Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Coronavirus - Ende der Corona-Regeln in England
+
Die Nachtclubs in England füllen sich wieder: Am „Freedom Day“ wurden zahlreiche Corona-Auflagen durch die Regierung aufgehoben.

Pandemie

Delta-Variante in England kaum noch „kontrollierbar“ - Forscherin besorgt

  • Lukas Rogalla
    VonLukas Rogalla
    schließen

England hebt fast alle Corona-Maßnahmen auf – trotz Warnungen aus der Wissenschaft. Die Delta-Variante droht unkontrollierbar zu werden.

London/Edinburgh – Am 19. Juli 2021 hat England fast alle Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus aufgehoben, darunter die Maskenpflicht, Abstandsregeln sowie Beschränkungen für große Events. Kinos und Theater dürfen ihre Säle wieder vollständig füllen, auch Klubs sind geöffnet.

Was eigentlich nach Entspannung beim Infektionsgeschehen klingt, kommt inmitten einer vierten Corona-Welle mit zehntausenden Neuinfektionen täglich. Die hochansteckende Delta-Variante lässt die Fallzahlen immer weiter steigen. „Wann sollten wir es tun, wenn nicht jetzt?“, fragte Großbritanniens Premierminister Boris Johnson jüngst bei einer virtuellen Pressekonferenz.

Corona-Lockerungen in England: Kritik wegen Ausbreitung der Delta-Variante

Der 19. Juli wurde in der englischen Politik und von Boulevard-Medien als „Freedom Day“ deklariert, als „Tag der Freiheit“. Doch mit dem Coronavirus kann man nicht einfach so abschließen, mahnt eine Forscherin.

Coronavirus in GroßbritannienStand: 26. Juli 2021
Infektionen gesamt5.723.399
Todesfälle gesamt129.446
Sieben-Tage-Inzidenz395,0
Quelle: https://www.corona-in-zahlen.de

Die US-Amerikanerin Devi Sridhar, Professorin für globale öffentliche Gesundheit an der University of Edinburgh, sitzt im Corona-Beratungsstab der schottischen Regierung, die selbst über Pandemie-Maßnahmen entscheiden kann. Verglichen mit England und angesichts der Delta-Variante gehen Schottland, Wales und Nordirland deutlich zögerlicher vor, was Öffnungen und Lockerungen angeht. Der „Freedom Day“ fand entsprechend nur in England statt. Von der Opposition in Westminster kam scharfe Kritik.

Forscherin kritisiert England: Corona „endet nicht mit Parade und Feuerwerk“

„Es ist ein Fehler, den Tag als Big Bang deklarieren zu wollen, an dem vermeintlich alles vorbei ist“, meint die Professorin gegenüber Zeit Online. „Wir haben aus der Geschichte von Pandemien gelernt, dass sie nicht mit einer Parade und einem Feuerwerk enden. Sie enden, wenn die Gefahr einer ansteckenden Krankheit gemanagt werden kann, wenn wir gelernt haben, irgendwie damit umzugehen.“ Zwar wisse Boris Johnson, dass es infolge des „Freedom Day“ mehr Krankenhauseinweisungen und Tote durch Corona geben werde. Dies habe er auch betont.

Doch es gebe Schwierigkeiten, Delta bei den Modellen zu berücksichtigen, erklärt Sridhar. Ob die Delta-Variante des Coronavirus wirklich für einen erschwerten Krankheitsverlauf mit Covid-19 sorgt, wisse noch niemand wirklich. Eine kleine Studie aus Schottland, die im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht wurde, deutet an, dass es mehr Klinikeinweisungen gebe. Gleichzeitig infizieren sich nun vor allem junge Menschen, die oftmals mildere Verläufe haben.

Ende der Corona-Maßnahmen in England: Gesundheitssystem vor dem Limit?

Patrick Vallance, wissenschaftlicher Berater der britischen Regierung, warnte kürzlich vor mehr als 1000 Krankenhauseinweisungen durch Corona täglich. Selbst wenn die Sterblichkeitsrate im Vergleich zu den ersten drei Wellen deutlich sinkt, könnte das Gesundheitssystem überlastet werden. „Dann sinkt die Qualität der medizinischen Versorgung und wir sehen etwas, was wir weltweit gesehen haben: Die Leute sterben nicht nur an Covid, sie sterben auch an Krebs oder Herzinfarkten, weil sie nicht behandelt werden können“, warnt Sridhar. Darüber hinaus seien die Beschäftigten im Gesundheitswesen bereits „ausgebrannt“ und „am Ende ihrer Kräfte“.

