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Corona-Studie: Antidepressivum könnte schwere Covid-19-Verläufe ausbremsen

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Corona macht Fortschritte. Nun wurde durch eine Studie bekannt, dass ein Antidepressivum gegen Covid-19 helfen könnte.

  • Ein wirksamer Impfstoff gegen Corona zeichnet sich ab: Biontech vermeldet großen Erfolg bei dessen Entwicklung.
  • Bis ein Impfstoff verfügbar ist, braucht die Medizin weiter Medikamente, mit denen eine Behandlung von Covid-19 gelingt.
  • Coronavirus: Die Forschung stößt auf ungewöhnliche Mittel, die als Medikament gegen die Krankheit helfen könnten.

Frankfurt - Trotz der positiven Nachrichten über einen Durchbruch bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Virus Sars-CoV-2 muss weiter nach Therapien für Menschen geforscht werden, die sich infiziert haben und behandlungsbedürftig erkranken. Bislang beschränken sich die medikamentösen Möglichkeiten im Wesentlichen auf das ursprünglich gegen Ebola entwickelte antivirale Mittel Remdesivir, auf das stark entzündungshemmende Glukokortikoid Dexmethason sowie Antikörper.

Die Erfolge sind durchwachsen. Gerade erst ist eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Ergebnis gekommen, dass Remdesivir wenig oder gar keinen Nutzen gegen Corona zeige. Allerdings teilen nicht alle in der Wissenschaftsgemeinde diese Ansicht; viele setzen weiter auf das Medikament.

Der Arzneistoff Fluoxetin, zugelassen unter dem Handelsnamen „Prozac“, könnte die Schwere einer Erkrankung an Covid-19 mindern. (Archivbild)

Behandlung von Corona und Covid-19: Bei Antikörpern gab es Rückschläge

Auch bei Antikörpern gab es zuletzt Rückschläge. Sie sollen zu einer passiven Immunisierung führen und die Abwehr des Virus unterstützten. Bislang ist aber noch kein Medikament gegen Corona auf dieser Basis zugelassen. Dexmethason wiederum unterdrückt das Immunsystem und wird erst eingesetzt, wenn im Laufe der Infektion die Abwehrreaktion überschießt und Gewebe schädigt.

Corona: Antidepressivum Fluoxetin könnte Schwere einer Erkrankung an Covid-19 mindern

Doch in der insgesamt eher unbefriedigenden Situation gibt es Hoffnung auf Alternativen, die gegen das Coronavirus helfen. Ein Fokus richtet sich vor allem auf Medikamente, die bereits für andere Krankheiten zugelassen sind. Das hat den Vorteil, dass sie schnell verfügbar und ihre Nebenwirkungen bekannt sind. An mehreren Forschungsprojekten in dieser Richtung sind auch Teams deutscher Universitäten beteiligt. So haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Medizinische Biochemie und des Instituts für molekulare Virologie der Universität Münster festgestellt, dass Fluoxetin gegen das Corona Wirkung zeigt.

Der Arzneistoff ist seit 1988 unter dem Handelsnamen „Prozac“ als Antidepressivum zugelassen. Als solches zielt es darauf, die Aufnahme des Botenstoffs Serotonin zu hemmen. Die Forschungsgruppe unter der Leitung von Ursula Rescher fand bei In-Vitro-Versuchen heraus, dass der Wirkstoff sowohl das Eindringen des Coronavirus in die Wirtszelle als auch die Vermehrung der Erreger hemmen kann – ohne Gewebe zu schädigen. Damit, so die Hoffnung, könnte Fluoxetin in der Praxis möglicherweise in der Lage sein, zumindest die Schwere einer Covid-19-Erkrankung zu mindern.

