Medizin

COPD - die unbekannte Volkskrankheit

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Die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung COPD gehört weltweit zu den häufigsten Todesursachen, wird aber häufig viel zu spät erkannt. Eine Heilung ist nicht möglich.

  • Die chronisch-obstruktive Bronchitis (COPD) wird häufig erst spät bemerkt
  • Für die Symptome von COPD gibt es zuerst auch andere Gründe - wie eine Erkältung oder Erschöpfung
  • Der Arzt kann die Symptome von COPD mit einem Lungenfunktionstest abklären

Ein Husten, der sich hartnäckig hält. Das Gefühl, ständig verschleimt zu sein. Atemnot beim Treppensteigen. Leichte Ermüdbarkeit. Es lassen sich viele Erklärungen für diese Beschwerden zurechtlegen: Nachwehen einer Erkältung, mangelnde Kondition, Erschöpfung. Man sagt sich „wird schon wieder“, gewöhnt sich irgendwann daran und bemerkt nicht, dass es schleichend schlimmer wird. Doch das Ignorieren solcher Symptome kann sich als verhängnisvoll erweisen. Denn dahinter kann sich eine COPD verbergen, eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung, die meist schon länger besteht, bis sie sich sich bemerkbar macht.

Chronische Lungenerkrankung COPD: Die frühen Symptome fehlen

„Es ist ein Problem der Erkrankung, dass Frühsymptome fehlen“, erklärt der Lungenspezialist Joachim Bargon, Chefarzt des seit November 2019 bestehenden Zentrums für Lungenerkrankungen an der Klinik Rotes Kreuz in Frankfurt. „Die Lunge wehrt sich nicht wie das Herz mit Schmerzen.“ Deshalb werde die Krankheit oft sehr spät erkannt.

Im Bewusstsein der Bevölkerung sei die COPD als Ursache von Husten, Luftnot und Abgeschlagenheit kaum verankert, sagt Bargon. Viele gingen deshalb nicht zum Arzt, der die Symptome mit einem Lungenfunktionstest abklären könnte. „Die Beschwerden werden ignoriert, die Auslöser für Luftnot gemieden, man macht immer weniger, nimmt das Auto für kleinste Strecken, benutzt den Aufzug.“ Zum Zeitpunkt der Diagnose sei die Lunge deshalb bei einem Großteil der Patienten bereits „irreversibel geschädigt“.

Krankheit COPD zählt weltweit zu den häufigsten Todesursachen

Dabei zählt die COPD weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Studien zufolge leiden rund 15 Prozent der über 40-Jährigen in Europa daran, im Schnitt sind sie bei der Diagnose 55 bis 60 Jahre alt. Die meisten sind oder waren Raucher; Schätzungen zufolge erkranken rund 20 Prozent der Raucher an COPD. Die Anzahl der Raucherjahre und die Menge der konsumierten Zigaretten spielen dabei ebenso eine Rolle wie vermutlich die Gene, die Menschen unterschiedlich sensibel auf die Schadstoffe reagieren lässt.

In ärmeren Ländern kommt das Kochen auf offenem Feuer als Risikofaktor hinzu, weshalb dort mehr Frauen betroffen sind. Auch Passivrauch kann sich negativ auswirken, vor allem, wenn man ihm in Kindheit und Jugend ausgesetzt war. Ob der Konsum von E-Zigaretten eine COPD begünstigt, ist noch nicht bekannt: „Gut für die Lunge sind sie auf keinen Fall, denn sie reizen die Atemwege“, lautet die Einschätzung von Joachim Bargon.

Ein weiterer Risikofaktor ist das berufsbedingte Einatmen von Stäuben, Dämpfen und Gasen. Eine Sonderform der COPD ist der sehr seltene, auf einem Gendefekt beruhende Alpha-1-Antitrypsinmangel, bei dem ein Enzym fehlt, das Entzündungen begrenzen kann.

