Neue Erkenntnisse

Mediziner warnen vor bisher unbekannten Folgen: Corona kann auch Herz und Nieren schädigen

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Vier Monate nach dem Auftauchen des Coronavirus zeigt sich, dass es nicht nur die Lunge befällt – und zum Teil schwere Langzeitfolgen hat.

  • Das Coronavirus* gefährdet offenbar nicht nur die Lunge, sondern auch Herz, Nieren und Darm.
  • Wie dauerhaft die Schäden sind, ist derzeit noch unklar.
  • Sars-CoV-2 ist für die Medizin weiterhin unberechenbar.

Die Abkürzung Sars-CoV-2 steht dafür, dass das neuartige Coronavirus ein „schweres akutes Atemwegssyndrom“ verursachen kann. Doch vier Monate nach dem Auftauchen des Virus steht fest, dass der Erreger mehrere Organe befallen kann; neben der Lunge auch das Herz, die Nieren, den Darm, möglicherweise sogar das Gehirn. Zudem zeichnet sich ab, dass selbst bei jüngeren, vorher gesunden Patienten und einem scheinbar moderaten Verlauf die Lunge schwer in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Wie dauerhaft diese Schäden sind und ob es weitere gibt, ist derzeit noch unklar.

Coronavirus: Es besteht die Gefahr einer Herzmuskelentzündung

Besonders dramatisch können die Auswirkungen einer Infektion für das Herz sein – und das in umso größerem Maße, wenn jemand ohnehin an einer Grunderkrankung des Herz-Kreislauf-Systems leidet. Menschen mit einer solchen Vorgeschichte haben ein erhöhtes Risiko, an Covid-19 zu sterben, bei den schweren Verläufen sind sie überproportional vertreten. Sogar Bluthochdruck scheint ein Risikofaktor zu sein. Ob das auch für medikamentös gut eingestellte Patienten gilt, ist ungeklärt – ebenso wie die Frage, ob Blutdrucksenker aus der Gruppe der ACE-Hemmer die Krankheit negativ beeinflussen. Sie werden allein in Deutschland von etwa 16 Millionen Menschen täglich eingenommen.

Inzwischen verdichten sich aber auch die Anzeichen, dass Komplikationen wie eine Herzmuskelentzündung sogar bei Covid-19-Patienten ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen vorkommen, und das keineswegs selten. Wissenschaftler vermuten, dass sich die Coronaviren möglicherweise über das Blut oder das Lymphsystem bis ins Herzgewebe ausbreiten, denkbar wäre auch, dass es durch massive Entzündungen angegriffen wird. Zudem belastet eine Lungenentzündung, wie sie durch eine Corona-Infektion entstehen kann, das Herz schwer, weil sich die Blutgefäße verengen und damit der Druck steigt, gegen den das Herz anpumpen muss. Der Mediziner Steffen Massberg von der Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München schätzt, dass ein Viertel bis ein Fünftel der Covid-19-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden müssten, Marker im Blut haben, die auf Schädigungen in der Muskelschicht des Herzens hindeuten.

Das Coronavirus könnte dem Enzym ACE2 den Weg ins Herz erleichtern

In Deutschland kann die erste klinische Studie für einen Corona-Impfstoff starten.

Überraschend ist die Gefahr fürs Herz durch Sars-CoV-2 nicht, auch bei einer Influenza oder bei schweren bakteriellen Infektionen ist die Herzmuskelentzündung eine gefürchtete Folge. Allerdings könnte dem Coronavirus das Enzym ACE2 den Weg ins Herz zusätzlich erleichtern. ACE2 ist der Rezeptor, an den sich der Erreger bindet, um in Zellen zu gelangen. Er befindet sich nicht nur auf der Oberfläche von Lungenzellen, sondern auch auf Herzmuskelzellen und den Zellen anderer Organe – was eine Erklärung dafür wäre, warum das Virus an so vielen Stellen im Körper Probleme bereiten kann.

Die ACE2-Rezeptoren sind auch der Grund für Befürchtungen, dass blutdrucksenkende Medikamente aus der Gruppe der ACE-Hemmer Patienten für Covid-19 anfälliger machen könnten. Aktuelle Forschungsergebnisse der Universität Frankfurt scheinen diesen Verdacht zu nähren. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass der Viren-Eintritts-Rezeptor auf Herzzellen von Patienten, die mit ACE-Hemmern behandelt wurden, verstärkt vorhanden ist. Die Forscher betonen allerdings auch, dass sich daraus keine eindeutigen Schlüsse ziehen ließen, weitere Untersuchungen zum Einfluss dieser Mittel auf den Krankheitsverlauf seien notwendig. Grundsätzlich warnen Mediziner davor, aus Angst ACE-Hemmer eigenmächtig abzusetzen.

