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Corona

„Neuro-Covid“ mit unberechenbaren Effekten – Forschung steht vor Rätsel

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Manche Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren, riechen oder schmecken nichts mehr. „Neuro-Covid“ stellt die Forschung vor neue Herausforderungen.

  • Gelangt das Coronavirus ins Gehirn und richtet dort direkt Schaden an?
  • Eine Untersuchung hat ergeben, dass rund 60 Prozent der Covid-19-Erkrankten unter neurologischen Begleitsymptomen litten.
  • Die Symptome können noch nach einer Erkrankung bestehen bleiben.

Frankfurt – Bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Pandemie fiel auf, dass Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten, auffällig oft einen merkwürdigen Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns beklagten. Später zeigte sich, dass es in der Folge von Covid-19 vermehrt zu Schlaganfällen kam. Auch von Konzentrationsproblemen selbst nach milden Krankheitsverläufen wurde berichtet.

„Neuro-Covid“ – Wie richtet das Coronavirus Schaden an?

Inzwischen weiß man, dass neurologische Symptome mit Covid-19 einhergehen können und eine Besonderheit darstellen, die bei den Erregern banaler Atemwegsinfekte und auch bei der Influenza in dieser Form bisher nicht beobachtet wurden. Für dieses spezielle Krankheitsbild gibt es mittlerweile eine eigene Bezeichnung: Neuro-Covid.

Doch wie kommt das? Gelangt das Coronavirus ins Gehirn und richtet dort direkt Schaden an oder werden die Probleme durch eine überschießende Entzündungsreaktion hervorgerufen? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt beschäftigen sich seit Monaten mit diesen Fragen. Auch ein Team der Medizinischen Fakultäte der Universität Duisburg-Essen unter der Leitung von Mark Stettner, Oberarzt der Neurologischen Klinik, und deren Direktor Christoph Kleinschnitz forscht zu den Ursachen und Ausprägungen von Neuro-Covid und hat dazu bereits mehrere Studien publiziert; an weiteren zu diesem Phänomen wird gearbeitet.

Corona: 60 Prozent der Covid-Kranken leiden unter neurologischen Begleitsymptomen

Eine Untersuchung mit mehr als 100 Covid-Kranken habe ergeben, dass etwa 60 Prozent unter neurologischen Begleitsymptomen litten, sagt Christoph Kleinschnitz. Das sei „eine erstaunlich hohe Zahl“; zugleich bestätige sie ähnliche Beobachtungen, die bereits früh in Wuhan gemacht wurden. Die neurologischen Probleme können sich ganz unterschiedlich äußern, sie reichen von Geruchs- und Geschmacksverlust über Müdigkeit, bis hin zu schwersten Ereignissen wie Delir, Hirnblutungen, epileptischen Krampfanfällen und Schlaganfällen, berichtet Kleinschnitz.

Unklar ist, ob das Coronavirus selbst oder entzündliche Botenstoffe die Probleme auslösen. (Symbolfoto)

Grundsätzlich können neurologische Symptome unabhängig von der Schwere des Verlaufs auftreten, manche wie die Riech- und Schmeckstörungen stellen sich sogar eher bei milden Covid-Erkrankungen ein. „Gleichwohl sehen wir eine Korrelation“, sagt der Mediziner: „Je schwerer die Covid-Erkrankung, desto häufiger und schwerer ist auch die neurologische Beteiligung.“ So sei die Wahrscheinlichkeit einer schweren neurologischen Komplikation um das Dreifache erhöht, wenn die Lunge durch die Krankheit massiv in Mitleidenschaft gezogen sei oder ein Patient sogar beatmet werden müsse, erklärt Mark Stettner. Als weitere, ähnlich stark zu Buche schlagende Risikofaktoren nennt er ein hohes Alter sowie eine bereits bestehende neurologische oder neurodegenerative Erkrankung.

