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Die Verbreitung von Viren wie Sars-CoV-2 ist ein Preis der Gier

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Neue Viren gelangen oft über mehrere Wirte zum Menschen. Forscher gehen davon aus, dass es noch viele unbekannte Erreger gibt.

Video: Coronavirus womöglich vom Pangolin übertragen?

  • Covid-19 ist eine Zoonose, eine Erkrankung, die von Tieren auf Menschen übertragen wird
  • Zu den Zoonosen zählen auch Malaria, Dengue, Ebola, Tollwut, Sars oder Mers
  • Forscher haben Wildtiere entdeckt, die bei der Ausbreitung des Coronavirus eine Rolle gespielt haben könnten

Seit Wochen schon prägt das neue Coronavirus Sars-CoV-2 die Schlagzeilen. Man kann hoffen, dass es gelingt, die Epidemie in Grenzen zu halten und einzudämmen oder dass sie irgendwann von selbst abebbt. Wirklich einschätzen lässt sich das nicht. Vielleicht verschwindet Sars-CoV-2 auch gar nicht mehr richtig und kehrt regelmäßig wieder, so wie die lästigen Grippe- und Erkältungsviren, vielleicht gelingt es mittelfristig, eine Impfung oder Therapie zu entwickeln. Mindestens ebenso wichtig wird es allerdings sein nachzuvollziehen, welchen Weg das Virus genommen hat, bis es in China auf der Bildfläche erschienen ist – und sich mit jenen Verhaltensweisen auseinanderzusetzen, die den Übertritt krankmachender Erreger vom Tier auf den Menschen begünstigen; und das auch dann noch, wenn sich die aktuellen Meldungen nicht mehr überschlagen.

Die durch das Coronavirus hervorgerufene Lungenkrankheit Covid-19 ist eine Zoonose. Darunter versteht man Erkrankungen, die von Tieren auf Menschen übertragen werden. Die Erreger können Viren ebenso sein wie Bakterien, Parasiten, Pilze oder bestimmte krankmachende Proteine, sogenannte Prionen. Die Ansteckung erfolgt entweder über den direkten Kontakt mit einem infizierten Tier, über dessen Fleisch, Milch oder Eier oder über Vektoren wie Stechmücken, die den Erreger von einem Wirt an den nächsten weitergeben. Zu den Zoonosen zählen unter anderem Malaria, Dengue, Ebola, Tollwut, Sars oder Mers. Bekannt sind derzeit rund 200 Zoonosen.

Forscher suchen das Wildtier, das das neue Coronavirus übertragen haben könnte

Für das neue Coronavirus ist bislang nicht zweifelsfrei geklärt, welche Tiere als Wirte fungiert haben. Allgemein wird angenommen, dass das Virus auf einem Wildtiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan erstmals auf einen Menschen übergesprungen ist, zu hundert Prozent belegt ist das aber nicht.

Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass wie sehr wahrscheinlich auch bei Sars und Mers – deren Erreger ebenfalls zu den Coronaviren gehören – Fledermäuse die ersten Wirte waren. Eine Theorie lautet, dass diese Tiere über ein außergewöhnliches Immunsystem verfügen, das sie viele Viren tolerieren lässt, ohne selbst krank zu werden. So könnten Fledermäuse Erreger ungehindert weitergeben. Im Allgemeinen wird angenommen, dass das Virus nicht direkt von der Fledermaus zum Menschen gelangt ist, sondern über Zwischenwirte. Bei Mers waren es Dromedare, bei Sars vermutlich bestimmte Schleichkatzen – beide Male ermöglichte der enge Kontakt von Mensch und Tier die Infektion, wenn auch auf höchst unterschiedliche Weise: Im arabischen Raum sind Dromedare geschätzte Nutztiere, Schleichkatzen landen in Teilen Asiens als Spezialität auf dem Teller.

