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Braunkohleabbau: Grundwasser in Gefahr

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Massive Eingriffe in die Landschaft: Tagebau in der Nähe von Heuersdorf in Sachsen.
Massive Eingriffe in die Landschaft: Tagebau in der Nähe von Heuersdorf in Sachsen. © © epd-bild / Uwe Winkler

Die Umweltorganisation Greenpeace bot dem Energiekonzern Vattenfall an, seine Braunkohlesparte zu übernehmen - ohne dafür zu bezahlen. Vattenfalls Braunkohletagebau in der Lausitz gefährdet Böden und Grundwasser. Jetzt ist sogar die Trinkwasserqualität in Berlin in Gefahr.

Von Friederike Meier und Benjamin von Brackel

Greenpeace hat sein Ziel erreicht. Die Umweltschutzorganisation hatte mit ihrem Interesse an Vattenfalls Braunkohlesparte in der Lausitz die maximale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Um dann bei der Vorstellung seiner formalen Interessensbekundung am Dienstag in Berlin die Katze aus dem Sack zu lassen: Nein, Geld bezahlen wolle man dafür nicht – im Gegenteil: Vattenfall solle stattdessen sogar noch draufzahlen.

Schwedens Greenpeace-Chefin Annika Jacobson rechnete zur Begründung vor, dass der Wert der Tagebaue und Kraftwerke in der Lausitz negativ sei. Allein die Kosten für die Rekultivierung der Böden nach der Schließung der Tagebaue würden sich auf 1,7 Milliarden Euro auftürmen. „Wir können bei der Wiederherstellung der Landschaft eine Schlüsselkompetenz entwickeln, als Vorbild für andere Länder“, sagte sie. Das berge auch eine Chance für die Wirtschaft.

Die Herausforderung ist so gewaltig wie der Schaden, den die Tagebaue angerichtet haben: Um die Braunkohle, die in der Lausitz lagert, abbauen zu können, braucht es einen enormen technischen Aufwand. Die Kohle liegt tief unter Schichten aus Sand, Kies und Ton begraben – diese müssen erstmal zur Seite geschafft werden. Große Bagger schaufeln das Deckgebirge aus dem Weg.

Um die Kohle nun aus der Erde holen zu können, müssen riesige Mengen an Grundwasser abgepumpt werden – etwa 230 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Nach Angaben von Vattenfall sind das pro Tonne Kohle sechs bis sieben Kubikmeter. Dadurch sinkt der Grundwasserspiegel um viele Meter – nicht nur im Tagebau, sondern auch in der Umgebung. Das wirbelt den Wasserhaushalt ganzer Landschaften durcheinander.

Eine Folge: Der im Gestein enthaltene Pyrit – Katzengold – kommt in Kontakt mit Sauerstoff. Es bilden sich Eisenhydroxid und Sulfat. Wird aber keine Kohle mehr abgebaut, steigt das Wasser wieder an. Und Sulfat und Eisenhydroxide gelangen in die Gewässer. Das führt zur sogenannten Verockerung und zur Sulfatbelastung der Flüsse.

Letztere ist in der Lausitz inzwischen so hoch, dass die Trinkwasserqualität im 100 Kilometer entfernten Berlin in Gefahr ist. Das Ausmaß wurde lange unterschätzt. „Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Sulfat und Eisenhydroxide nicht nur aus Kippen, sondern auch aus ungestörten Gesteinsformationen ausgewaschen werden“, sagt Christoph Hinz, Professor für Hydrologie und Wasserressourcenbewirtschaftung an der BTU Cottbus-Senftenberg.

Ein weiteres Problem: Bodenrutschungen. Die sandigen Sedimente in der Lausitz sind stabil, solange die einzelnen Sandkörner Kontakt zueinander haben. Wenn Wasser eindringt, weil Wasserableitungen beseitigt werden, oder es stark regnet, verlieren die Körner den Kontakt – der Boden wird flüssig. 2010 kam es so zu einer Rutschung nahe Lohsa in der Oberlausitz: Östlich des Ortes brachen rund 26 Hektar Boden metertief ein.

All den Problemen will sich nun ein neues Forschungszentrum annehmen. Denn die Rekultivierung der Böden erfordert gebündeltes Wissen. Wenn die Kohle ausgebeutet ist, bleiben tiefe Löcher und Halden zurück. Am einfachsten lässt sich der Schaden kaschieren, indem in die Tagebaue Wasser gepumpt wird.

Die meisten ehemaligen Tagebaue aus DDR-Zeiten sind heute Seen. In manchen Seen wie dem Senftenberger See ist sogar Schwimmen erlaubt. Kurz nach der Flutung ist das Wasser in den Tagebaurestseen durch die Eisenoxide meist noch sehr sauer: Von Schiffen aus wird dann Kalk ins Wasser gestreut, um den PH-Wert auszugleichen.

Schwieriger ist es, die Böden wieder zu beleben. Denn ein ganzes Netzwerk aus Feinwurzelsystemen und Pilzen, die den Pflanzen Nährstoffe liefern, wurde zerstört. All das muss sich von neuem ausbilden. Ein erster Schritt, um den losen Boden wieder zu stabilisieren, ist es, das Sediment zu verdichten – etwa mit Hilfe von Sprengstoff oder Spezialmaschinen, die den Boden schütteln. Bis aber Forst- und Landwirtschaft wieder möglich sind, kann es lange dauern.

Boden nachhaltig geschädigt

„Die nachhaltige Nutzung ist in den durch bodenmechanische Instabilitäten gefährdeten Gebieten noch nicht möglich“, erklärt Hinz. Vattenfall gibt nichtsdestotrotz an, dass auf 1600 Hektar ehemaligem Tagebaugebiet wieder Landwirtschaft betrieben werden könne. Und wirbt zudem damit, dass 30 Millionen Bäume seit 1994 neu gepflanzt wurden.

Allerdings sind das oft die wenig anspruchsvollen Kiefern oder Birken – oder invasive Arten wie die schnell wachsende Robinie wie in der Folgelandschaft des Tagebaus Welzow Süd. Bei Wolkenberg in der Niederlausitz gibt es gar einen künstlich angelegten Weinberg. Um einen Wald wieder aufzuforsten, müssen Maschinen die Flächen der ehemaligen Tagebaue mit einer Lehm-Sand-Schicht von mindestens zwei Metern überziehen, die Flächen planieren, kalken und düngen, den Boden mit Stickstoff und Humus anreichern und dann mit meist ein- bis zweijährigen Bäumchen bepflanzen.

In den Auflagen, welche die Betreiber von Tagebauen erfüllen müssen, ist genau festgelegt, wie viel Fläche sie wieder für Land- oder Forstwirtschaft nutzen sollen. Allerdings klafft Wunsch und Wirklichkeit oft auseinander: „In letzter Zeit hat man festgestellt, dass frühere Sanierungsmaßnahmen nicht funktioniert haben“, sagt Oliver Bens vom beteiligten GFZ in Potsdam.

Zu nachhaltig war der Boden geschädigt worden. Und Hydrologe Hinz weist darauf hin, dass die Lösung der Umweltprobleme noch Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauern könne. „Im Zusammenhang mit Tagebauen spricht man auch nicht von Altlasten, sondern von Ewigkeitslasten“, sagt Hinz. Ob sich Greenpeace sein Angebot in Anbetracht dessen wirklich gut überlegt hat?

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