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Covid-19: Östrogen kann das Sterberisiko reduzieren

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Von: Pamela Dörhöfer

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Männer erkranken häufiger schwer an Covid und sterben auch häufiger daran als Frauen. Getty
Männer erkranken häufiger schwer an Covid-19 und sterben auch häufiger daran als Frauen. © Getty Images

Männer erkranken häufiger schwer, wenn sie sich mit Corona infiziert haben. Forschende aus Schweden untersuchen nun den Einfluss des weiblichen Sexualhormons.

Stockholm – Schon früh in der Corona-Pandemie zeichnete sich ab, dass Männer häufiger als Frauen schwer an Covid-19 erkranken und auch häufiger daran sterben. In China waren laut einer Studie rund 70 Prozent der Coronatoten Männer, in Europa liegt ihr Anteil bei etwa 60 Prozent der an Covid Verstorbenen. Bei Sars-1 und Mers, die ebenfalls von Coronaviren verursacht werden, verhielt es sich ähnlich. Studien belegen, dass Männer bei Infekten verschiedenster Art oft heftiger erkranken, etwa auch bei Erkältungen; „Männerschnupfen“ hat also nicht nur etwas mit Wehleidigkeit zu tun.

Es liegt nahe, dass die Ungleichverteilung zwischen den Geschlechtern mit hormonellen Einflüssen zu tun haben könnte. Untersuchungen zur Rolle des männlichen Geschlechtshormons Testosteron indes lieferten widersprüchliche Ergebnisse. So zeigte eine Studie der Universitätsklinik San Raffaele in Mailand, dass bei Patienten mit niedrigem Testosteronspiegel die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu sterben, um das Sechsfache erhöht war. Eine Studie der Universität Padua wiederum konstatierte ein geringeres Erkrankungsrisiko für Patienten, die gegen Prostatakrebs mit Medikamenten behandelt wurden, die Testosteron hemmen.

Corona: Östrogen kann laut Studie Sterberisiko um 50 Prozent verringern

Forschende der Universität Umeå (Schweden) haben nun das weibliche Sexualhormon Östrogen in den Fokus genommen – und kamen zu dem Ergebnis, dass es vermutlich einen gewissen Schutz vor schweren Verläufen und Tod durch Covid-19 bietet. Östrogen soll demnach das Risiko, an einer Infektion mit dem Coronavirus zu sterben, um 50 Prozent verringern. Die auf landesweiten Daten basierende Studie wurde jetzt online auf BMJ open veröffentlicht.

Auch wenn die Arbeit eine Erklärung dafür liefern könnte, warum Männer häufiger an Covid-19 sterben, so waren diese doch gar nicht Bestandteil der Studie. Eingeflossen sind die Daten von 14.685 Frauen im Alter zwischen 50 und 80 Jahren, von denen 17,3 Prozent eine Hormonersatztherapie mit Östrogen gegen Wechseljahrsbeschwerden bekamen. 1,3 Prozent hatten einen verringerten Östrogenspiegel aufgrund einer Hormonbehandlung gegen Brustkrebs. Der Rest nahm überhaupt keine Hormonpräparate ein.

Zufallsfund in Schweden zu Corona-Risiken: Östrogenpräparate senkten Risiko

Es zeigte sich, dass das Risiko nach einer Corona-Infektion an Covid-19 zu sterben, in der Gruppe, die Östrogenpräparate einnahm, weniger als halb so groß war wie bei den Frauen ohne Hormonbehandlung. Das höchste Risiko bestand in der Gruppe, die eine Anti-Östrogentherapie erhielt. Wie es in einer Mitteilung der Universität Umeå heißt, sei der kausale Zusammenhang mit den verringerten Östrogenwerten jedoch nicht sicher, da diese Frauen im Schnitt älter waren und zudem auch wegen Krebs behandelt wurden – beides Faktoren, die das Risiko eines schweren Verlaufs von Covid-19 erhöhen. Es sei wichtig, dass diese Frauen ihre Medikamente weiterhin einnehmen, um das Risiko eines erneuten Auftretens von Krebs zu verringern, wird Studienleiterin Malin Lund in der Mitteilung zitiert.

Insgesamt seien die Ergebnisse „interessant genug“, um weitere klinische Studien zu rechtfertigen. Die Autorinnen und Autoren halten es demnach durchaus für möglich, dass Medikamente, die den Östrogenspiegel erhöhen, „eine Rolle bei therapeutischen Bemühungen spielen, den Schweregrad von Covid-19 bei Frauen nach der Menopause zu lindern“. Malin Lund warnt jedoch, es sei „absolut unangemessen, selbst mit Nahrungsergänzungsmitteln zu experimentieren, da Östrogen auch eine Reihe von mehr oder weniger schweren Nebenwirkungen verursachen kann und nur in Absprache mit einem Arzt eingenommen werden sollte“.

Studie zu Hormoneinfluss auf Corona-Verlauf: Wirkung von Östrogen „dramatisch“

Im Gespräch mit der Fachzeitschrift „Medscape Medical News“ sagte der Pharmaepidemiologe Stephen Evans von der London School of Hygiene & Tropical Medicine, die Ergebnisse bezüglich der Wirkung von Östrogen bei Covid-19 seien „anscheinend dramatisch“. Gleichzeitig mahnte er, „große Vorsicht walten zu lassen“. (Auch zur Behandlung von Wechseljahrsbeschwerden wird die Hormonersatztherapie heute zurückhaltender als früher und idealerweise nur nach gründlicher Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt.)

Dass sich Östrogen positiv auf den Krankheitsverlauf von Covid-19 auswirkt, erscheint durchaus plausibel. So ging man schon vor Corona davon aus, dass das Hormon für eine bessere Immunantwort sorgt. Für schwere Verläufe gibt es allerdings auch andere gesicherte Risikofaktoren, dazu zählen vor allem ein hohes Alter und Übergewicht. (Pamela Dörhöfer)

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