Corona-Virus

Corona-Pandemie: Wie infektiös Kinder sind

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Wie reagieren Kinder auf das Coronavirus? Die Studienlage ist widersprüchlich. Das Coronavirus kann aber möglicherweise das seltene Kawasaki-Syndrom auslösen.

  • Die Frage, wie Kinder auf das Coronavirus reagieren, zählt zu den großen Unbekannten
  • Studien kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen
  • Schwere entzündliche Erkrankung bei Kindern: Zusammenhang mit Coronavirus?

Die Fragen, wie oft sich Kinder mit dem Coronavirus infizieren, wie leicht sie andere anstecken können und welche Symptome sie selbst entwickeln, gehören nach wie vor zu den großen Unbekannten derCorona-Pandemie. Das geringe Wissen steht im Gegensatz zur Relevanz, die das Thema hat: für den Schulunterricht und eine mögliche Öffnung von Kindertagesstätten, aber auch für den Umgang von Kindern mit älteren Menschen. Zwar gibt es bereits Studien aus verschiedenen Ländern zu Corona bei Kindern, doch ihre Ergebnisse sind teils widersprüchlich. 

Alle hätten Schwächen im „Design“, sagte Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), dazu am Dienstag: „Sie wurden schnell gemacht, es sind Beobachtungsstudien.“ Auch die kürzlich präsentierten Ergebnisse der Heinsberg-Studie lieferten keine eindeutigen Aussagen: „Die Infektionsraten sind bei Kindern, Erwachsenen und Älteren sehr ähnlich und hängen offenbar nicht vom Alter ab“, sagte der Bonner Virologie Hendrik Streeck, der die Studie geleitet hat.

RKI: Nur 1,7 Prozent der Corona-Infizierten in Deutschland sind Kinder unter zehn Jahren

Laut RKI waren Stand Ende April nur 1,7 Prozent aller in Deutschland registrierten Infizierten Kinder unter zehn Jahren. Wie viele sich tatsächlich angesteckt haben, ist jedoch nirgendwo auf der Welt bekannt und lässt sich noch schwerer einschätzen als die Zahl der infizierten Erwachsenen. Da die meisten Wissenschaftler davon ausgehen, dass Kinder viel seltener an Covid-19 erkranken, wenn sie sich angesteckt haben, werden sie auch viel weniger getestet. Allerdings werden schwere Verläufe der Infektion bei Kindern auch nicht systematisch erfasst, Kliniken sind nicht verpflichtet, sie zu melden.

Dass Kinder sehr wahrscheinlich seltener die typischen Symptome wie Fieber, Husten und Atemnot entwickeln, sagt indes nichts darüber aus, wie ansteckend sie sind, wenn sie das Virus in sich tragen. Bei der Grippe und Erkältungen etwa verbreiten Kinder die Erreger besonders stark. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité vermutet, dass im Fall von Sars-CoV-2 Kinder das Virus genauso leicht übertragen können wie Erwachsene. Basis dieser Einschätzung ist eine kürzlich veröffentlichte Studie, für die Drosten und sein Forscherteam die Viruslast im Rachen von 3712 Infizierten untersucht haben. Eine Studie aus der chinesischen Metropole Shenzhen weist ebenfalls darauf hin, dass Kinder ein ähnlich hohes Infektionsrisiko haben wie die Allgemeinbevölkerung, auch wenn die Beschwerden bei ihnen weniger ausgeprägt sind.

Studie aus Island: Kinder stecken sich viel seltener mit Coronavirus an als Erwachsene

Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt eine Studie aus Island. Demnach stecken Kinder sich wesentlich seltener an als Erwachsene. In Island war das Coronavirus bislang bei keinem Mädchen oder Jungen unter zehn Jahren nachgewiesen worden. Auch eine Studie aus den Niederlanden ergab, dass Kinder sich seltener mit Sars-CoV-2 infizieren. Dort hatte man in Hausarztpraxen Familien untersucht, in denen ein Mitglied Sars-CoV-2-positiv war – mit dem Ergebnis, dass kein Kind sich angesteckt hatte.

