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ASS und blutdrucksenkende Mittel zählen zu den am häufigsten verordneten Medikamenten weltweit.

Medizin

Blutdrucksenker können Risiko für Darmkrebs senken

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Konträre Studienergebnisse zu verbreiteten Medikamenten / ASS befeuert bei einigen Patienten das Wachstum fortgeschrittener Tumore

Aspirin und Blutdrucksenker zählen zu den am häufigsten eingenommenen Medikamenten überhaupt, viele Millionen Menschen schlucken sie täglich, überall auf der Welt. Ausgerechnet zu diesen so weit verbreiteten Arzneimitteln gibt es seit einiger Zeit konträre wissenschaftliche Aussagen. Dabei geht es nicht um ihre medizinischen Haupteinsatzgebiete, sondern um ihren Einfluss auf andere Krankheiten, insbesondere auf Krebs.

Bei den Blutdruckmitteln stehen in dieser Hinsicht Medikamente aus der Gruppe der ACE-Hemmer und der Sartane im Fokus. Patienten, die sie zur Behandlung von Hypertonie oder Herzinsuffizienz verordnet bekommen, mussten zuletzt auch in Sachen Corona einiges an Verunsicherung aushalten. Vielen Menschen dürften die Meldungen aus dem Frühjahr über widersprüchliche Studienergebnisse zum Einfluss auf Covid-19 noch gut in Erinnerung sein. Es war ein ständiges Hin und Her, ob diese Medikamente das Risiko für einen schweren Verlauf erhöhen oder nicht. Der letzte Stand: Vermutlich wirken sich die Blutdrucksenker bei einer Infektion mit Sars-CoV-2 nicht negativ aus.

In der Vergangenheit standen ACE-Hemmer und Sartane aber auch wiederholt im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen. Eine neue Studie aus Hongkong kommt zu einem gegenteiligen Ergebnis – zumindest, was Darmkrebs angeht. Wie das „Ärzteblatt“ berichtet, werteten Wissenschaftler um Wai Leung von der Universität Hongkong dafür Daten der „Hospital Authority“ aus, die alle staatlichen Kliniken der Stadt verwaltet. Laut der Unterlagen dieser Behörde unterzogen sich zwischen 2005 und 2013 knapp 188 000 Einwohner von Hongkong einer Darmspiegelung. Mit diesem Verfahren – der medizinische Fachbegriff lautet Koloskopie – lassen sich bösartige Tumore und Polypen als mögliche Krebsvorstufen erkennen. Die Forscher sahen sich die Krankenakten aller Patienten an und glichen ab, ob bei den Teilnehmern, die ACE-Hemmer oder Sartane einnahmen, vermehrt Darmkrebs auftrat. Der erste Blick schien einen solchen Zusammenhang nahezulegen: Tatsächlich erkrankten Patienten, die regelmäßig eines dieser Blutdruckmittel schluckten, häufiger an einem bösartigen Darmtumor. Beim genaueren Durchsehen der Akten stellten die Wissenschaftler allerdings fest, dass diese Patienten insgesamt deutlich mehr Krebsrisiken aufwiesen: Sie waren mit durchschnittlich 70,6 Jahren älter als der Rest (Durchschnittsalter 58,9), sie hatten öfter Darmpolypen in ihrer Vorgeschichte – und sie waren häufiger Raucher, wie das „Ärzteblatt“ berichtet.

Berücksichtigte man diese Faktoren, so ergab sich ein anderes Bild: Die Einnahme von ACE-Hemmern und Sartanen soll sich nach Einschätzung der Studienautoren dann sogar positiv ausgewirkt und das Risiko für Darmkrebs um 22 Prozent gesenkt haben. Allerdings konnten die Forscher diesen Effekt nur für die ersten drei Jahre nach der Koloskopie nachweisen.

Noch 2018 hatten Wissenschaftler aus Großbritannien eine Erhöhung des Lungenkrebsrisikos durch die Blutdrucksenker konstatiert. Kritiker monierten damals allerdings, dass – anders als jetzt in der Studie aus Hongkong – zusätzliche Faktoren bei der Auswertung nicht berücksichtigt wurden. So war bei den Patienten, die die Blutdruckmittel einnahmen, der Anteil an Rauchern und Übergewichtigen größer – beides begünstigt Hypertonie und erhöht auch das Krebsrisiko.

