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Pandemie

Coronavirus: Der Sommer als Verbreitungsbremse?

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Eine britische Studie stellt für die Übertragung des Coronavirus ein „starkes saisonales Muster“ fest. Ist also alles besser, wenn es nur wärmer wird? Nicht unbedingt.

Frankfurt - Atemwegsinfekte wie Rachenentzündung, Schnupfen oder Bronchitis und auch die Grippe haben im Herbst und Winter Hochsaison. Die Gründe dafür sind vielfältig: Viele Viren bevorzugen niedrige Temperaturen, gleichzeitig wirken sich Kälte sowie der mit einem sinkenden Vitamin-D-Spiegel verbundene Mangel an Sonnenlicht nachteilig auf die Abwehrkräfte aus. Zudem halten sich die Menschen häufiger eng beieinander in Innenräumen auf, wo das Risiko, sich mit solchen Erregern anzustecken, deutlich höher ist als Freien. Trockene Heizungsluft macht die Schleimhäute zusätzlich anfälliger für Infektionen.

Von Beginn der Pandemie an wurde vermutet, dass es sich bei Sars-CoV-2 ähnlich verhalten könnte. Denn auch das 2019er Coronavirus wird über Aerosole und Tröpfchen übertragen und befällt zuerst die Schleimhäute in Nase und Rachen.

Coronavirus: Soziale Faktoren spielen eine große Rolle

Blickt man auf die Entwicklung der Infektionszahlen in Ländern verschiedener Klimazonen, so finden sich tatsächlich Anzeichen, die auf Saisonalität hinweisen. So sanken 2020 und 2021 in Deutschland und anderen Ländern Mitteleuropas die Infektionszahlen, als es im Frühjahr wärmer wurde – während sie etwa in Chile oder Argentinien mit ihren entgegengesetzten Jahreszeiten ab April stark anstiegen. Allerdings ist das in den jeweiligen Klimazonen nicht einheitlich zu beobachten. In Südafrika beispielsweise folgen die Infektionszahlen keinem jahreszeitlichen Schema. Zwar ist aktuell die Situation im nun beginnenden Winter dramatisch, Spitzenwerte gab es in Südafrika aber ebenfalls in den dortigen Sommermonaten Januar und Februar.

Auch lässt sich nur schwer bestimmen, welchen Anteil die Jahreszeiten angesichts anderer Faktoren wie Lockdown, Social Distancing, Maskenpflicht und Impfungen an der Entwicklung haben. Ein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen Wetter und Coronazahlen ließ sich bislang nicht herstellen. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité schätzte in einer Ende Mai geposteten Nachricht auf Twitter den „Sommereffekt“ mit einer Reduktion von rund 20 Prozent als eher gering ein.

Sommer, Sonne, blauer Himmel... gefallen dem Virus meist weniger als den Menschen.

Ein Forschungsteam um den Epidemiologen Jan Kulveit von der Universität Oxford ist zu einem etwas anderen Ergebnis gekommen. Die britischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Saisonalität und Übertragung des Coronavirus in 143 gemäßigten Klimazonen in Europa mittels statistischer Analysen untersucht. Ihren Erkenntnissen zufolge gibt es bei Sars-CoV-2 ein „starkes saisonales Muster“. Die Übertragung sei zum Höhepunkt des Sommers um 42,1 Prozent geringer gewesen als beim entgegengesetzten Peak im Winter.

Die Studie mit dem Titel „Seasonal variation in Sars-CoV-2 transmission in temperature climates“ wurde auf dem Preprint-Server medrxiv veröffentlicht und bislang noch nicht unabhängig begutachtet.

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass Saisonalität nicht allein die kalendarischen Jahreszeiten ausmache, sondern es sich vielmehr um ein sehr komplexes Gebilde handele. So beeinflussten Temperatur, Luftfeuchtigkeit und UV-Strahlung Übertragung wie auch Inzidenz durch eine Reihe „biologischer und epidemiologischer Mechanismen“. Dazu zählten die „Lebensfähigkeit und Stabilität des Virus, die Anfälligkeit und Immunreaktion des Wirts sowie soziale Faktoren wie Urlaube und Schulkalender“, heißt es. Diese Vielzahl, so die Forschenden, mache es schwierig, den jeweiligen Einfluss der verschiedenen saisonalen Faktoren genau zu beziffern – das vor allem auch angesichts der Wechselwirkungen zwischen „Umwelt-, biologischen und das Verhalten der Menschen betreffenden Faktoren“.

Corona-Fallzahlen sinken – nicht vorschnell auf Herdenimmunität schließen

In ihre Analyse haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch Vorkehrungen zur Pandemiebekämpfung wie nächtliche Ausgangssperren und Schulschließungen einfließen lassen. Ihr Ergebnis lautet, dass der Effekt solch einzelner Aktionen geringer ausfällt als der, den der Übergang vom Winter zum Sommer mit sich bringt. Allerdings: Die Wirkung von miteinander kombinierten Vorkehrungen übersteigt in der Summe nach Ansicht der Forschenden die des isolierten saisonalen Effekts. Das könnte – unter anderem – erklären, warum es auch in der wärmeren Jahreszeit zu Ausbrüchen gekommen ist. Die Saisonalität des Virus bleibt gleichwohl signifikant – und scheint somit Befürchtungen eines neuerlichen Anstiegs der Infektionszahlen im Herbst zu bestätigen.

Die britischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen aber auch auf einige Einschränkungen der Aussagekraft ihrer Studie hin. Etwa die, dass sich die Analyse lediglich auf eine einzige Sommer-Winter-Periode und nur auf europäische Regionen in der gemäßigten Klimazone beziehe. Die Ergebnissen ließen sich nicht automatisch auf andere Klimazonen übertragen. So sei etwa bei anderen Atemwegsinfekten die Saisonalität in den Tropen geringer ausgeprägt als in gemäßigten Breiten – oder an andere Spitzenzeiten als den Winter gekoppelt. Als Beispiel wird der Monsun genannt.

Auch wenn die Forschenden betonen, keinen kausalen Zusammenhang zwischen Wetter und Coronalage herstellen zu wollen, so warnen sie im Gegenzug doch ebenso davor, die Saisonalität von Sars-CoV-2 zu ignorieren und von einem Rückgang der Infektionszahlen vorschnell auf beginnende Herdenimmunität zu schließen. Sich derart in Sicherheit zu wiegen, könne zu mangelnder Vorbereitung auf eine weitere Welle in der kalten Jahreszeit führen; eine Mahnung, die die brisichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausdrücklich an die politisch Verantwortlichen richten. (Pamela Dörhöfer)

Rubriklistenbild: © Getty Images

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