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Willkommen in der Eurobubble? Beim Weg in die Brüsseler Institutionen spielt nach wie vor der soziale Status eine Rolle.
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Willkommen in der Eurobubble? Beim Weg in die Brüsseler Institutionen spielt nach wie vor der soziale Status eine Rolle.

Europa

Brücke nach Brüssel

  • Franziska Schubert
    vonFranziska Schubert
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Menschen, die als erste in der Familie studieren, sind bei der EU, aber auch im Umfeld unterrepräsentiert - eine Initiative will das ändern.

Benedikt Weingärtner hat studiert – als erster in seiner Familie; seine Eltern waren einfache Angestellte bei einer Steuerkanzlei und einer Versicherung. Nun arbeitet er in Brüssel und will andere dazu ermutigen, seinem Beispiel zu folgen. Zusammen mit weiteren Ehrenamtlichen gründete er im Herbst 2019 die Brüsseler Gruppe innerhalb der Organisation „ArbeiterKind.de“, die gezielt jungen Menschen aus nicht-akademischen Familien beim Weg ins Studium helfen will und sie während und nach der Ausbildung unterstützt.

Benedikt Weingärtner ist es geglückt, sich um ein fünfmonatiges Traineeship bei der Europäischen Kommission in Brüssel zu bewerben, das übrigens auch bei anderen Arbeitgebern hoch angesehen ist. „Die Stellen sind sehr begehrt. Und es bestehen hohe Anforderungen, die allerdings Interessierten aus nicht-akademischen oder weniger gut betuchten Familien oft zum Nachteil gereichen“, berichtet Weingärtner. Auslandserfahrung etwa ist gefragt und werde mittels eines Punktesystems bewertet. „Nur können nicht alle Eltern ihrem Kind ein unbezahltes Praktikum in Shanghai finanzieren, auch wenn das im Lebenslauf gut ausschaut“, kritisiert der 30-Jährige.

Weingärtner versucht mit derzeit rund 30 anderen Ehrenamtlichen junge, nicht-privilegierte Menschen zu ermutigen, eine Karriere in Brüssel einzuschlagen. Oft haben die Betroffenen Fragen und Zweifel: Weingärtner kennt das nur zu gut, „wenn man Dinge zum ersten Mal hört, die für Menschen mit akademischen Hintergrund selbstverständlich sind“. Gerade zu Beginn des Studiums verfügen viele „Arbeiterkinder“ nicht über den einschlägigen Wortschatz oder sind mit der Art des Denkens nicht vertraut.

„Ich hatte ein Erweckungserlebnis“, sagt Weingärtner: „Da ist mir klar geworden, dass man sich manchmal selbst im Weg steht, weil man seine Chancen unterschätzt.“ Weingärtner hat Internationale Beziehungen in Eichstätt und Lissabon studiert. Aber erst als ein Betreuer darauf bestanden habe, dass er sich unbedingt am Europa-Kolleg in Brügge bewerben müsse, habe er es am Ende doch gemacht. Obwohl er davon ausging, dass ihn die Hochschule – die als Kaderschmiede für künftige Führungskräfte bei europäischen Institutionen und Verbänden gilt – nicht annehmen würde, klappt es.

Das Netzwerk

Arbeiterkind.de ist eine gemeinnützige Organisation, die seit zwölf Jahren junge Menschen aus nicht-akademischen Familien zum Studium ermutigt und diese davor, währenddessen und danach unterstützt. Mittlerweile engagieren sich mehr als 6000 Freiwillige in mehr als 80 lokalen Gruppen in ganz Deutschland (auch in Frankfurt) und im europäischen Ausland, um mit ihren Erfahrungen jungen Erstakademiker:innen bei Fragen weiterzuhelfen (etwa bei der Fächerwahl, Finanzierung, Auslandssemester, Praktika). Mehr Informationen im Internet unter: www.arbeiterkind.de

