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Frauen in führenden Positionen sind an deutschen Kliniken eine Seltenheit.

Medizin

Gleichberechtigung: Kaum Chefinnen im OP

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Im Medizinstudium stellen Frauen die Mehrheit – im Krankenhaus machen nur wenige Karriere.

Würde es nach den Zahlen der Studierenden gehen, so müssten in den meisten Operationssälen, den meisten Laboren und an den meisten Krankenbetten in deutschen Kliniken Frauen stehen, und auch der Anteil der Forscherinnen müsste den der männlichen Kollegen bei weitem übertreffen. Denn 70 Prozent der Medizinstudierenden sind weiblich – und das ist nicht erst kurzem so, sondern bereits seit rund 20 Jahren. Doch wer sich die ärztlichen Teams in Kliniken oder Forschungsprojekten anschaut, trifft dort immer noch auf weitaus mehr Männer als Frauen. Zwar gibt es in Krankenhäusern oft viele Assistenzärztinnen, jedoch auffällig wenige Chefärztinnen und Medizinerinnen mit Professorentitel. In höheren Positionen sind Kliniken und Forschung in Deutschland nach wie vor männlich dominiert. Das ist übrigens nicht allein ein Problem in der Medizin, sondern in vielen Wissenschaften; im Durchschnitt sind mehr als drei Viertel aller Professoren an deutschen Universitäten Männer, an Kliniken ist das Verhältnis oft noch krasser.

Bei ihrem Jahreskongress in Wiesbaden haben die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten mit der Sektion Endoskopie und die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie die unzureichende Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern in der Medizin vergangene Woche zum Thema gemacht. Um ein Zeichen zu setzen, teilten sich dieses Mal Frauen und Männer die wissenschaftlichen Vorsitzende des Kongresses zu gleichen Teilen.

Gewaltige Schieflage

Im Krankenhausalltag ist die Schieflage gewaltig, sagt Stefan Zeuzem, Direktor der Medizinischen Klinik I am Universitätsklinikum Frankfurt: Den 70 Prozent Frauen unter den Medizinstudierenden stehen gerade einmal 13 Prozent weibliche Führungskräfte in der Medizin gegenüber. Auf der Ebene der Assistenzärzte betrage das Geschlechterverhältnis noch etwa 50 zu 50, sagt Britta Siegmund, Direktorin der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin. „Doch auf der Oberarzt-Ebene geht die Schere dann schon weit auseinander.“

Häufig stellt sich der Karriereknick mit Mitte dreißig ein, wenn die Medizinerinnen schon eine zeitlang als Fachärztinnen gearbeitet haben und dann vielleicht ihr erstes Kind bekommen. „Zwischen Promotion und Habilitation liegt das Bermudadreieck für Frauen“, formuliert es Stefan Zeuzem: „Mit dem ersten Kind verschwinden viele und tauchen nicht mehr auf.“

Die Familienplanung als größte Hürde für eine Karriere in der Medizin – das bestätigt auch Irina Blumenstein, Oberärztin an der Medizinischen Klinik I am Universitätsklinikum Frankfurt: Mit diesem Zeitpunkt komme „oft die entscheidende Weggabelung, an der sich Männer- und Frauenkarrieren unterschiedlich entwickeln“, sagt sie: „Denn in diese Zeit fallen meist auch wichtige Karriereschritte – Habilitation, Forschung, Besetzung von Oberarztpositionen.“

In dieser Situation mangelt es Medizinerinnen dann oft an Unterstützung. Und nicht selten sehen sie sich vor die Wahl gestellt, auf eines auf jeden Fall verzichten zu müssen: entweder auf Kinder oder auf eine Karriere in einer Klinik und als Wissenschaftlerin. Manche geben ihren Beruf ganz auf. Viele gehen aber auch in Praxen oder eröffnen selbst eine, deshalb sei das Delta zwischen den Geschlechtern bei niedergelassenen Ärzten nicht so hoch wie in Krankenhäusern, sagt Britta Siegmund.

