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Corona-Pandemie

Corona USA: Impfskepsis und Mutationen - Herdenimmunität in weiter Ferne

  • VonMirko Schmid
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In den USA verabschieden sich Experten wie Anthony Fauci vom Wunsch nach einer Herdenimmunität. Impfgegner und Virusmutationen stehen dem im Weg.

Washington D.C. - Antony Fauci, medizinischer Chefberater der US-Regierung um Joe Biden, möchte nicht mehr über die Herdenimmunität reden. „Die Leute waren verwirrt. Sie dachten, dass die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus nie abnehmen werden, bis wir diese mystische Herdenimmunität erreicht haben.“

Diese Herdenimmunität, also die Immunität eines entscheidend großen Teils der Gesamtbevölkerung im Anschluss an entweder eine überstandene Erkrankung oder eine Impfung, rückt in den USA in weite Ferne. „Wir haben das Streben nach einer Herdenimmunität im klassischen Sinne eingestellt“, sagt Corona-Experte Anthony Fauci. Sein Appell: „Ich sage: Vergessen wir das für eine Sekunde. Wenn genug Menschen geimpft sind, wird die Zahl der Neuinfektionen signifikant sinken.“

Als sich das neuartige Coronavirus Anfang 2020 schlagartig auf der ganzen Welt auszubreiten begann, wurde zunehmend klar, dass der einzige Ausweg aus der Pandemie darin bestehen würde, dass so viele Menschen - ob durch eine natürliche Infektion oder eine Impfung - eine Immunität erlangen würden. Viele Staaten, darunter die USA, machten sich die Umsetzung des Konzeptes der Herdenimmunität zum Ziel.

Corona: Impfskepsis und Virusmutationen lassen eine Herdenimmunität in weite Ferne rücken

Erste Schätzungen ergaben, dass rund 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun sein müssten, um den Effekt der Herdenimmunität zu entfalten. In den USA erwarteten die meisten Expert:innen, darunter Antony Fauci, dass es das Land schaffen könnte, an diesen Punkt zu kommen – sobald genug Impfstoff zur Verfügung stehen würde. Doch schon mit der Entwicklung der ersten Impfstoffe begannen erste Gelehrte, die ursprüngliche Schätzung anzupassen.

NameAnthony Stephen Fauci
BerufImmunologe
PositionMedizinischer Chefberater des US-Präsidenten
Alter80 Jahre (24. Dezember 1940)

Auch bedingt durch die Virus-Mutante B.1.1.7 und die ungebrochen hohe Verbreitung des Coronavirus berechneten die Expert:innen einen neuen Schwellenwert zur Herdenimmunität - dieser lag nun bei 80 Prozent Immunisierten in der Bevölkerung. Sollten sich noch ansteckendere Varianten entwickeln oder festgestellt werden, dass immunisierte Menschen das Virus weiterhin übertragen können, müsste die Berechnung erneut nach oben korrigiert werden.

Doch nicht nur die Mutante B.1.1.7 macht den USA im Kampf gegen die Coronapandemie und um eine möglichst breite Immunität zu schaffen. Laut Umfragen wollen sich aktuell 30 Prozent der US-Amerikaner:innen nicht oder zumindest vorerst nicht impfen lassen. Auch wenn die Impfskepsis mit der Zeit abnehmen sollte, würde das nicht ausreichen, um die Herdenimmunität zu erreichen.

Um Corona in den USA zu besiegen, muss die Pandemie weltweit bekämpft werden

So sieht es auch Marc Lipsitch, Epidemiologe an der Harvard TH Chan School of Public Health. Gegenüber der New York Times sprach der Mediziner von der theoretischen Möglichkeit, eine Impfrate von 90 Prozent zu erreichen. „Möglich ist es“, so Lipsitch, „aber nicht sehr wahrscheinlich, würde ich sagen.“ Der Epidemiologe ist sich sicher: „Erst wenn wir Menschen über 60 vor schweren Krankheitsverläufen und somit dem Tod schützen können, haben wir Corona von einem Gesellschaftsstörer zu einer regulären Infektionskrankheit gemacht.“

Virologe Anthony Fauci will erst einmal nicht mehr über die Herdenimmunität in den USA reden.

Neben der Impfskepsis und einem Virus, das sich weiterentwickelt, sieht Natalie E. Dean, Biostatistikerin an der Universität von Florida in Gainesville, eine weitere Hürde auf dem Weg zu einer ausreichenden Immunisierung, um die Pandemie endgültig zu besiegen: „Wir werden keine Herdenimmunität als Land, Staat oder sogar als Stadt erreichen, bis die Weltbevölkerung insgesamt ausreichend immunisiert ist.“ In Indien beispielsweise seien nur zwei Prozent der Bevölkerung geimpft, in Südafrika weniger als ein Prozent.

Ohne die USA auf lange Zeit komplett abzuriegeln, werden Reisebewegungen immer neue Corona-Wellen ins Land spülen. Auch wenn eine Herdenimmunität somit in weite Ferne gerückt scheint, verweisen viele Expert:innen darauf, dass das vorrangige Ziel weiterhin bleibt, die Krankenhäuser und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Um die Kliniken zu entlasten, ist vor allem eine Konzentration der Impfbemühungen auf besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen vonnöten.