Die Brüsseler Gruppe bietet regel-mäßig Informationsveranstaltungen an, unter anderem zu Berufs- und Finanzierungsmöglichkeiten, auch Tipps für Stipendien, Praktika oder zum Bewerbungsverfahren gibt es. Bei Bedarf helfen die Freiwilligen Bildungsaufsteiger:innen auch mittels Eins-zu-Eins-Mentoring; auf Wunsch lesen sie beispielsweise das Motivationsschreiben. Zudem gibt es einen schriftlichen Leitfaden zu den Themen Arbeiten, Studieren und Leben in Belgien. Infos zu den Aktivitäten und Ansprechpartner:innen bei Facebook: @ArbeiterKind.deBruessel oder unter Email: bruessel@arbeiterkind.de isk

„Und erst hinterher habe ich erfahren, dass viele der Studierenden ein Stipendium bekommen, denn nicht alle können für zwei Semester Gebühren in Höhe von rund 16 000 Euro aufbringen.“ Auf dem Campus sind rund 400 Studierende aus 50 Nationen vertreten. „Als ich die Masterarbeit geschrieben habe, betrug das Betreuungsverhältnis von Professorin zu Studierenden eins zu vier. Davon kann man in Deutschland nur träumen.“ Der Abschluss hat ihm die Tür nach Brüssel geöffnet, wo er mittlerweile seit drei Jahren arbeitet; aktuell als Referent beim Europäischen Verband der Luftfahrt-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie.

Gerade junge Leute im persönlichen Kontakt durch Positivbeispiele zu ermutigen, ist ein wichtiger Grund, warum sich Benedikt Weingärtner bei „Arbeiterkind.de“ engagiert. „Unsere Gruppe lädt Gäste ein, um beispielsweise zu zeigen, dass selbst Fluchterfahrung kein Hinderungsgrund sein muss, um bei der EU oder den europäischen Institutionen zu arbeiten.“ Die derzeit virtuellen Informationsveranstaltungen in Kooperation mit Partnerorganisationen treffen auf große Nachfrage, mehr als 100 Personen nahmen daran zuletzt teil. „Auskunft gab detailreich und kompetent unter anderem ein Vertreter des Europäischen Amts für Personalauswahl“, berichtet Weingärtner.

Die Gruppe bietet darüber hinaus ein Mentoringprogramm und konkrete Unterstützung bei Bewerbungsvorhaben an. Weingärtner zieht persönlich „große Befriedigung“ daraus, anderen weiterzuhelfen und die „positiven Auswirkungen auf das Leben und die Karriere“ miterleben zu können. Gerade erst hat er eine Dankesmail erhalten, weil eine Bewerbung erfolgreich war.

„Ich bin überzeugter Europäer, aber ich sehe Mängel bei der sozialen Gerechtigkeit und Mobilität im Brüsseler Europaviertel“, betont Weingärtner. „Als Brückenbauer möchte ich Brüssel daher ein wenig besser machen.“ Mit seiner Gruppe versucht er auch bei den EU-Institutionen und im Umfeld ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Erstakademiker:innen dort unterrepräsentiert sind, was die Gründe sind und was man dagegen tun kann.

„Mehr soziale Diversität im EU-Umfeld kann dazu beitragen, Europapolitik besser zu kommunizieren und Bevölkerungsteile zu erreichen, die die europäische Idee ablehnen oder skeptisch sehen.“ Ganz durchgedrungen sei man mit dem Aufruf aber noch nicht – „auch wenn viele unseren Argumenten generell zustimmen. Dennoch werden weiterhin sozial Privilegierte etwa bei anonymen Bewerbungen aufgrund ihrer Qualifikationen bevorzugt.“

Weingärtner wichtigste Mission bleibt daher, junge Menschen zu ermutigen und sich von vermeintlichen Hürden nicht abschrecken zu lassen.

Benedikt Weingärtner, 30 Jahre, hat die Brüsseler Gruppe von Arbeiterkind.de mitgegründet.

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