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Clemens Arvay ist Doktorand am Institut für Biologie der Universität Graz.
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Clemens Arvay ist Doktorand am Institut für Biologie der Universität Graz.

Impfung

Clemens Arvay: Bestseller über Corona-Impfstoffe

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Dem österreichischen Biologen Clemens Arvay hat sein Bestseller über Corona-Impfstoffe neben Erfolg auch Anfeindungen beschert.

Er wolle „differenziert denkende Menschen“ in die Lage versetzen, ihre „persönliche Impfentscheidung“ auf umfassenden Informationen aufzubauen, erklärt Clemens Arvay in der Einleitung zu seinem Buch „Corona Impfstoffe. Rettung oder Risiko?“. Eine Empfehlung „für oder gegen einen Impfstoff“ möchte er ausdrücklich nicht geben. Der österreichische Biologe hat damit offenbar einen Nerv getroffen. Bereits zwei Wochen, nachdem das Buch Ende Februar auf den Markt gekommen war, belegte es in der Spiegel-Bestsellerliste in der Kategorie Sachbuch Platz eins.

Doch dem Autor hat seine zunehmende Popularität nicht nur Freude gebracht – obwohl er sein Buch ausschließlich als „Informationsmedium“ verstanden wissen will. Er erklärt darin die für das Verständnis der genbasierten Covid-Impfstoffe nötigen Grundlagen von der Proteinsynthese über den Aufbau von DNA und RNA, die Biologie der Viren und den Ablauf der von ihnen ausgelösten Infektionen bis hin zur Wirkweise der verschiedenen Vakzine. Das alles ist sehr anschaulich geschrieben, in gut lesbarer, aber nicht plump vereinfachender Sprache.

Arvay geht auch darauf ein, welche Probleme es mit viralen Vektorimpfstoffen in der Vergangenheit bereits gab; vor Covid-19 wurde diese Technologie bei Vakzinen gegen das Dengue-Fieber und Ebola eingesetzt sowie in einer klinischen Studie als Schutz vor einer HIV-Infektion getestet. Letzteres Projekt scheiterte. Eine Langzeitstudie zeigte, wie Arvay ausführt, dass der Impfstoff, der ein Adenovirus als Vektor nutzte, innerhalb von 18 Monaten nach der Verabreichung das Infektionsrisiko für HIV erhöhte. Ähnliches passierte vor wenigen Jahren mit einem Dengue-Vektorvakzin. Auf den Philippinen erkrankten geimpfte Kinder besonders schwer an der Infektionskrankheit, das Impfprogramm dort musste abgebrochen werden. Arvay widmet sich diesen Problemen ausführlich, weist darauf hin, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bereits in der Vergangenheit immer wieder Bedenken äußerten, dass Vektorimpfstoffe zu gegenteiligen Effekten führen können, etwa zur Bildung von infektionsverstärkenden Antikörpern.

Ebenfalls breiten Raum nimmt seine kritische Auseinandersetzung mit den Zulassungsverfahren ein – insbesondere mit dem Prinzip der „Teleskopierung“, des Ineinanderschiebens von Testphasen, das eine enorme Verkürzung des normalerweise Jahre beanspruchenden Prozesses ermöglicht hat. Arvay macht keinen Hehl daraus, dass er es als problematisch ansieht, wenn der nächste Schritt bereits getan wird, bevor man den vorherigen endgültig ausgewertet hat. Sein Hauptkritikpunkt lautet, dass manche nachteiligen Effekte erst zeitverzögert sichtbar werden könnten, beim jetzigen Vorgehen also dann, wenn man Millionen Menschen bereits geimpft hat. Der Verweis auf frühere Probleme mit Vektorimpfstoffen und theoretisch mögliche aller derzeit zugelassenen Covid-Vakzine hat Clemens Arvay wiederum selbst Kritik eingebracht, ausgetragen vor allem über Medien im Internet.

