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Mitarbeiter der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mit Schaufelradbagger bei Leipzig.

Braunkohle

Die bröckelnde Brückentechnologie

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Der Anteil des Stroms, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird steigt. Doch Wind und Sonne sind nicht immer genug vorhanden. Forscher streiten, wie viel Braunkohle-Strom für eine stabile Versorgung nötig ist.

Wind und auch Sonne erzeugen Strom praktisch gemäß Wetterbericht. Die Einspeisung der grünen Energie lässt sich deswegen recht gut vorausberechnen. Das eigentliche Problem: Gibt es etwa sehr guten Wind oder viel Sonne, ist möglicherweise der Strombedarf nicht so hoch oder bereits durch konventionelle Kraftwerke gedeckt. Oder das Grünstrom-Angebot ist im Keller, und andere Kraftwerke müssen das ausgleichen.

Auf diese Diskrepanz zwischen Erzeugung und Verbrauch des grünen Stroms verweisen Befürworter von Kohlekraftwerken gern, um zu begründen, warum diese nicht so schnell abgeschaltet werden können, wie es vielleicht klimapolitisch nötig wäre. Denn eines ist klar: Würde nach einem Kohleausstieg immer mal wieder das Stromnetz zusammenbrechen, wäre das ein Desaster.

Eine nun veröffentlichte Studie der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) in Cottbus sollte deswegen im Auftrag des brandenburgischen Wirtschaftsministeriums untersuchen, ob die Erneuerbaren schon in fünf Jahren so weit sind, um mit ihnen das deutsche Stromnetz stabil und sicher zu betreiben. Fünf Jahre sind für Kraftwerke keine lange Zeit. Einmal gebaut laufen Kohleblöcke 40 Jahre und mehr. Windkraftanlagen sind für 20 Jahre ausgelegt, können aber, wie erste Erfahrungen zeigen, deutlich länger ihre Rotoren drehen.

Studie kommt auf beunruhigende Zahlen

Die Studie kommt in puncto Versorgungssicherheit für 2023 auf beunruhigende Zahlen: Die heutige gesicherte Kraftwerksleistung über alle Erzeugungsformen hinweg von etwa 90.000 Megawatt werde in den fünf Jahren um 24.000 Megawatt oder mehr als ein Viertel sinken. Sie läge dann bei 66.000 Megawatt – und damit deutlich unter der laut Netzentwicklungsplan zu erwartenden Jahreshöchstlast von 84.000 Megawatt, die an kalten Wintertagen abgefordert wird.

Die Cottbuser Forscher geben zwei Gründe an, warum die „gesicherte Leistung“ um 24.000 Megawatt zurückgehen soll. Erstens den Atomausstieg, der bis zur Abschaltung des letzten AKWs im Jahr 2022 rund 10.000 Megawatt kostet, außerdem die sogenannte Kohlereserve von Braunkohlekraftwerken, durch die bis 2020 etwa 2700 Megawatt eingemottet werden.

Zusammengerechnet ergibt das zwar nicht 24.000, sondern „nur“ 12.700 Megawatt. Um die Differenz zu erklären, verweisen die Studienautoren auf eine „unwirtschaftliche Erlössituation“ für konventionelle Kraftwerke sowie auf das absehbare Ende der Lebensdauer von bestimmten Anlagen. Genaueres ist beim Ministerium in Potsdam auch auf Nachfrage nicht zu erfahren. Der logische Schluss aus den hochgerechneten Daten allerdings liegt, wie es aussieht, auf der Hand: Wenn es 2023 schon so schlecht um die gesicherte Erzeugung steht, erscheint ein weiterer Kohleausstieg undurchführbar. „Die Studie zeigt, dass wir die Braunkohle als Brückentechnologie noch benötigen“, sagt denn auch Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD). Mittelfristig sei eine stabile und sichere Versorgung nicht allein über erneuerbare Energien zu gewährleisten.

Das Herangehen der Forscher aus Cottbus ruft freilich Kritiker auf den Plan. Der Aspekt, ob auch einzelne Braunkohlekraftwerke stillgelegt werden können, werde in der Studie gar nicht untersucht, wendet Hauke Hermann vom Öko-Institut ein. Die BTU analysiere nur, ob man im Jahr 2023 alle fossilen Kraftwerke abschalten könne und dann eine sichere Stromversorgung komplett durch Windkraft und Photovoltaik erbracht werden kann. Das wäre in der Tat, wie Hermann betont, eine Herausforderung, vor allem ohne Neuinvestitionen in andere Speicher und Netze. „Aber die Komplettabschaltung aller fossilen Kraftwerke im Jahr 2023 will ja auch niemand“, wendet der Experte ein.

Die Bundesnetzagentur ging übrigens anders heran als die BTU, als sie vor drei Jahren herausfinden wollte, wie viel konventionelle Leistung gebraucht wird, um Schwankungen im Stromnetz auszugleichen. In einer Studie berechnete sie zunächst eine Mindesterzeugung, die nötig ist, um das Stromnetz regelbar und sicher zu fahren. Diese veranschlagt die Behörde auf gerade mal 3200 bis 4600 Megawatt. Davon unterscheidet sie einen so genannten „konventionellen Erzeugungssockel“, der immer – Tag und Nacht, sommers wie winters – in Deutschland Strom erzeugt und der zwischen 18.800 und 23.600 Megawatt groß ist – in etwa das Sechsfache der Mindesterzeugung.

Dieser „Sockel“ entsteht, weil etwa Kohlekraftwerke auch kontinuierlich Industrie- oder Fernwärme liefern, was eine bestimmte Leistung verlangt. Oder weil Anlagen, statt sie bei einem Überangebot herunterzufahren, weiter Strom erzeugen. „Dies geschieht zumindest so lange, wie die Kraftwerksbetreiber davon ausgehen, dass ein Ab- und Anfahren teurer ist als ein Weiterlaufen und die damit verbundenen vorübergehenden finanziellen Verluste“, erläutert Carsten Pfeiffer vom Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE).

Für Pfeiffer liefert die Studie der BTU sogar Belege dafür, dass die Braunkohle bis 2023 nicht auf das flexibler werdende Energiesystem reagieren wird. „Es überrascht, dass die Studienautoren aus der Inflexibilität der Braunkohlekraftwerke eine technische Notwendigkeit zu ihrem Weiterbetrieb ableiten“, weist er auf den offensichtlichen Zirkelschluss hin. Anders gesagt: Braunkohlekraftwerke brauchen das Netz als gesicherten Absatzmarkt für ihren Strom mehr als dieses den Braunkohlestrom für seinen sicheren Betrieb.

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