Für mehr Klarheit soll nun eine Studie der Universitätskliniken Heidelberg, Freiburg, Tübingen und Ulm sorgen, die von der Landesregierung Baden-Württemberg mit 1,2 Millionen Euro finanziert wird. Ziel ist es – auch mit Blick auf weitere Lockerungen - zu klären, „ob wir bei Kindern eine andere Ausgangslage haben als bei Erwachsenen“, wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) erläuterte. Die Wissenschaftler untersuchen 2000 Kinder im Alter von ein bis zehn Jahren und je ein Elternteil. Getestet wird unter anderem, wie viele mit dem Coronavirus infiziert sind oder bereits Antikörper als Abwehrreaktion auf den Erreger gebildet haben. Die Forscher erhoffen sich zudem Erkenntnisse darüber, ob es je nach Alter Unterschiede in der Infektionsrate gibt, inwieweit Kinder und Eltern sich gegenseitig anstecken und welche Rolle die Wohnsituation spielt. Bei der Heinsberg-Studie hatte sich herausgestellt, dass das Ansteckungsrisiko in größeren Haushalten geringer war als in solchen, wo nur wenige Personen zusammen lebten; ein für die Forscher überraschendes Ergebnis.

Rätselraten aufgrund von schwerer entzündlicher Erkrankung bei Kindern – Zusammenhang mit Coronavirus?

Für Rätselraten sorgt auch eine schwere entzündliche Erkrankung, die bei Kindern in einigen Ländern aufgetreten ist. Forscher halten einen Zusammenhang mit dem Coronavirus nicht für ausgeschlossen. Laut dem Medizin-Portal DocCheck und dem Deutschen Ärzteblatt sind inzwischen Fälle aus Großbritannien, den USA, Frankreich, Italien, Spanien und der Schweiz bekannt.

Wie DocCheck berichtet, hatte die Fachgesellschaft „Pediatric Intensive Care Society“ auf die Krankheit aufmerksam gemacht, nachdem mehrere Kinder mit „ungewöhnlichem klinischen Bild“ auf der Intensivstation behandelt werden mussten. Das Krankheitsbild soll Ähnlichkeiten mit dem Kawasaki-Syndrom aufweisen, bei dem es zu massiven Entzündungsreaktionen kommt und schlimmstenfalls das Herz irreversibel geschädigt werden kann. Wie das Ärzteblatt berichtet, haben britische Kinderärzte eine Leitlinie veröffentlicht, die die Diagnose erleichtern soll. So beginnt das Kawasaki-Syndrom mit plötzlich einsetzendem Fieber, das mindestens fünf Tage anhält. Außerdem treten häufig Hautausschläge und Ödeme, eine trockene Bindehautentzündungen, rissige Lippen und eine „Erdbeerzunge“ auf. Als Ursache des Kawasaki-Syndroms wird laut Ärzteblatt eine „Fehlreaktion des Immunsystems auf banale Atemwegsinfektionen“ vermutet. Zu den möglichen Auslösern sollen unter anderem auch die vier harmlosen Coronaviren zählen.

Kinder leiden unter schwer entzündlicher Erkrankung – Experte glaubt an Zusammenhang mit Coronavirus

Noch weiß man nicht sicher, ob die beobachteten Fälle tatsächlich durch das neue Coronavirus verursacht werden. Mark Gorelik, Experte für pädiatrische Rheumatologie und Immunologie vom Columbia University Medical Center New York, hält es jedoch für möglich. So seien bei den drei bekannten Fällen aus den USA die Kinder mit Sars-CoV-2 infiziert gewesen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Ärzte weltweit aufgerufen, auf solche Symptome zu achten. Bislang handelt es sich allerdings nur um rund 100 bekannte Fälle weltweit.

Von Pamela Dörhöfer

Alle aktuellen Entwicklungen zur Corona-Krise in Deutschland erfahren Sie in unserem News-Ticker

Rubriklistenbild: © PantherMedia / Katkov

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