So erfolgreich sich sein Buch verkauft, so sehr fürchtet der Biologe nun um seine Reputation. Er fühlt sich falsch verstanden und attackiert, insbesondere von den „Skeptikern“, einer „Gesellschaft für kritisches Denken“, deren Ziel es ist, Pseudowissenschaften zu bekämpfen. Clemens Arvay sieht sich in eine Schublade gesteckt, wo er nicht hingehören möchte. Er sei kein Esoteriker und kein Impfgegner. „Meine Kritik richtet sich nicht gegen das Prinzip Impfstoff, sondern ausschließlich gegen die beschleunigten Zulassungsverfahren.“ Er glaube auch nicht, dass mit der Impfung ein Chip unter die Haut gepflanzt werden solle und hänge keiner rechten Verschwörungstheorie an, im Gegenteil. Nein, er sei nie auf einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen gewesen und habe sein „ganzes Leben lang deutlich links der Mitte gestanden“.

Fast verzweifelt wirkt Arvay, wenn er im You-Tube-Video sein Zertifikat der „European Countries Biologists Association“, des Dachverbandes der nationalen Biologenverbände, in die Kamera hält. Es ist sein Schwarz-auf-Weiß-Beleg, der ihn als „European Professional Biologist“ ausweist und soll jene widerlegen, die ihn als verschrobenen Öko-Fuzzi ohne entsprechenden akademischen Hintergrund darstellen. Arvays Fachgebiet ist die Gesundheitsökologie, sein Schwerpunkt die Wirkung der Umwelt auf das menschliche Immunsystem. Seit März ist er Doktorand am Institut für Biologie der Universität Graz. Er untersucht im Naturpark Zirbitzkogel den Einfluss von Zirbelwäldern auf das Immunsystem. Im österreichischen Forum Wissenschaft & Umwelt ist Arvay Referent für „Biodiversität und Gesundheit“. Über die Beschäftigung mit dem Immunsystem sei er auf das Thema Impfstoffe gekommen, erzählt er, im April 2020 veröffentlichte er auf You-Tube das erste Erklärvideo zu mRNA-Impfstoffen. Die große Resonanz darauf mündete im aktuellen Buch.

Schon früher habe er harte Auseinandersetzungen erlebt, sagt Arvay, weil er als „scharfer Kritiker“ der Agrar-, Tier- und Saatgutindustrie aufgetreten sei. Aber noch nie hätten sich die Angriffe so sehr gegen ihn als Person gerichtet. Im Interview mit der Deutschen Welle beklagte er „primitive Beschimpfungen unter der Gürtellinie“, und dass es darum gehe, „mich als Wissenschaftler abzuqualifizieren“ und „am liebsten als Gärtner“ darzustellen.

Bereits eine Woche nach Erscheinen landete das Buch auf Platz eins der Spiegel-Bestseller-Liste, Kategorie Sachbuch

Doch Clemens Arvay bekommt auch öffentlich Zuspruch für sein Buch. So hat die Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht die Lektüre in ihrem Blog empfohlen. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, lobt das Buch gegenüber der Frankfurter Rundschau als „gute, sachlich geschriebene und sorgfältig recherchierte Informationsquelle“ – auch wenn er nicht alles darin teile und die Zulassungsprozesse anders beurteile. Gleichwohl sagt auch Ludwig: „Wir können bislang nichts zur Langzeitsicherheit dieser Impfstoffe sagen.“

Clemens Arvays wirbt in seinem Buch nicht unbedingt für die mRNA- und Vektorvakzine, man könnte sagen, dass er die kritischen Aspekte mehr würdigt als die Vorteile. Aber keine seiner Ausführungen basiert auf Fake News, nichts wird reißerisch ausgebreitet, nichts unheilschwanger raunend angedeutet – und er lässt den Leserinnen und Lesern genug Raum, um eigene Schlüsse zu ziehen. Kein Vergleich zu einer Tonlage, wie sie etwa Sucharit Bhakdi und Karina Reiss in ihrem Werk „Corona Fehlalarm?“ angeschlagen haben. An Clemens Arvay indes, der sich keinem der zweifelsohne entstandenen „Lager“ zugehörig fühlt, zeigt sich beispielhaft, wie polarisierend und erbittert die Corona-Debatte geworden ist. Und wie sehr die Pandemie die Tendenz verstärkt hat, andere Menschen zu etikettieren.

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