„Frauen tun sich oft schwer mit der Vernetzung“

In der „überwiegend männlichen, stark hierarchisierten Arbeitskultur“ an Kliniken indes fehle es oft an „Vorgesetzten, die Möglichkeiten und Anreize schaffen, eine Karriere trotz Familienphase anzustreben und zu planen“, erklärt Irina Blumenstein. Sie ist allerdings der Ansicht, dass auch die Frauen selbst dazu beitragen, dass sie medizinischen Führungspositionen so schlecht repräsentiert sind: „Frauen tun sich oft schwer mit der Vernetzung“, sagt die Ärztin: „Sie müssten sich mehr gegenseitig stützen.“ Auch brauche es mehr weibliche Vorbilder. Britta Siegmund vermutet als weiteren Grund für die wenigen Chefärztinnen, dass Frauen häufig nicht so stark „in die erste Reihe“ drängen würden wie Männer.

Die Charité-Medizinerin sieht ebenso wie ihre Frankfurter Kollegin in flexibleren Arbeitszeiten an Kliniken einen möglichen Weg, um die Situation zu verbessern. Es wäre zudem wichtig, dass sich die Elternzeiten von Frauen und Männer angleichen würden, sagt Irina Blumenstein. Auch das Schaffen von mehr Kindertagesstätten in Kliniken würde es Medizinerinnen erleichtern, Beruf und Familie zu vereinen – so ließe sich das Problem vielerorts fehlender Kita-Plätze entschärfen, das Frauen dazu zwingen kann, nach einer Geburt länger zu Hause zu bleiben, als sie es eigentlich möchten. Eine ausgedehnte Babypause indes erschwere es Medizinerinnen, wieder den Anschluss zu finden, sagt Stefan Zeuzem, es sei wichtig, nicht zu lange mit dem Wiedereinstieg zu warten.

Irina Blumenstein hat es geschafft: Sie ist Mutter und trotzdem Oberärztin an der Frankfurter Uniklinik geworden. Viele Jahre habe sie in Teilzeit gearbeitet, erzählt sie, „wir haben immer flexible Modelle gefunden“. Große „Dankbarkeit“ empfinde sie. Stefan Zeuzem sieht in flexiblen Arbeitszeiten zwar kein Allheilmittel, aber doch eine Lösung, die gut funktionieren kann. In seiner Klinik reichen die Arbeitszeitmodelle von vier bis 40 Stunden pro Woche, erzählt er.

Existenzbedrohlicher Mangel 

Zeuzem rät aber auch, bereits vorher anzusetzen. Frauen, die eine Führungsposition in der Medizin anstrebten, profitierten von „verlässlichen Absprachen“ mit Mentoren und Vorgesetzte, die eine mittel- oder langfristige Planung ermöglichten.

Die Karrierebremsen für Ärztinnen zu beseitigen, sieht der Frankfurter Mediziner als vordringlich, ja essenziell für die Sicherung und die Qualität der Versorgung und Forschung an deutschen Kliniken an. Man drohe sonst „ins Verderben zu laufen“, sagt er. Das klingt zunächst arg dramatisch, doch seiner Aussage liegt eine einfache Rechnung zugrunde: „Wir haben nur noch 25 bis 30 Prozent männliche Studierende“, führt Zeuzem aus: Blieben auch in Zukunft weiterhin so vielen Ärztinnen gute Positionen verwehrt, so drohe in „zehn bis zwanzig Jahren“ ein für die Klinken existenzbedrohlicher Mangel an Mitarbeitern.

Gleichwohl ist der Mediziner überzeugt, dass die Zeit für die Frauen arbeitet. Denn wenn heutige Chef- und Oberärzte in Pension gehen, wird es irgendwann schlicht nicht mehr genug qualifizierte Männer geben, um die frei werdenden Stellen nachzubesetzen.

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