Wildtier-Produkte könnten auch Ursache der Ausbreitung des Coronavirus sein

Wildtier-Produkte könnten auch Ursache der Ausbreitung des Coronavirus sein

Kulinarische Vorlieben könnten auch bei der Ausbreitung des neuen Coronavirus eine Rolle gespielt haben. Eine Vermutung lautet, dass Pangoline, die einzigen Säugetiere mit Schuppen, die Zwischenwirte gewesen sein könnten. In solchen Schuppentieren wiesen Forscher der South China Agricultural University ein Virus nach, dass zu 99 Prozent mit dem Erreger in Menschen übereinstimmt. Die in Afrika und einigen asiatischen Ländern heimischen Pangoline sind die am häufigsten illegal gehandelten Tiere weltweit. Sie gelten nicht nur in China und Vietnam als Delikatesse, sondern werden auch – gesetzeswidrig – für die traditionelle chinesische Medizin missbraucht. Zu Pulver zerrieben gelten ihre Schuppen dort als Heilmittel gegen Hautleiden, Menstruationsbeschwerden, Arthritis und sogar Krebs. Auch das Fleisch von Fledermäusen wird übrigens mancherorts gegessen und ihr Kot für die traditionelle chinesische Medizin verwendet. Die Gier nach vermeintlichen Wunderarzneien tierischen Ursprungs hat bei anderen Arten schon zu einem dramatischen Rückgang geführt, ein prominentes Beispiel dafür sind die Nashörner. Auch die Schuppentiere hat sie an den Rand des Aussterbens gebracht. Vor allem in Afrika werden die Tiere von Wilderern gefangen und nach Asien geschmuggelt.

Das allein ist grauenhaft und muss schon deshalb mit aller Härte verfolgt werden, wobei es auch die lokalen Ursachen von Wilderei zu bekämpfen gilt. Oft ist es bei Wilderern die Armut, hinzu kommen Korruption und teils auch mangelnde Strafverfolgung; eine globale Anstrengung. Die Ausbreitung der neuen Lungenerkrankung zeigt aber auch: Die Menschen haben ebenfalls einen Preis dafür zu zahlen, dass sie immer weiter in die Refugien von Wildtieren eindringen und diese rücksichtslos jagen.

Auch wenn Covid-19 überwunden ist: Andere Erreger werden folgen

Wissenschaftler nehmen an, dass nur Teil der potenziell krankmachenden Mikroorganismen, die von Tieren auf Menschen springen können, bislang entdeckt wurde. Erst vor kurzem hat ein Team des Deutschen Instituts für Infektionsforschung an der Charité Hunderte neuer Viren in Insekten gefunden. Selbst wenn die Covid-19-Epidemie überwunden sein wird, ist daher mit dem Auftreten anderer Erreger zu rechnen – auf die das menschliche Immunsystem nicht vorbereitet ist, weil sie an andere Organismen angepasst sind. Das macht ihr jeweiliges Gefahrenpotenzial schwer einschätzbar. Forscher warnen seit Jahren davor, dass seit dem Zurückdrängen früherer Seuchen durch Impfungen und Antibiotika das Risiko durch Infektionskrankheiten vor allem in den westlichen Industrienationen unterschätzt wird.

Gewiss ist, dass sich in Zeiten der Globalisierung und des wachsenden Reiseverkehrs Epidemien schneller und weiter ausbreiten können. Der Klimawandel wird zusätzlich dazu beitragen, weil die gestiegenen Temperaturen tropischen Stechmücken als potenziellen Krankheitsüberträgerinnen neue Lebensräume erschließt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass manche Viren sich eher bei kalten Temperaturen verbreiten.

Wissenschaftler sollten die positiven Seiten der weltweiten Vernetzung nutzen und sich bei ihrer Arbeit intensiv austauschen. Forschung ist gefragt und muss gefördert werden – sowie Transparenz, auf allen Ebenen. Zwar war der Informationsfluss bei Covid-19 besser als 17 Jahre zuvor bei Sars, aber auch dieses Mal hätte die Krankheit weitaus früher publik werden können, hätten nicht lokale Behörden in China versucht, den Ausbruch zu vertuschen. Internationale Zusammenarbeit ist ein vielstrapazierter Wortpaar. Beim Umgang mit Infektionskrankheiten wäre sie essenziell.

Von Pamela Dörhöfer

Während sich das Coronavirus in Deutschland weiter ausbreitet, findet das Thema auch in TV-Sendungen Anklang. Bei "Hart aber fair" (ARD) zum Coronavirus erhebt ein Virologe schwere Vorwürfe gegen die deutsche Bundesregierung.

Rubriklistenbild: © AFP

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