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„Cave-Syndrome“: Rund eineinhalb Jahre der Isolation haben Spuren bei vielen Menschen hinterlassen. (Symbolbild)
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„Cave-Syndrome“: Rund eineinhalb Jahre der Isolation haben Spuren bei vielen Menschen hinterlassen. (Symbolbild)

Gesellschaft

Folge der Corona-Pandemie: „Cave Syndrome“ – Angst vor der Normalität

  • Anna Charlotte Groos
    VonAnna Charlotte Groos
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Expert:innen machen immer wieder auf psychischen Folgen der Corona-Krise aufmerksam. Doch was, wenn sogar das Zurück zum normalen Alltag Angst macht?

Frankfurt/USA – Sich wieder mit Freund:innen treffen, Essen oder ins Kino gehen und wieder einen normalen Alltag führen: Darauf freuen sich viele Menschen, die die Einschränkungen der Corona-Pandemie endgültig Leid sind.

Doch rund eineinhalb Jahre der Isolation haben Spuren bei vielen Menschen hinterlassen. Einfach wieder raus gehen, als wäre alles normal? Kontakt zu fremden Menschen haben, Bus oder Bahn fahren? Diese Vorstellung scheint für manche Menschen ein wahrer Albtraum zu sein. Die Angst, wieder in das frühere Leben vor der Corona-Pandemie zurückzukehren, bezeichnet man als sogenanntes „Cave Syndrome“ (auf deutsch „Höhlensyndrom“). Dabei haben Betroffene Probleme damit, sich an die neuen Freiheiten anzupassen, nehmen die wiedergekehrte Normalität als etwas „Fremdes“ wahr und schotten sich ab – wie in einer „Höhle“.

Isolation und Abschottung: „Cave-Syndrome“ als psychische Folge der Corona-Pandemie

Dieses Phänomen des „Cave-Syndroms“ ist auch in den USA zu beobachten, in denen laut Robert-Koch-Institut bereits 40,6 Prozent (135,9 Millionen) Menschen vollständig geimpft sind (Stand: 01.06.2021). Dank zurückgehender Coronafälle und voranschreitender Impfkampagne sind in den USA bereits einige Lockerungen eingetreten und das öffentliche Leben kann größtenteils wieder stattfinden.

Eine kürzlich durchgeführte Studie der American Psychological Association ergab, dass 49 Prozent der befragten Erwachsenen in den USA damit rechneten, dass sie sich bei sozialen Interaktionen unwohl fühlen würden, wenn die Pandemie endet. Und das unabhängig vom Impfstatus – Denn auch 48 Prozent derjenigen, die bereits geimpft wurden, gaben an, dass sie sich so fühlten.

Bei 46 Prozent löst der Gedanke, nach der Coronakrise wieder einen Lebensstil wie vor der Pandemie zu verfolgen, ein unbehagliches Gefühl aus. Auch hier stimmten ähnliche Anteile der Amerikaner:innen dieser Aussage zu, unabhängig davon, ob sie einen Covid-19-Impfstoff erhalten haben oder nicht. (44 Prozent derjenigen, die einen Impfstoff erhalten haben, gegenüber 46 Prozent derjenigen, die keinen Impfstoff erhalten haben).

„Cave-Syndrome“ durch die Coronakrise: „Es ist schwer, eine Gewohnheit zu brechen“

Laut Alan Teo, außerordentlicher Professor für Psychiatrie an der Oregon Health and Science University, spielt die Gewöhnung an angeeignete Verhaltensmuster und Routinen bei der Entstehung des Cave-Syndroms eine große Rolle: „Wir mussten uns angewöhnen, Masken zu tragen, uns voneinander zu distanzieren und keine Menschen einzuladen. Es ist sehr schwer, eine Gewohnheit zu brechen, wenn man sie einmal entwickelt hat“, sagte er gegenüber der Zeitschrift Scientific American.

Laut Teo würden vom „Cave-Syndrome“ betroffene Menschen zudem das Gefahrenrisiko durch eine Infektion größer einstufen als das Risiko, psychische Folgen durch Einsamkeit zu erfahren.

Technologische Fortschritte als Risikofaktor für sozialen Rückzug

Menschen können aus verschiedenen Gründen davor zögern, ihr Prä-Corona-Leben wieder aufzunehmen. Einige haben trotz Impfung extreme Angst davor, sich anzustecken oder nach der langen Zeit des Social Distancing eine Angst vor sozialer Interaktion entwickelt. Andere wollen auch nicht auf die positiven Vorteile verzichten, die sie aus der Corona-Pandemie gewonnen haben, wie etwa das lang ersehnte Home-Office und dadurch wegfallende Arbeitswege oder Wohnungskosten in der Nähe des Arbeitgebers.

Technologische Fortschritte und die Möglichkeit, alles von Zuhause aus zu erledigen, so Alan Teo, haben die Menschen allgemein einem höheren Risiko ausgesetzt, eine extreme Version des sozialen Rückzugs zu entwickeln (als Hikikomori bezeichnet). Diese extreme Form des Rückzugs könne bis zu sechs Monaten andauern und ähnele oberflächlich den Auswirkungen von Agoraphobie, der Angst vor offenen oder überfüllten Orten. Ob diese genannte Extremform des Rückzugs aber wirklich durch Covid-19 zugenommen habe, sei die „1000-Dollar-Frage“, so Teo gegenüber Scientific American.

„Covid-Stress-Syndrome“ und Angststörungen als Auswirkung der Corona-Pandemie

Langfristige psychologische Auswirkungen der Coronakrise wurden bereits im Anfangsstadium der Pandemie diskutiert. Im Mai 2020 veröffentlichten Forscher:innen der University of British Columbia eine Studie in der Zeitschrift Anxiety, in der sie voraussagten, dass schätzungsweise zehn Prozent der Menschen während der Pandemie durch die Bewältigung schwerer psychischer Probleme wie dem Verlust des Arbeitsplatzes, von Freunden und Familie oder finanzielle Notlagen eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder Angststörungen entwickeln würden.

Die Forschenden gingen außerdem davon aus, dass bei vielen Menschen ein „Covid-Stress-Syndrom“ entstehen würde, das „durch Angst vor einer Infektionsgefahr gekennzeichnet ist, einer Angst vor dem Berühren von Oberflächen oder Gegenständen, die mit dem Coronavirus kontaminiert sein könnten, (...) oder Angst vor Covid-19-bezogenen Kontrollen“. Ob das Covid-Stress-Syndrom eine Anpassungsstörung ist, die nachlassen wird, wenn die Pandemie vorbei ist oder ob sie für einige Einzelpersonen chronisch werden wird, bliebe abzuwarten, so die Forschenden der University of British Columbia.

Auch beim „Cave-Syndrome“ ist es möglich, dass Symptome wie Angst vor sozialer Interaktion nach einer Eingewöhnungsphase wieder verschwinden können. Sollte für Betroffene jedoch auch nach längerer Zeit keine Besserung eintreten oder sich eine psychische Krankheit entwickeln, sollte unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. (Anna Charlotte Groos)

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