ACE-Hemmer und Sartane zählen zu den am häufigsten verordneten Medikamenten gegen Bluthochdruck. Beide zielen auf das Hormon Angiotensin, das normalerweise den Blutdruck erhöht. Sartane wirken, in dem sie den Rezeptor für dieses Hormon blockieren, ACE-Hemmer schalten das Enzym aus, das an der Bildung von Angiotensin wesentlich beteiligt ist. Als häufige Nebenwirkungen können sie Kopfschmerzen, Schwindel und Müdigkeit auslösen, allgemein gelten sie aber als relativ gut verträglich.

Ein mögliches Krebsrisiko insbesondere durch Sartane stand bereits seit 2003 im Raum, als US-amerikanische Wissenschaftler bei der sogenannten Charm-Studie mit 40 000 Teilnehmern unerwartet ein signifikant erhöhtes Vorkommen von Krebsfällen feststellten. Die Probanden hatten im Mittel knapp fünf Jahre lang die Präparate Losartan oder Telmisartan zur Blutdrucksenkung eingenommen.

Die Diskussion hielt Jahre an, bis die US-Arzneimittelbehörde 2010 die Bedenken als unbegründet einstufte. 2012 kam dann auch der EMA (European Medicines Ageny)-Ausschuss für Humanarzneimittel zu der Einschätzung, dass Sartane das Krebsrisiko nicht erhöhen. Noch vor Veröffentlichung der britischen Studie zum vermeintlich erhöhten Lungenkrebsrisiko gab es dann Mitte 2018 die nächsten Schlagzeilen: In einigen Sartanen fand man Verunreinigungen in Form von Nitrosaminen, die als wahrscheinlich krebserregend eingestuft werden. Die Europäische Arzneimittelagentur hatte die betroffenen Chargen daraufhin vom Markt genommen.

Auch zur Acetylsalicylsäure (ASS), besser bekannt als Aspirin, gibt es widersprüchliche wissenschaftliche Ergebnisse. Primär wird der entzündungshemmende Wirkstoff gegen Schmerzen oder auch als „Blutverdünner“ zur Prophylaxe von Thrombosen, Herzinfarkt und Schlaganfall eingesetzt. Vor einigen Jahren kam zudem die Hoffnung auf, ASS könne eine gewisse schützende Wirkung vor Krebs entfalten. Verschiedene Studien, bei denen es eigentlich um den Schutz vor Gefäßerkrankungen ging, schienen auf diesen „Nebeneffekt“ hinzudeuten. So kam heraus, dass sich unter der Einnahme von Acetylsalicylsäure seltener Darmpolypen bildeten, aus denen sich mit der Zeit bösartige Tumore entwickeln können. Allerdings waren die Teilnehmer dieser Studien allesamt jüngere Menschen. Deshalb sollte in weiteren Untersuchungen geklärt werden, ob sich der schützende Effekt vor Darmkrebs auch bei über 70-Jährigen einstellt. Das Gegenteil war der Fall: So schien die Einnahme von ASS sogar zu einem Anstieg der Todesfälle durch Krebs zu führen.

Wie das „Ärzteblatt“ berichtet, haben US-Wissenschaftler des Massachusetts General Hospital die Daten aus der Studie noch einmal genauer analysiert. Sie kamen zu einem differenzierten Ergebnis: Demnach erhöhte die Einnahme von Acetylsalicylsäure das Risiko, neu an Krebs zu erkranken, nicht signifikant. Allerdings beschleunigte das Arzneimittel bei Patienten, die bereits krebskrank waren und schon Metastasen gebildet hatten, das Wachstum fortgeschrittener Tumore. Laut „Ärzteblatt“ vermuten die US-Forscher, dass die entzündungshemmende Wirkung von ASS dafür verantwortlich ist. Sie könnte das körpereigene Immunsystem bei der Abwehr von Krebszellen behindern. Warum das jedoch vor allem bei älteren Menschen passiert und auch erst dann, wenn der Krebs bereits fortgeschritten ist – darauf haben die US-Forscher noch keine Antwort. Derzeit beschäftigen sich mehrere weitere Studien mit der Frage, ob und wie ASS das Krebsrisiko beeinflusst. Im Fokus steht dabei insbesondere die Wirkung auf das Wachstum von bösartigen Tumoren des Darms, der Brust, der Prostata und des Magens.

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