Mittel gegen Corona? Antidepressivum Fluoxetin könnte helfen

Fluoxetin gehört zur Gruppe der sogenannten Fiasma. Diese umfasst eine Vielzahl von Wirkstoffen, die das Enzym ASM hemmen und sowohl Zellwachstum als auch Zelltod regulieren. Weitere Versuche von Forscherinnen und Forschern der Uni Münster haben gezeigt, dass auch andere Arzneistoffe dieser Art wie Imipramin die Aufnahme und Verbreitung von Sars-CoV-2 in der Zelle hemmen.

Ein Fluoxetin-Molekül, Kernbestandteil des Medikaments „Prozac“, das gegen Covid-19 eingesetzt werden kann. (Symbolbild)

Gemeinsam stark? Remdesivir und Fluoxetin als Medikament zur Behandlung einer Corona-Erkrankung

Substanzen aus dieser Wirkstoffgruppe gelten als verträglich und sind in der klinischen Anwendung weit verbreitet. Die Studie der Uni Münster wurde in der Fachzeitschrift „Emerging Microbes & Infections“ publiziert und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

In einer Veröffentlichung auf dem Preprint-Server Biorxiv schreibt das Forschungsteam zudem, eine Kombinationstherapie von Fluoxetin mit Remdesivir* entfalte stärkere Aktivität gegen das Coronavirus als eine Monotherapie mit Remdesivir alleine. Eine ähnliche Wirkung soll überdies die Kombination von Remdesivir mit dem Antimykotikum Itraconazol erzielt haben, das in Deutschland als Mittel gegen Pilzerkrankungen zugelassen ist.

Grippemittel: Medikament Aprotinin könnte Covid-19 und Corona behandeln

Ein internationales Team der Goethe-Universität Frankfurt, der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universität Kent (Großbritannien) widmet sich ebenfalls einem älteren Medikament: Aprotinin. Es wurde früher zur Behandlung von Blutungen eingesetzt und wird in Russland als Aerosol zur Therapie von Grippe verwendet. Das Forschungsteam hat beobachtet, dass dieses Mittel in der Lage ist, die Replikation des Coronavirus im Wirtskörper zu hemmen. Martin Michaelis, Biowissenschaftler an der Universität Kent, sagt: „Vom Aprotinin-Aerosol wird berichtet, dass es extrem gut von Influenzapatienten vertragen wird. Es könnte auch das Potenzial haben, schwere Verläufe von Covid-19 zu verhindern, wenn es frühzeitig nach der Diagnose gegeben wird.“

Erkrankt an Corona und Covid-19: Zellpräparat zur Behandlung des gefährlichen Virus Sars-CoV-2

Zur Wirkung eines für Leukämiekranke entwickelten Medikaments bei schwerstkranken Covid-Patientinnen und -Patienten forscht ein weiteres Team der Universität Frankfurt um Peter Bader, Leiter des Schwerpunktes Stammzelltransplantation, Immunologie und Intensivmedizin und stellvertretender Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, und Kai Zacharowski, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie. Das Mittel mit dem Namen MSC-FFM ist ein Zellpräparat. Es soll die Situation von Menschen verbessern, bei denen Sars-CoV-2 bereits eine lebensbedrohliche Entzündung verursacht hat und die deshalb beatmet werden müssen.

Konkret handelt es sich um Mesenchymale Stromazellen, ein Zelltyp, der im Körper vorkommt und krankhaften Veränderungen im Gewebe sowie überschießenden Immunreaktionen entgegenwirkt. Bei Leukämie soll das Präparat helfen, Komplikationen nach einer Stammzelltransplantation in den Griff zu bekommen, die entstehen, wenn der Körper die Spenderzellen angreift. Bei Covid-19 soll es ebenfalls die aus dem Ruder gelaufene Abwehrreaktion und Entzündung eindämmen. Das Forschungsprojekt zur Bekämpfung des Coronavirus wird mit 1,45 Millionen Euro von der Else-Kröner-Fresenius-, der Barbara- und Wilfried-Mohr-, der J2xU-Stiftung und dem Unternehmer Stefan Quandt gefördert. (Pamela Dörhöfer) *hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerks

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