Rezeptor sitzt auch auf den Zellen des Darms – eine Einladung für das Coronavirus

In besonders großer Zahl sitzt der Rezeptor auch auf den Zellen des Darms mit seiner riesigen Oberfläche: geradezu einladend für die Viren. Dass Beschwerden wie Übelkeit und Durchfall zu den Symptomen einer Corona-Infektion* gehören, dürfte damit zusammenhängen.

Viele Patienten klagen auch über einen zeitweiligen Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn oder über Schwindelgefühle; es sind vergleichsweise harmlos anmutende Anzeichen für einen Vorgang, der schwerwiegende Folgen haben könnte. Nach aktuellen Erkenntnissen ist das Coronavirus in der Lage, das Nervensystem zu schädigen, möglicherweise kann es über freie Nervenendigungen in der Nasenschleimhaut sogar das Gehirn erreichen. 

Im US-amerikanischen Fachmagazin JAMA Neurology berichten Neurologen von einer erhöhten Schlaganfall-Rate bei Covid-19-Patienten. Allerdings ist unklar, ob das eine direkte Folge der Infektion oder aber dem Umstand geschuldet ist, dass schwer an Covid-19 Erkrankte oft auch Risikopatienten im Hinblick auf Schlaganfall sind. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie prüft aktuelle Publikationen derzeit auf diese Frage hin. Für eine erhöhte Schlaganfall-Gefahr spricht allerdings auch, dass es durch eine Infektion laut einem Artikel in der Washington Post verstärkt zu Blutgerinnseln kommen kann.

Coronavirus: Bei vielen Covid-Patienten sind Nierenschäden festzustellen

Die Zeitung schreibt außerdem, dass bei der Hälfte der Covid-Patienten in New Yorker Krankenhäusern schon früh Nierenschäden festzustellen gewesen seien. Die New York Times berichtet von 20 bis 40 Prozent Patienten mit Nierenversagen in den Kliniken (wobei die Ärzte in New York mit einem Mangel an Dialysegeräten zu kämpfen hatten). Auch im Fall der Nieren wissen die Ärzte nicht, ob das Organ ein Hauptziel des Virus ist, oder ob es durch den schlechten Allgemeinzustand der Patienten in Mitleidenschaft gezogen wird. Fest steht aber, dass Patienten mit Nierenproblemen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben.

Doch selbst bei vermeintlich mildem Verlauf kann das Virus offenbar zu erheblichen Langzeitfolgen führen. Bereits seit einiger Zeit gibt es den Verdacht, dass Covid-19 eine Lungenfibrose nach sich ziehen kann. Dabei kommt es – etwa als Folge einer Infektion oder langfristig eingeatmeter Schadstoffe – zu einer Vermehrung von Bindegewebszellen, wodurch sich die Lunge verhärtet. „Ob das wirklich so ist, wissen wir noch nicht“, sagt der Mediziner Steffen Massberg.

Coronavirus: Besorgniserregende Befunde aus Österreich 

Besorgniserregend hören sich die jüngsten Befunde aus der Universitätsklinik Innsbruck an. Dort haben Ärzte laut der österreichischen Nachrichtenagentur APA bei genesenen Patienten „massive Veränderungen an der Lunge festgestellt“.

Alle seien keine schweren Fälle gewesen, ihre Erkrankungen sollen fünf bis sechs Wochen zurückgelegen haben, sie galten als klinisch gesund. Unter diesen Patienten seien auch sechs aktive Taucher gewesen, die sich in Heimquarantäne auskuriert hatten. „Die Schäden an der Lunge sind irreversibel“, vermutet der Mediziner Frank Hartig von der Uniklinik Innsbruck. „Das ist schockierend, wir verstehen nicht, was hier gerade passiert.“ Der Arzt weiß nicht, ob die Schäden dauerhaft sind, befürchtet es aber. Beim Anblick der Befunde falle es schwer, „an eine völlige Ausheilung zu glauben“.

Es zeigt, wie unberechenbar das neuartige Coronavirus für die Medizin weiterhin ist – und dass der Blick auf Sterberaten und Hochrisikogruppen nicht der alleinige Maßstab sein sollte, um die Gefährlichkeit des Virus einzuschätzen.

Von Pamela Dörhöfer

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Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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