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Chemotherapie kann bei Kindern die Fruchtbarkeit schädigen.

Uniklinik Frankfurt

Bei Chemotherapie die Fruchtbarkeit erhalten

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Das Universitätsklinikum Frankfurt bietet als erste Einrichtung in Deutschland spezielle Verfahren für Kinder mit Krebs an. Gesetzliche Kassen übernehmen die Kosten nicht.

Moaza war neun Jahre alt, als sie sich wegen einer Bluterkrankung einer Knochenmarkstransplantation unterziehen musste. Diese oft einzig lebensrettende Therapie bedarf allerdings einer speziellen Vorbehandlung, die eine schwere Nebenwirkung hat: Sie kann dazu führen, dass die Keimzellen kleiner Patientinnen und Patienten so stark geschädigt werden, dass sie als Erwachsene unfruchtbar sind. Moazas Familie wollte dem vorbeugen: Vor der Therapie wurde dem Mädchen deshalb Eierstockgewebe entfernt und eingefroren. 13 Jahre später bekam Moaza die Fortpflanzungsorgane zurück in den Körper transplantiert. 22 war sie damals – und 24, als sie im Dezember 2016 in London ein Baby gebar.

Moaza ist die erste Frau überhaupt, die ein Kind zur Welt gebracht hat, nachdem ihr vor der Pubertät Eierstockgewebe entnommen und später wieder eingepflanzt wurde. Die junge Frau lebt in Großbritannien, dort wird dieses Vorgehen von den Krankenkassen bezahlt, sagt Peter Bader, Leiter des Schwerpunkts Stammzelltransplantation und Immunologie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikum Frankfurt.

Für schwerkranke Kinder in Deutschland, die eine Chemotherapie bekommen müssen, ist die Situation schwieriger: Es hakt an allen Enden, vor allem fehlt es an Aufklärung, Beratungs- und Behandlungsangeboten. Das Universitätsklinikum Frankfurt bietet nun als bundesweit erste Einrichtung genau das alles an. Dort widmen sich Experten verschiedener medizinischer Fachrichtungen der Fruchtbarkeit von Kindern, die eine Chemotherapie bekommen. Zusätzlich wurde Anfang des Jahres das „Frankfurt Projekt“ gegründet. Dessen Ziele sind es, die Verfahren zum Erhalt der Fertilität weiterzuentwickeln und die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Finanziert wird es für die Dauer von zwei Jahren aus Spendenmitteln des Vereins „Hilfe für krebskranken Kindern“. Aus den bereits aufgebauten Strukturen soll sich am Universitätsklinikum ein „spezialisiertes Zentrum für Behandlung und Forschung“ entwickeln, erklärt Thomas Klingebiel, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin: „Außerdem wollen wir für eine bessere Unterstützung der betroffenen Mädchen und Jungen durch die Politik und Gesellschaft werben.“

Die Kinder, um die es geht, sind vor allem kleine Krebspatienten, die eine Chemotherapie brauchen; es gibt aber auch gutartige Erkrankungen, die so aggressiv behandelt werden müssen. Bei der Therapie bösartiger Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter wurden in den vergangenen Jahren große Erfolge erzielt, rund 80 Prozent lassen sich heute heilen, sagt Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Frankfurt. Doch die dafür nötigen Behandlungsmethoden haben ihren Preis: Chemotherapien oder auch Bestrahlungen können die Fruchtbarkeit schädigen oder ganz zerstören. Ob das geschieht, ist abhängig vom jeweiligen Mittel, der Dosis und den individuellen Anlagen; es gelte, vorher das Risiko festzustellen, sagt Nicole Sänger, Leiterin des Schwerpunkts gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Frankfurter Uniklinik. Während es bei Erwachsenen bereits ein etabliertes Angebot gibt, das die Fertilität auch nach einer solchen Behandlung sichern soll, stecken die entsprechenden Verfahren insbesondere für Jungen und Mädchen vor der Pubertät noch in den Kinderschuhen, sind zum Teil auch noch nicht ausgereift.

Von der Gefahr, durch die Behandlung unfruchtbar zu werden, sind beide Geschlechter gleichermaßen betroffen – sie zu bannen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Relativ einfach ist der Weg, bei Jugendlichen in der Pubertät Ei- und Samenzellen zu konservieren. Für jüngere Kinder indes gab es in Deutschland bislang keine Möglichkeit einer Behandlung. Ausschließlich in Frankfurt wird jetzt für Mädchen vor der Pubertät die „Kryokonservierung“ (das Einfrieren) von Gewebe der Eierstöcke angeboten; ein Verfahren, das bei erwachsenen Frauen bereits praktiziert wird. Dafür entnehmen die Ärzte vor einer Chemotherapie oder Bestrahlung einen Teil oder auch die gesamten Eierstöcke. Das passiert in einem etwa 20- bis 25-minütigen, minimalinvasiven Eingriff über die Bauchdecke, erklärt Udo Rolle, Direktor der Klinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie. Das Gewebe wird anschließend in flüssigem Stickstoff eingefroren, kann so über Jahre konserviert und später wieder eingepflanzt werden.

Häufig werden Familien nicht einmal beraten

Schon bei ganz kleinen Mädchen kann Eierstockgewebe entnommen werden – das dann im Körper der erwachsenen Frau seine Arbeit aufnimmt, sagt Nicole Sänger. Gleichwohl: „Dieses Verfahren ist hochanspruchsvoll und wir betreten damit nach wie vor medizinisches Neuland“, erklärt sie. Eine solche Methode bei Kindern anzuwenden, funktioniere nur, wenn Vertreter verschiedener medizinischer Fachgebiete dabei zusammenarbeiteten: „Da wir national der einzige Standort sind, der eine solche Struktur aufgebaut hat, erhalten wir Zuweisungen aus ganz Deutschland.“

Bei Jungen vor der Pubertät ist die Lage problematischer als bei gleichaltrigen Mädchen. Ein ähnliches Verfahren sei möglich, es befinde sich jedoch noch in der Entwicklungsphase, sagt Falk Ochsendorf, Leitender Oberarzt der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie sowie Leiter der Forschungsgruppe Andrologie. Zwar lasse sich auch unreifes Hodengewebe entnehmen und einfrieren, erklärt der Frankfurter Mediziner. Doch ohne Bearbeitung bildeten sich keine reifen Spermien. „Daher erforschen wir, wie wir das unreife Gewebe so stimulieren können, dass der Junge später damit tatsächlich Kinder zeugen kann.“ Er hoffe,dass die Medizin in 20 Jahren, wenn die Patienten von heute erwachsen sind, dann soweit sei.

Doch häufig erhalten Familien nicht einmal eine Beratung, auch fehlt es Ärzten oft an entsprechenden Kenntnissen. Deshalb wollen die Frankfurter Wissenschaftler gemeinsam mit anderen Einrichtungen ein Verbundsforschungsprojekt und eine national nutzbare Datenbank einrichten. Anders als in vielen europäischen Nachbarländern zahlen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Behandlungen nicht, sie dürfen es nicht. Denn nach einem Urteil des Hessischen Landessozialgerichts ist das Tieffrieren keine „Zusätzliche Leistung“, die sie freiwillig erbringen dürfen – auch wenn die Juristen bei ihrem Rechtsspruch das „Social freezing“ erwachsener Frauen im Blick hatten, die sich ihre Eizellen einfrieren lassen, um sie zu einem für eine Schwangerschaft als passend erscheinenden Zeitpunkt wieder auftauen zu lassen.

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