Coronavirus: Neurologische Komplikation erhöhen das Sterberisiko

Eine schwere neurologische Komplikation ihrerseits erhöhe die Wahrscheinlichkeit, an den Folgen von Covid-19 zu sterben, sagt der Arzt: „Mehr als 40 Prozent dieser Patientinnen und Patienten starben, wenngleich nicht immer an der neurologischen Komplikation. Das unterstreicht die Notwendigkeit, an neurologischen Begleitsymptomen von Covid weiter zu forschen.“

Was aber genau ist der Grund für diese neurologischen Beschwerden? „Wir haben gesehen, dass bei einem Großteil der Patientinnen und Patienten mit schweren neurologischen Komplikationen die Blut-Hirn-Schranke gestört war“, erklärt Stettner. Die Blut-Hirn-Schranke ist eine aus verschiedenen Zelltypen bestehende strukturell-anatomische Barriere. Auch das „normale“ Immunsystem kann das empfindliche Milieu unseres Nervensystems nicht ungehindert erreichen. Das Immunsystem im Gehirn und das des restlichen Körpers unterscheiden sich, erklärt Stettner: „Bei einem milden grippalen Infekt zum Beispiel findet keine Aktivierung des Immunsystems im Gehirn statt.“ Was eine gestörte Blut-Hirn-Schranke bei einer Covid-Erkrankung genau bewirkt, ob das Coronavirus dadurch leichter ins Gehirn gelangen kann oder ob inflammatorische – entzündungsauslösende – Botenstoffe des Immunsystems die Auslöser sind, ist im Detail noch nicht geklärt. „Im Nervenwasser konnten wir das Virus nicht nachweisen“, sagt Christoph Kleinschnitz.

Die Studie im Internet

Neurological Manifestations of COVID-19 Feature T Cell Exhaustion and Dedifferentiated Monocytes in Cerebrospinal Fluid

„Deshalb geben wir eher davon aus, dass die Effekte indirekt durch entzündliche Botenstoffe entstehen.“ Sie werden bei einer schweren Infektion oder einer überschießenden Immunreaktion in großer Menge produziert und könnten Immunzellen „dazu verleiten, ins Gehirn einzuwandern“, erläutert der Mediziner. Dort könnten sie Nervenzellen schädigen oder zumindest deren Funktion beeinträchtigen.

Auch bestimmte Antikörper, die bei überschießenden Immunreaktionen gebildet werden, könnten eine Rolle spielen, sagt Mark Stettner, sie hätten sich bei vielen der untersuchten Patientinnen und Patienten nachweisen lassen.

Covid-19: Auch nach der akuten Phase noch Beschwerden

Für ihre im Fachmagazin „Immunity“ publizierte Studie untersuchte das Forschungsteam zudem zusammen mit Kollegen der Uniklinik Münster das Nervenwasser von 13 Covid-Patientinnen und -Patienten und stellte fest, dass bestimmte Abwehrzellen, insbesondere T-Zellen, „erschöpft“ wirkten, wie Kleinschnitz sagt. Dafür wurden vermehrt Vorläufer von Fresszellen nachgewiesen. „Diese Funde deuten auf eine eingeschränkte antivirale Immunantwort bei Neuro-Covid-Patienten hin“. Auch die Interferonantwort dieser schwer von neurologischen Komplikationen betroffenen Patientinnen und Patienten schien geringer zu sein als man bei entzündlichen Prozessen im Gehirn erwarten könnte und wie sie bei anderen viralen Gehirnentzündungen zu finden war. Interferone sind Proteine, die etwa bei der zur Abwehr von Viren oder Tumorzellen von Bedeutung sind.

Löst das Coronavirus auch im Gehirn Entzündungen aus? (Symbolfoto)

Wie Stettner und Kleinschnitz sagen, verdichten sich überdies die Hinweise, dass nicht nur während der akuten Phase von Covid-19 neurologische Beschwerden auftreten können, sondern auch noch danach. So berichten Studien aus anderen Ländern von monatelanger Müdigkeit oder Merkschwierigkeiten bei Menschen, die eine Infektion überstanden haben. Auch zu diesen Problemen forschen die beiden Wissenschaftler. „Man kann jetzt schon sagen, dass es in den nächsten Jahren Bedarf für Nachbeobachtung und Therapie geben wird“, sagt Stettner. (Pamela Dörhöfer)

Rubriklistenbild: © Lino Mirgeler

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