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Rückkehr zum Regelbetrieb – das stellt viele Kitas vor gewaltige Herausforderungen. Wie können sich Mitarbeiter:innen wie hier in Dortmund schützen?

Gastbeitrag

Kita in Frankfurt: „Wussten erst Freitagnachmittag, wie es weitergeht“

Die Schließung der Kitas wegen Corona war ein Schock. Kleine Kinder zu betreuen, bleibt eine äußerst schwierige Aufgabe. Hoch ist das Risiko, sich anzustecken. Ein Gastbeitrag.

  • Corona wirkt sich immer noch auf Kitas aus.
  • Dorothee Klug leitet die Kita Grüne Winkel in Frankfurt.
  • Und gibt Einblicke, wie die Pandemie die tägliche Arbeit fordert.

Am 16. März 2020 wurde schlagartig klar: Mit Corona hat sich unsere Welt grundlegend verändert. Herausfordernde Zeiten – eine ziemlich harmlose Umschreibung für die vergangenen Wochen und für das, was noch vor uns allen liegt. Die Nachricht von der Schließung der Kitas traf uns Leitungen wie ein Schock. Einige unserer Kolleg:innen und die meisten Kinder durften ab sofort die Kita nicht mehr betreten – eine ganz neue Lebens- und Arbeitssituation. Kurz hatten wir Zeit innezuhalten, wahrzunehmen und uns neu zu orientieren.

Schnell kamen die ersten Kinder zurück in die Notbetreuung. Mitarbeiter:innen nahmen alten Urlaub, bauten Überstunden ab, arbeiteten Entwicklungsdokumentationen und Liegengebliebenes auf, Konzeptionsmeetings – auch online – fanden statt. Gleichzeitig wurden Briefe und Mails mit Infos, Geschichten, Bastel- und Spielvorschlägen verschickt, ein Spenden-Flohmarkt vor dem Kita-Gelände und eine Familienrallye organisiert. Es war uns wichtig, alle Kinder und Eltern weiterhin so gut wie möglich zu unterstützen.

Corona in Frankfurt: Flut von Verordnungen für Kita

Zusätzlich brach eine Flut von Verordnungen und Regeln über uns herein. Hygienepläne und Konzeptionen mussten erarbeitet und immer wieder aktualisiert werden. Nach der „Notbetreuung“ kam die „erweiterte Notbetreuung“ und der „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“. Die Kinder waren nicht mehr in Bildungsräumen unterwegs, die sie sich zuvor nach ihren Bedürfnissen aussuchten mit den Kindern, mit denen sie dort zusammen sein wollten.

Nun mussten wir kleinere geschlossene Gruppen bilden, für die wir mehr Räume und mehr Erzieher:innen benötigten, die wir nicht hatten. Kreative Lösungen waren gefordert. Dabei war uns wichtig, dass jedes Kind in die Kita kommen kann. Aber wir konnten nicht allen die gleichen Öffnungszeiten anbieten. Wir versuchten, den unterschiedlichsten Interessen von Eltern und Kindern so gut wie möglich gerecht zu werden, was uns sicher nicht immer gelang. So konnte es geschehen, dass miteinander befreundete Kinder sich zwar auf dem Hof sehen, aber nicht miteinander spielen konnten, denn auch dort durften die Kinder nur in festen Gruppen spielen.

Kita Grüne Winkel in Frankfurt: Entscheidungen erreichten uns kurzfristig

Wichtige Leitsätze sind für uns: „Ankommen und wohlfühlen, transparente Strukturen schaffen, die Sicherheit und Geborgenheit ermöglichen, und gleichzeitig vielfältige individuelle Erfahrungsräume eröffnen, Kinder und Erwachsene erleben sich als einen wichtiger Teil einer Gemeinschaft.“ Nun war das Einhalten der Hygieneregelungen oberstes Gebot. Der Verstand konnte dem folgen. Ja, es war notwendig, aber das pädagogische Herz wollte etwas anderes.

Die neuen Bestimmungen, die zwingend einzuhalten waren und in ihrer Umsetzung von uns konkretisiert werden mussten, erreichten uns meistens sehr kurzfristig. Wir warteten auf die Entscheidungen der Virologen und politisch Verantwortlichen, für die es ja auch keine eindeutigen Forschungserkenntnisse gab. Welches Infektionsrisiko geht nun von Kindern aus? Welchen Risiken sollten wir und die Kinder ausgesetzt werden? Hier hätten wir uns gewünscht, dass unsere besondere Situation mehr in die Öffentlichkeit getragen worden wäre.

