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Cannabis wird vor allem bei Schmerzen verordnet

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Von: Pamela Dörhöfer

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In Plantagen werden Hanfpflanzen zu medizinischen Zwecken angebaut.
In Plantagen werden Hanfpflanzen zu medizinischen Zwecken angebaut. © Getty Images

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte stellt die Ergebnisse seiner Erhebung vor.

Frankfurt – Cannabis wird als Arzneimittel vor allem eingesetzt, um Schmerzen zu behandeln, mit großem Abstand folgen Spastiken und Magersucht oder ungewollter Gewichtsverlust. Das ist das Ergebnis des Abschlussberichts des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zum Thema Cannabis als Medizin. Das Institut war 2017 mit dieser Erhebung beauftragt worden, nachdem der Bund die Möglichkeit der Verschreibung von Cannabisarzneimitteln und die Übernahme der Kosten durch die gesetzlichen Krankenkassen rechtlich verankert hatte.

Ärztinnen und Ärzte waren seitdem eigentlich verpflichtet, anonym Daten zu liefern, wenn sie einem Patienten oder einer Patientin eine Therapie mit Cannabinoiden verordnen. Angegeben werden musste unter anderem die Erkrankung, wegen der Cannabis verschrieben wurde, die Dosierung, wie gut die Behandlung angeschlagen hat und welche Nebenwirkungen aufgetreten sind. Die Ergebnisse sollen vor allem als Entscheidungsgrundlage für den Gemeinsamen Bundesausschuss in Bezug auf eine mögliche Kostenübernahme bei weiteren Therapieansätzen mit Cannabinoiden dienen.

Cannabis: Nur Daten zu rund 21.000 Behandlungen sind in den Bericht eingeflossen

Eingeflossen in den Bericht sind trotz fünfjähriger Laufzeit lediglich die Daten zu rund 21.000 Behandlungen mit Cannabisarzneien, was vermutlich nur einem Bruchteil der tatsächlichen Verordnungen entspricht. Darauf deutet auch hin, dass laut der Erhebung die Mittel vornehmlich von Fachärztinnen und Fachärzten der Anästhesiologie (52,2 Prozent) verschrieben wurden, während Hausärztinnen und Hausärzte nur knapp 25 Prozent ausmachten. Diese Daten decken sich jedoch nicht mit denen der Krankenkassen, wonach vor allem Hausärztinnen und Hausärzte Cannabis verschreiben. Das BfArM weist selbst auf diesen Widerspruch hin und äußert als Grund dafür die Vermutung, dass Anästhesisten womöglich konsequenter an der eigentlich verpflichtenden Erhebung teilgenommen hätten und es bei allgemeinmedizinischen Praxen zu einer Untererfassung gekommen sei.

Zu Cannabisarzneien zählen Medikamente mit dem Wirkstoff Dronabinol, die es als fertige Präparate gibt oder die in der Apotheke nach einer bestimmten Rezeptur hergestellt werden, sowie Cannabisblüten. Letztere enthalten in der Regel eine vielfach höhere Dosis an THC (Tetrahydrocannabinol), dem Hauptwirkstoff der Cannabispflanze, der auch für die berauschende Wirkung verantwortlich ist.

Mehr Frauen als Männer bekommen Cannabisprodukte verschrieben

Die Ergebnisse im Einzelnen: In 76,4 Prozent der dokumentierten Fälle verschrieben die Ärztinnen und Ärzte Cannabis, um chronische Schmerzen zu behandeln, bei 9,6 Prozent wurde es gegen Spastiken eingesetzt und bei 5,1 Prozent als Therapie gegen Anorexie/Wasting (Magersucht/ ungewollte Gewichtsabnahme). 14,5 Prozent der Patientinnen und Patienten litten an Krebs, 5,9 Prozent an Multipler Sklerose. Im Durchschnitt waren die Behandelten 57 Jahre alt, wobei insgesamt mehr Frauen als Männer Cannabisprodukte verschrieben bekamen.

In den meisten Fällen – zu 62,2 Prozent – verordneten die Ärztinnen und Ärzte Präparate mit Dronabinol. Das Durchschnittsalter jener, die Cannabisblüten erhielten, war mit 45,5 Jahren jünger, außerdem sind in dieser Gruppe zwei Drittel der behandelten Männer. Cannabisblüten führten dreimal häufiger als Mittel mit Dronabinol zu einer euphorisierenden Wirkung. Sie enthalten eine große Menge an THC und werden zumeist über einen Verdampfer inhaliert, wodurch es zu einem sehr schnellen Anstieg des Spiegels im Blut kommt, der allerdings auch schnell wieder abflacht.

Schwachpunkt der Cannabis-Erhebung: Die geringe Beteiligung der Ärzteschaft

Insgesamt sollen die Cannabinoide bei 75 Prozent der Patientinnen und Patienten eine gute Wirkung erzielt haben. Allerdings traten typische Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel und Übelkeit häufig auf, schwerwiegende Nebenwirkungen wie Depression, Halluzinationen und Sinnestäuschungen hingegen kamen jedoch nur sehr selten vor. Das BfArM betont, dass die Erhebung nicht als klinische Studie verstanden werden dürfe, die Ergebnisse sollten vielmehr die Grundlage für eine solche bieten.

Fachleute sehen vor allem die geringe Beteiligung der Ärzteschaft an der Erhebung als großen Schwachpunkt an. So sagt Franz Petzke, Leiter der Schmerzmedizin an der Universitätsklinik Göttingen, dass die „kleine, unvollständige Stichprobe“ nicht der „Verordnungsrealität“ entspreche. „Wir haben hier womöglich zudem eine Positivauswahl motivierter und qualifizierter Ärzte, die auch dokumentieren, was zu besseren Ergebnissen beitragen könnte.“

Auch Palliativmediziner Winfried Meißner, vom Universitätsklinikum Jena und Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, moniert, dass aufgrund der offenbar mangelnden Repräsentativität Aussagen zu Effektivität und Nebenwirkungen „nicht wirklich möglich“ seien. Es sei „an der Zeit, dass die medizinische Zulassung und Erstattung durch die Solidargemeinschaft von Cannabinoiden auf der Basis hochwertiger Studien erfolgt – wie bei allen Medikamenten – und das derzeitige Procedere eine Übergangslösung bleibt“. (Pamela Dörhöfer)

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