COPD ist bis heute nicht zu heilen - die Lunge regeneriert sich nicht mehr

Die COPD ist eine fortschreitende Erkrankung und bis heute nicht zu heilen. „Die Lunge regeneriert sich nicht mehr, zerstörtes Gewebe bleibt verloren“, erklärt Joachim Bargon. Früh erkannt und behandelt, lässt sich der Verlauf jedoch günstig beeinflussen und eine weitere Verschlechterung hinauszögern. Bleibt eine COPD jahrelang unbehandelt, kann das die Lebenserwartung erheblich senken und dazu führen, dass die Patienten früher massiv eingeschränkt und auf die künstliche Zufuhr von Sauerstoff angewiesen sind.

Der Beginn einer COPD ist stets schleichend. Später führen plötzliche Schübe, sogenannte Exazerbationen, zu einer deutlichen Verschlimmerung. Die Grundlage der Krankheit bildet eine chronische, durch Schadstoffe ausgelöste Entzündung der unteren Atemwege, die Umbauprozesse im Gewebe nach sich zieht. Es wird vermehrt Kollagen in die Bronchienwand eingelagert, wodurch Narbengewebe entsteht – mit der Folge, dass die Bronchien sich verengen. Schleim bildet sich, die Luftzufuhr wird zunehmend eingeschränkt. Häufig ist auch die Muskulatur der Bronchien dauerhaft verspannt, was die Atemwege zusätzlich verengt.

COPD: Entzündungen und überblähte Lungenbläschen

Bei einigen Patienten spielen die beschriebenen Entzündungsprozesse die Hauptrolle, bei anderen werden auch die Lungenbläschen in Mitleidenschaft gezogen. Sie überblähen sich und gehen kaputt, was dazu führt, dass der Sauerstoffaustausch behindert wird und der Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden kann. Der Fachbegriff dafür lautet Lungenemphysem.

Eine COPD bleibe nicht nur auf die Lunge beschränkt, sagt Joachim Bargon, sondern erfasse oft auch das Herz und die Muskeln. Leicht nachvollziehbar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass sich viele Patienten im fortgeschrittenen Stadium kaum noch bewegen. Mehr als die Hälfte entwickelt im Laufe der Erkrankung ein Herz-Kreislauf-Leiden, häufige Folgen sind auch Muskel- und Knochenschwund sowie Depressionen.

COPD: Ausprägung der Krankheit ist bei jedem Kandidaten anders

Bei der Ausprägung einer COPD gibt es große Unterschiede. Bei manchen Patienten verlaufe die Erkrankung relativ mild, sagt der Mediziner, anderen hingegen fielen irgendwann die alltäglichsten Dinge wie Zähneputzen oder sogar das Essen schwer. Im letztem Stadium bekommen die Betroffenen so schlecht Luft, dass sie auf Sauerstoffzufuhr angewiesen sind. Insgesamt unterscheiden Mediziner zwischen vier Schweregraden, die im Verlauf der Erkrankung aufeinander folgen können, aber nicht zwangsläufig müssen.

Bei der Einteilung orientieren sie sich am jeweiligen Ergebnis der Lungenfunktionsprüfung. Daneben gibt es auch noch eine neuere Einteilung der „Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease“, die zusätzlich die Zahl der Exazerbationen berücksichtigt. Diese plötzlichen Verschlechterungen sind besonders gefürchtet und nehmen häufig im Verlauf der Krankheit zu. Sie können zum Beispiel nach einem Virusinfekt der Atemwege auftreten, erklärt Bargon. COPD-Patienten müssten sich deshalb regelmäßig gegen Grippe und eine Infektion mit Pneumokokken, die Lungenentzündung auslösen können, impfen lassen.

COPD: Behandlung richtet sich nach Schweregrad und individuellem Zustand

Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad und dem individuellen Zustand. An erster Stelle stehe für alle Patienten der „Rauchstopp“ als wirksamste Maßnahme, sagt der Frankfurter Mediziner. Für die Therapie stehen eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung, die Symptome lindern und zum Teil auch das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen können. Dazu gehören Wirkstoffe zum Inhalieren, welche die Bronchien erweitern, und gegen die Entzündung Cortison zum Inhalieren.

