommunikationswissenschaftler Fabian Prochazka von der Universität Erfurt äußerte gegenüber dem Science Media Center Deutschland die Sorge, dass Hass und Anfeindungen „Rückzug und Selbstzensur“ zur Folge haben könnten sich viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler „auch ohne eigene negative Erfahrungen präventiv nicht mehr zu bestimmten Themen äußern“.

Mike Schäfer vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität Zürich spricht von einem „unerträglichen Zustand“ und vermutet „Folgen für die weitere Kommunikation“ zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. „Viele wollen sich diesen Beschimpfungen nicht aussetzen. Und viele fühlen sich – in vielen Fällen zu Recht – in solchen Situationen allein gelassen.“ Deshalb müssten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterstützt werden, „emotional, sozial, notfalls sogar juristisch“: „In diesen Bereichen müssen scientific communities, wissenschaftliche Forschungseinrichtungen, aber auch Hochschulen noch besser werden.“

Corona: Kritik gibt es auch an der Rolle traditioneller Medien

Die Sprachwissenschaftlerin Konstanze Marx von der Universität Greifswald findet allerdings, dass auch die traditionellen Medien ihren Beitrag zur Zuspitzung geleistet haben. Ihre Rolle sollte „nicht außer Acht gelassen“ werden. Viele hätten die Chance verpasst, „die Komplexität einordnend zu reduzieren und informierend tätig zu werden“, seien stattdessen „in alte Muster zurückgefallen“. „Da Wissenschaft nicht in diese Muster passt, wurde sie eingepasst – zum Beispiel durch künstlich generierte Kontraste.“

Gerade zu Beginn der Pandemie sei ein „Pseudostreit“ installiert worden, sagt die Sprachwissenschaftlerin, es habe „gezielte und inhaltlich nicht fundierte Schwarz-Weiß-Konstruktionen“ gegeben. Das sei „kontraproduktiv“ gewesen. Die traditionellen Medien müssten „ihre Verantwortung innerhalb von Hass-Spiralen reflektieren und wahrnehmen“. (Pamela Dörhöfer)

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