Corona in den USA: Mit einer ausreichenden Impfung der Risikogruppen könnte Normalität einkehren

Durch eine bevorzugte Impfung der Risikogruppen hat es die USA bereits geschafft, die Zahl von Intensivbehandlungen in Anschluss an eine Infektion mit Corona zu senken. Sollten die Impfwerte der Risikogruppen weiter ansteigen, so wird es in den USA erwartet, könnte das Coronavirus im Laufe der Zeit – ähnlich wie die Grippe – saisonabhängig werden und würde hauptsächlich junge und gesunde Menschen befallen.

„Was wir zumindest tun wollen, ist, an einen Punkt zu gelangen, an dem es nur noch sporadisch zu kleinen Schüben kommt“, sagt Carl Bergstrom, Evolutionsbiologe an der University of Washington in Seattle. „Das wäre ein sehr vernünftiges Ziel in diesem Land, in dem wir einen ausgezeichneten Impfstoff haben und in der Lage sind, ihn zu verabreichen.“ In ein bis zwei Generationen könne das Coronavirus dann vielen seiner weniger gefährlichen Verwandten ähneln. In diesem Fall würde eine erste Infektion schon früh in der Kindheit erfolgen, woraufhin nachfolgende Infektionen aufgrund des durch das Immunsystem gebildeten Schutzes milder verlaufen würden – selbst im Fall einer nachlassenden Immunität.

Sollten die Gemeinden und Gesundheitsbehörden zukünftig wieder eine umfassende Nachverfolgbarkeit erreichen, könnte die Anzahl neuer Fälle so gering gehalten werden, dass die Behörden jede neue Einschleppung des Virus erkennen und einen möglichen Ausbruch im Keim ersticken könnten. Das zumindest vermutet Bary Pradelski, Wirtschaftswissenschaftler am Nationalen Zentrum für Wissenschaftliche Forschung in Grenoble, Frankreich: „Eine Ausrottung des Coronavirus ist derzeit meines Erachtens unmöglich. Was wir wollen, dass ist eine lokale Eliminierung.“

Kampf gegen Corona in den USA: Das Impfen ist der Schlüssel, nicht die Herdenimmunität

Somit hat sich das ursprüngliche Ziel zwar geändert – von einer Herdenimmunität will in den USA kaum noch jemand reden – die dringlichste Herausforderung allerdings bleibt gleich: So viele Menschen wie möglich müssen davon überzeugt werden, sich impfen zu lassen. „Ein hohes Maß an Immunität in der Bevölkerung zu erreichen, ist nicht wie ein Rennen zu gewinnen“, erklärt Dr. Lipsitch. Vielmehr müsse ständig „nachgefüttert“ werden: „Wir müssen weiter impfen, um über der Schwelle zu bleiben. “

Doch viele Menschen in den USA zweifeln an der Wirksamkeit der Impfung – oder halten sie sogar für schädlich. Dazu kommt der mangelnde Zugang zu diversen Menschen sozialer Randgruppen: Obdachlose, Wanderarbeiter:innen, in sich geschlossene soziale Zirkel. Um skeptische oder schwer erreichbare Menschen zu überzeugen, ist eine Impfpflicht nach übereinstimmender Meinung der meisten Expert:innen nicht der richtige Weg. Eine solche Pflicht könnte die Skepsis nur weiter verfestigen, glauben sie.

Mary Politi, Expertin für Gesundheitsentscheidungen und Gesundheitskommunikation an der Washington University in St. Louis, hält es für den besseren Ansatz, Vertrauenspersonen auszubilden, die die Hauptursachen der Skepsis – Angst, Misstrauen, Missverständnisse oder der Wunsch nach mehr Informationen – ernst nehmen und mit den Menschen reden: „Menschen müssen oft sehen, wie andere in ihrem sozialen Umfeld etwas annehmen, bevor sie bereit sind, es selbst zu versuchen.“

Corona-Mutationen könnten den Impfschutz durchbrechen - Experte spricht von „Alptraumszenario“

Dr. Politi findet, dass es zielführender sei, die Vorteile einer Impfung zu erleben. Zu sehen, wie Eltern geimpfter Kinder ihre Sprösslinge wieder sorgenfrei zur Schule schicken, sei motivierender als das abstrakte Bild einer Herdenimmunität: „Das würde bei den Menschen mehr Anklang finden als dieses etwas schwer fassbare Konzept, von dem selbst Experten immer noch nicht genau wissen, ob und wie es umzusetzen ist.“

Obwohl Kinder als weitaus weniger effiziente Verbreiter des Coronavirus gelten als Erwachsene, sind sich in den USA die meisten Expert:innen einig, dass die Impfung von Kindern einen entscheidenden Anteil daran haben wird, die Anzahl der Corona-Fälle gering zu halten.

Sollten im Laufe der Zeit nicht genügend Menschen geschützt werden, könnten sich hoch ansteckende Varianten entwickeln, die einen Impfschutz durchbrechen könnten. Jeffrey Shaman, Epidemiologe an der Columbia University, hält diese Möglichkeit für „das Alptraumszenario“. Wie häufig und wie schwer diese Durchbruchinfektionen sind, könnte laut Shaman möglicherweise richtungweisend dafür sein, ob die USA die Zahlen von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen niedrig halten können – oder ob sich das Land „alle paar Jahre in einem wahnsinnigen Durcheinander befindet“. (Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © Amr Alfiky/Pool via www.imago-images.de

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