Ihrer Einschätzung nach empfinden viele Britinnen und Briten die Aufhebung der Corona-Maßnahmen in England als eine „Kapitulation“. Mit bislang mehr als 5,7 Millionen Infektionen und mehr als 129.000 Todesfällen im Zusammenhang mit dem Coronavirus wurde Großbritannien schwer getroffen (Stand: 27. Juli 2021). Durch eine frühe Verfügbarkeit von Corona-Impfstoffen konnten viele Leute seit dem vergangenen Winter geschützt werden. Mittlerweile haben fast 70 Prozent der Bevölkerung ihre Erstimpfung erhalten. Mit zwei Impfdosen vollständig geschützt sind rund 55 Prozent (Stand: 27. Juli 2021, Quelle: Johns Hopkins University).

Corona in England: Delta-Variante nicht mehr „kontrollierbar“?

Das Wegfallen der Maskenpflicht, beispielsweise im Supermarkt, erzeuge „eine Menge Spannungen“ und viel Angst, berichtet Sridhar. Sie erhalte viele E-Mails von Menschen, die sich vom Staat verlassen fühlen. Es wäre eine bessere Idee gewesen, „noch ein paar Wochen zu warten“, bis alle geimpft sind, sagt sie. Nach Angaben von Zeit Online stecke ein mit der Delta-Variante Infizierter unter Ungeimpften im Schnitt fünf bis acht weitere Menschen an. Damit sei das Coronavirus „fast so infektiös wie die Masern“.

Ob „Delta noch kontrollierbar“ sei, wisse Sdrihar nicht. „Schauen Sie sich an, wie Thailand, Vietnam, Taiwan und Südkorea sich gerade mit dem Virus abmühen. Wir haben es mit einer anderen Pandemie zu tun. Delta ist ein ‚Game-Changer‘. Es ist, als säßen wir alle in der Titanic und sänken. Und die Rettungsboote, das sind die Corona-Doppelimpfungen.“ Aufgrund dieser vergleichsweise schnell laufenden Impfkampagne würden nun andere Länder auf Großbritannien schauen und sich fragen, wie dort mit der Infektions-Welle umgegangen wird und nicht mehr umgekehrt.

Corona-Maßnahmen in England: Regierung habe „alles getan, was wir tun konnten“

In Schottland hätten Sridhar und die Regierung mit einer konsequenten Maskenpflicht, kostenlosen Tests und finanziellen Hilfen für Unternehmen sowie Menschen, die sich isolieren müssen, „eigentlich alles getan, was wir tun konnten“. Sie stand für eine strikte Eindämmung des Coronavirus. Dennoch blieben viele Fragen offen, beispielsweise wie genau nun mit Kindern umgegangen werden solle.

„Sollen wir die Infektion bei ihnen etwa einfach durchlaufen lassen? Und sagen, das ist jetzt wie eine Grippe? Oder sagen wir: Das ist ein neues Virus, das den ganzen Körper betrifft, wir müssen vorsichtig sein?“ In westlichen Ländern, glaubt sie, habe man das Schlimmste bereits hinter sich, selbst wenn noch einmal Einschränkungen wie geschlossene Nachtclubs geben sollte. Corona zu „managen“ sei nur noch „eine Frage der Zeit“ – vorausgesetzt, es taucht keine „ganz furchtbare Variante auf“.

Corona: Delta-Variante breitet sich rasant aus – „Tragödie globalen Ausmaßes“ droht

Anders sehe es in Ländern mit einer sehr geringen Corona-Impfquote aus. Sridhar spricht von einer „Tragödie globalen Ausmaßes“. Was durch Corona in Indien passiert ist, werde sich wiederholen. Einerseits wirtschaftlich durch Lockdowns, andererseits weil viele Menschen sterben werden und Familien in oftmals prekären Verhältnissen ihre Versorger:innen verlieren.

Sie fordert deshalb ein globales Pandemie-Abkommen und „bessere Verteilungsmechanismen“ für Corona-Impfstoffe. Doch reichere Länder seien in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Die Produktionskapazitäten für Impfstoffe müssten stark ausgebaut werden, etwa in Afrika, um nicht allzu sehr vom Westen abhängig zu sein.

Devi Sridhar meint, die globale Zusammenarbeit habe sich durch die Corona-Pandemie verschlechtert. China und Russland hätten diese Lage genutzt und dafür gesorgt, dass viele Länder für Unterstützung und Solidarität nicht nur Richtung Westen schauen. Doch sie sieht in der Krise auch Positives: „Wir haben mehr Polarisierung gesehen, als eigentlich da war“, sagt die Professorin. Große Partys unter Missachtung von Corona-Auflagen seien da die Ausnahme gewesen. „Es gibt eine große, stille Mehrheit, die die Komplexität der Situation verstanden hat und sich solidarisch verhält.“ (Lukas Rogalla)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare