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Medizinisches Cannabis wird aus der Marihuana-Pflanze gewonnen.

Medizin

Cannabis: Wo das Gras wächst

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Cannabidiol (CBD) Studien belegen: Medizinisches Cannabis ist kein Wundermittel, aber es hilft – auch in der Neurologie.

Nichts half bei dem achtjährigen israelischen Jungen, der kein Wort herausbrachte, immer wieder seinen Kopf gegen die Wand schlug und auch auf seine Umwelt aggressiv reagierte. Die Eltern wären fast verzweifelt. Erst eine Behandlung mit medizinischem Cannabis linderte die Symptome. Nach vier Monaten Therapie habe das Kind erstmals seine Mutter umarmt, berichtet Yuval Landschaft, Direktor der staatlichen Agentur für Medizinisches Cannabis, die dem Gesundheitsministerium in Jerusalem untersteht.

Landschaft schildert gleich noch einen weiteren Fall, in dem Cannabidiol (CBD), der nicht high machende Wirkstoff aus der Marihuana-Pflanze, bei einem an Epilepsie erkrankten Fünfjährigen nahezu wundersam anschlug. Er erlitt bis zu zwanzig Krampfanfälle täglich. Nachdem dem Bub Cannabis-Tropfen verabreicht wurden, hätten sich die Anfälle schließlich „auf ein, zwei pro Woche reduziert“, sagt Landschaft. Die Mutter habe vor Glück geweint, als sie sich telefonisch bedankte: „Ihr habt unser Leben zurückgebracht.“

„Heilen kann Cannabis nicht“, betont Landschaft. „Aber es lindert zahlreiche Leiden.“ Seine wohltuende Wirkung bei chronischem Schmerz, Multipler Sklerose oder in der Chemotherapie ist längst nachgewiesen. In Deutschland können sich solche Patienten seit März 2017 medizinisches Cannabis vom Arzt verschreiben lassen. Die israelische Forschung geht von einem weit größeren Potenzial dieses Arzneimittels aus, auch in der Neurologie. Beim Tourette-Syndrom etwa, einer seltenen neuropsychiatrischen Erkrankung, die mit Tics und seltsamen Lautausstößen einhergeht, hilft meist so gut wie nichts. Doch in achtzig Prozent der Fälle verbessere sich der Zustand durch medizinisches Cannabis, versichert Landschaft.

Die staatliche Cannabis-Agentur in Jerusalem hat rund hundert medizinische Versuchsreihen gebilligt, vierzig sind klinische Studien – teils mit ermutigenden Ergebnissen, aber nicht unbedingt durchschlagendem Erfolg. „Wir haben nicht mit einem Wundermittel zu tun“, dämpft Adir Aran allzu hohe Erwartungen. Als Chef der neuropsychiatrischen Abteilung im Jerusalemer Medizinzentrum Shaare Zedek hat er in einer weltweit ersten Untersuchung sechzig Kinder aus dem epileptischen und autistischen Spektrum mit CBD-Öl therapiert.

Wissenschaftler Boaz Albo (links) und Yuval Landschaft, Direktor der israelischen Cannabis-Agentur in Jerusalem,

An der sich 2018 anschließenden, mit Placebos kontrollierten Testreihe nahmen 150 schwer autistische Patienten im Alter zwischen fünf und 29 Jahren teil. In der Hälfte der Fälle, die tatsächlich CBD bekamen, verringerten sich die Symptome sichtlich. Bei einem Drittel gaben die Eltern an, ihre zuvor sich völlig abkapselnden Kinder hätten zu sprechen begonnen oder kommunizierten nun nonverbal. „Das ist noch keine dramatische Verbesserung“, betont Aran, „CBD ist ein weiteres Therapiemittel, nicht mehr und nicht weniger.“

Anders sieht es bei Knochenmarktransplantationen aus. In einem Pilotprogramm mit erwachsenen Leukämiekranken hatten sich Cannabidiol-Tropfen bereits als ausgesprochen hilfreich erwiesen, um die niederschmetternden Begleitsymptome abzufedern. Reuven Or, Professor am Universitätsklinikum Hadassah in Jerusalem, begann daraufhin eine klinische Versuchsreihe mit Leukämie-Kindern, aber brach sie nach einer Zeit ab. Er habe es nicht aushalten können, dass die Testgruppe, die nur Placebos erhielt, die Knochenmarktransplantation so viel schlechter vertrug als die anderen Kinder, die dank CBD weit weniger unter Übelkeit, entzündeten Schleimhäuten und Appetitverlust litten.