Wichtig sei, so Bargon, dass jeder Patient das Inhaliergerät bekomme, „mit dem er auch umgehen kann“. Daher sollten alle in der Inhalation geschult werden. Auch Antibiotika werden bei einer akuten Verschlechterung durch eine bakterielle Infektion gegeben. Wie bei vielen anderen Erkrankungen wird bei der COPD an der Entwicklung von Antikörpern geforscht, die auf molekularer Ebene gezielt in das Krankheitsgeschehen eingreifen sollen.

COPD: Wichtig sind auch Physiotherapie und körperliches Training

Als sehr wichtig sieht Bargon neben der Behandlung mit Medikamenten die Physiotherapie und körperliches Training an – bei schwerer Kranken am besten in einer Lungensportgruppe, sonst auch im Fitness-Studio oder alleine. Wer jede Aktivität meide, gerate leicht in eine „Abwärtsspirale“, die nicht nur mit einer Verschlechterung, sondern oft auch sozialer Isolation einhergehe, warnt der Arzt. Auch eine Ernährungsberatung sieht er als sinnvoll an, da COPD-Patienten durch ihre Schwierigkeiten beim Atmen sehr viel Energie verbrauchen und zudem oft das Essen scheuten, da es Luftnot verursachen könne.

In Einzelfällen, etwa bei einem ausgeprägten Lungenemphysem, erwägen Mediziner auch eine operative Verkleinerung der Lunge. Im Endstadium könnte manchen Patienten, die auf keine andere Therapie mehr ansprechen, eine Lungentransplantation helfen, wie als prominentem Beispiel dem Schlagersänger Roland Kaiser, der schwer an COPD erkrankt war. „Das ist allerdings die Ultima Ratio“, sagt Joachim Bargon; außerdem gebe es viel zu wenige Organe, um alle COPD-Patienten im Endstadium zu versorgen. Der Frankfurter Lungenspezialist sieht auf absehbare Zeit nur wenig Chancen, dass die Krankheit zu heilen sein wird. „Die Medizin ist in dieser Hinsicht weit entfernt von einem Durchbruch.“

COPD muss früh erkannt werden, um das Fortschreiten der Krankheit aufzuhalten

Umso notwendiger wäre es, die COPD früh zu erkennen und ihr Fortschreiten aufzuhalten. Dafür müssten nicht nur die Patienten rechtzeitig mit Beschwerden zum Arzt gehen, es wäre auch essenziell, dass die Krankheit richtig diagnostiziert, die effektivste Therapie eingeleitet und ständig dem individuellen Zustand angepasst wird.

Hausärzte alleine könnten das nicht immer leisten, gerade bei den schwerer Kranken sagt Joachim Bargon. Er sieht es deshalb als Problem an, dass es in Deutschland nicht genug Pneumologen und Lungenzentren gebe und das Fach an den Universitäten ebenfalls unterrepräsentiert sei. „Jedes Krankenhaus hat seine eigene Kardiologie, aber pneumologische Abteilungen sind eher selten – anders als in den USA, wo beide Fächer gleichberechtigt nebeneinander stehen.“

COPD: Lungenheilkunde wird in der medizinischen Ausbildung vernachlässigt

Auch in der Ausbildung werde die Lungenheilkunde in Deutschland vernachlässigt. „Niedergelassene Kollegen, die in den Ruhestand gehen wollen, suchen oft händeringend Nachfolger.“ Ein Missstand, der im Widerspruch zur Dringlichkeit stehe: Alte Menschen sterben häufig an Erkrankungen oder Infektionen der Atemwege, sagt Joachim Bargon. Und bei der COPD rechnen Experten mit einer deutlichen Zunahme in den nächsten Jahren. Laut Lungeninformationsdienst leiden in Deutschland rund 6,8 Millionen Menschen an der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, Schätzungen gehen bis 2030 von einer Zunahme auf 7,9 Millionen aus. Damit ist die COPD genauso häufig wie der als Volkskrankheit bezeichnete Diabetes.

Rubriklistenbild: © imago/ZUMA Press

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