„Wussten erst Freitagnachmitag, wie es weitergehen sollte“

Es kam vor, dass wir erst Freitagnachmittag wussten, wie es nächste Woche weitergehen sollte. In der Not hatten wir vorher schon mit Mitarbeiter:innen und Eltern neu geplant und nun mussten wir ganz kurzfristig wieder umplanen. Wie musste es den Eltern gehen, wenn sie so kurzfristig unsere Briefe erhielten und möglicherweise nur eingeschränkte Sprachkenntnisse hatten, das fragten wir uns. Veränderungen und die daraus folgenden neuen Lernprozesse brauchen Zeit und Beteiligung. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen war das nicht immer machbar. Daher waren Überforderungen und Missverständnisse nicht auszuschließen in einer sowieso schon stressigen Zeit.

Elternverbände fingen an, ihre Lage in den Medien darzustellen. Geschäfte und öffentliche Einrichtungen blieben geschlossen, bis Schutzmaßnahmen eingeführt und die nötigen Abstände gewährleistet werden konnten. Plexiglasscheiben zwischen Dienstleistern und Kunden gehören inzwischen zum Alltag. Und in der Kita? Kinder unter sechs Jahren können keine Masken tragen und beim Spielen sind Abstandsregeln kaum einzuhalten. Pädagogische Arbeit mit dieser Altersgruppe bedeutet zudem Hinwenden, Trösten, Nähe. Die Mitarbeiter:innen tragen daher nur im Kontakt mit den Eltern Masken.

Corona: Kinder können in Frankfurter Kita wieder miteinander Kontakt haben

Aktuell können die kleinen Gruppen wieder aufgelöst werden und mit der Rückkehr zur Arbeit in Bildungsräumen alle Kinder miteinander Kontakt haben. Als Pädagog:innen freut uns das, als Menschen haben wir Angst vor dem unberechenbaren Infektionsrisiko, dem wir nun ohne Schutzkleidung und Abstandsregelungen ausgesetzt sind.

Wie treffen wir in dieser Situation verantwortungsvolle Entscheidungen für uns, und als Leitung auch für andere? Sorgen bereiten uns im Moment die Überlegungen, jetzt schon wieder Kindern mit Erkältungsanzeichen den Besuch in den Kitas zu ermöglichen – unvorstellbar in anderen Bereichen. Uns und den Kindern wird damit die einzig existierende, wenn auch minimale Schutzmaßnahme genommen.

Dorothee Klug leitet die Kita Grüne Winkel in Frankfurt.

Hören wir dann Sätze wie: Euch geht es gut, ihr habt ja weniger Kinder zu betreuen und mehr Zeit, spüren auch wir unsere Verletzbarkeit. Der Satz einer Kollegin taucht auf: „Corona ist ein Schock, ein kollektives Trauma. Das dockt an individuellen Traumatisierungen an. Da ist manchmal Wut, Ärger, Trauer, Erstarrung in den Menschen, auch in uns und auch dafür braucht es Zeit und Raum.“ Was fordert ein Leben mit Unsicherheit, Ungewissheit, Verwundbarkeit von uns? Welche Haltungen und neue Kompetenzen brauchen wir alle in dieser sich verändernden Welt und was folgt für uns als Bildungseinrichtung und als Gesellschaft daraus?

Wir wissen alle nicht, wie sich die Situation entwickeln wird. Wir können nicht so tun, als hätte es diese Monate nicht gegeben. Vieles vom Alten vermissen wir, anderes Neues hat sich in den letzten Wochen gut bewährt und möchte bleiben. Zeit, gemeinsam wieder Neues zu entwickeln.

Dorothee Klug ist seit 35 Jahren Erzieherin. Sehr verbunden fühlt sie sich der Kita Grüne Winkel in Frankfurt-Nied, in der sie seit 26 Jahren arbeitet und die sie seit acht Jahren leitet. Manche Eltern und Mitarbeiter:innen kennt sie noch als Kita-Kinder.

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