Medizinische Cannabis-Produkte gibt es in Israel inzwischen als orale Kapseln, Nasenspray, sublinguale, also unter der Zunge sich auflösende Tabletten, als Zäpfchen, zum Inhalieren und als Salben, großteils versehen mit einem von der Cannabis-Agentur vergebenen Gütesiegel „Good Medical Product“ (GMP). Die Nase vorn haben die Israelis auch, um in standardisierten Verfahren Inhaltsstoffe und Dosierung zu bestimmen – Voraussetzung für eine breite Zulassung auf dem Arzneimittelmarkt. 144 Komponenten ließen sich in diversen Marihuana-Sorten nachweisen, die auf lizensierten Plantagen unter der prallen israelischen Sonne reifen. Über die Kultivierung genetischer Linien sollen eine Standardisierung vereinfacht, der von Freizeit-Kiffern so geschätzte, stimmungsaufhellende THC-Gehalt reduziert und gleichbleibende Qualität erzielt werden.

Boaz Albo, der viele Jahre die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der staatlichen Cannabis-Agentur leitete, hat zu diesem Zweck einen Analyseapparat entwickelt. Die Inhaltsstoffe werden mittels Ethanol aus dem Pflanzenöl und den Blüten extrahiert. Einzelne Komponenten, betont Albo, erwiesen sich allerdings in der Therapie als weniger effizient als das interaktive Zusammenspiel verschiedener Cannabinoide. Wissenschaftler bezeichnen das als den Entourage-Effekt, der anders als bei herkömmlichen Medikamenten eben nicht nur auf einem einzigen Wirkstoff basiert. Auch das gehört zu den Herausforderungen der Erforschung von medizinischem Gras, an der Israels führende Universitäten in Beer Sheba, Haifa, Jerusalem und Tel Aviv beteiligt sind, ebenso etwa zwei Dutzend Institute und diverse Startups, die auf eine internationale Vermarktung setzen.

Bereits 1843 befasste sich erstmals ein medizinischer Artikel mit der Wirkung von Marihuana. 1963 wiederum identifizierte Professor Rafael Mechoulam in Jerusalem die high-machende Komponente THC. Aber wegen ihr blieb Cannabis eine verbotene Droge, weithin unbeachtet von der Wissenschaft.

Über hundert Jahre wurden vertan“, sagt Albo. „Erst seit dem Jahr 2000 steigt die Kurve an Untersuchungen an.“ Entsprechend stolz ist die israelische Cannabis-Agentur auf ihr 2016 erstelltes „Greenbook – Medical Grade Cannabis“, ein umfassendes Handbuch, das wissenschaftliche Ergebnisse zusammenträgt, Indikationen auflistet und passende Produkttypen für die Behandlung bestimmter Patienten beschreibt, samt möglicher Nebenwirkungen wie Herzrasen oder Schwindel. Etwas Vergleichbares, glaubt Albo, „gibt es bislang nirgends auf der Welt“.

Das Sheba-Medizinzentrum nahe Tel Aviv bietet seit diesem Sommer zudem Seminare für Ärzte aus dem Ausland ab, um sie mit klinischen Methoden bei der Anwendung von medizinischem Cannabis vertraut zu machen. Gerade weil der Konsum von Marihuana als weicher Droge in seltenen Fällen Psychosen auslösen kann, sind Verunsicherung und Vorbehalte groß. Umso wichtiger sei ein vernünftiger und verantwortungsvoller Umgang, betont Landschaft, Chef der Cannabis-Agentur. „Wir wollen unser Wissen teilen.“

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