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Verunsicherung bei Patienten: Welche Blutdruck-Werte sind noch ok?

Blutdruck

Manchmal ist höher auch gesünder

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Charité-Forscher stellen die gängigen Blutdruck-Grenzwerte in Frage – zumindest für manche Patienten. 

Wie hoch darf mein Blutdruck denn nun sein, damit es meiner Gesundheit nicht schadet? Das mögen sich viele Nicht-Mediziner angesichts der zahlreichen Meldungen zu diesem Thema aus der jüngeren Vergangenheit fragen. Im Allgemeinen gilt seit einigen Jahren ein oberer Wert von 120 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) und ein unterer Wert von etwa 80 als optimal. Allerdings ist unter Experten umstritten, ob diese niedrige Zielmarke – die den Werten eines gesunden jungen Erwachsenen entspricht – auch für ältere Menschen gelten soll. Studien kamen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen, und auch die großen internationalen Fachgesellschaften sind in dieser Frage uneins.

Wissenschaftler der Charité-Universitätsmedizin stellen nun gleich mehrere gängige Annahmen in Frage. Statt einer starren Orientierung an Leitlinien und Grenzwerten legen sie eine individuelle Einstellung des Blutdrucks nahe. Bei einer knapp zehn Jahre dauernden Beobachtungsstudie stellten die Forscher fest, dass der Blutdruck von Menschen, die älter als 80 Jahre sind, und Patienten, die bereits einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten haben, nicht unter einen Wert von 140/90 mmHg und schon gar nicht auf unter 130/90 mmHg eingestellt werden sollte. Das bringt nach Erkenntnis der Berliner Wissenschaftler nicht nur nichts, sondern soll sogar das Sterberisiko erhöhen. Die Studie wurde im „European Heart Journal“ veröffentlicht.

Grundlage der Analyse waren die epidemiologischen Daten von mehr als 1600 Frauen und Männern, die zu Beginn der Studie im Jahr 2009 mindestens 70 Jahre alt waren und blutdrucksenkende Medikamente einnahmen. Das Team der Charité unter der Leitung von Elke Schäffner, stellvertretende Direktorin des Instituts für Public Health, hatte die Teilnehmer alle zwei Jahre zu ihren Erkrankungen und Medikamenten befragt, Blutdruck und Nierenfunktion gemessen sowie Blut und Urin analysiert.

Nach sechs Jahren untersuchten die Wissenschaftler mit statistischen Methoden, inwieweit der zu Beginn der Studie gemessene Blutdruck mit Todesfällen in Zusammenhang stand. Dabei wurden auch Faktoren wie Geschlecht, Body-Mass-Index, Raucherstatus, Alkoholkonsum, Diabetes und die Anzahl der eingenommenen blutdrucksenkenden Mittel berücksichtigt.

Das überraschende Resultat: Ein Blutdruck niedriger als 140/90 mmHg wirkte sich tendenziell eher schädlich aus: Wurde der Blutdruck auf solche Werte gesenkt, so war das Sterberisiko bei den über 80-Jährigen um 40 Prozent höher als bei den gleichaltrigen Teilnehmern mit höheren Werten – die nach den gängigen Einteilungen damit bereits unter Bluthochdruck litten.

Noch schockierender war das Ergebnis bei jenen Studienteilnehmern, die in der Vergangenheit bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hatten. Bei Frauen und Männern mit einem Blutdruck unter 140/90 mmHg stieg das Sterberisiko sogar um 61 Prozent im Vergleich zu jenen Teilnehmern, deren Blutdruck trotz medikamentöser Behandlung hartnäckig oberhalb dieses Grenzwertes blieb. Nach den gängigen Vorstellungen hätte bei dieser Gruppe die Gefahr für einen erneuten Schlaganfall oder Herzinfarkt erhöht sein müssen.

„Unsere Ergebnisse machen deutlich, dass die Behandlung eines erhöhten Blutdrucks bei diesen Patientengruppen individuell angepasst werden sollte“, sagt Antonios Douros vom Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Charité und Erstautor der Studie. Er betont auch: „Wir sollten davon abkommen, die Empfehlungen der Fachgesellschaften pauschal bei allen Patientengruppen anzuwenden.“

Der ideale Blutdruck ist ein Dauerthema der modernen Medizin. Im Fokus steht dabei vor allem der obere – systolische – Wert. Als Systole bezeichnen Mediziner die Anspannungs- und Auswurfphase des Herzens, bei der das Blut aus dem Herzen herausgepresst wird. Der untere – diastolische – Wert bezieht sich auf die Diastole, die angibt, wie viel Blut zurück in die Herzkammern strömt, während das Herz sich entspannt und füllt.

In den vergangenen Jahrzehnten war die Richtung bei den Grenzwerten stets nach unten gegangen. Galt vor Jahrzehnten für den oberen Wert noch die Formel 100 plus Lebensalter, so liegen die Zielwerte heute weit darunter. Den bisherigen „Tiefpunkt“ setzte im Jahr 2015 die Sprint-Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass es am besten sei, den oberen Wert auf unter 120 mmHg zu drücken.

Als optimal gilt nach Einteilung der Weltgesundheitsorganisation WHO, der European Society of Cardiology und der Deutschen Hochdruckliga ein Wert, der leicht unter 120/80 mmHg liegt, aber auch Werte von 120 bis 129 zu 80 bis 84 mmHg gehen noch als normal durch. Werte von 130 bis 139 zu 85 bis 89 mmHg werden als „hochnormal“ eingestuft und müssen noch nicht mit Hilfe von Tabletten behandelt werden. Für Menschen ab 65 Jahren gelten in Europa bislang Werte unter 140/90 mmHg als Ziel einer medikamentösen Blutdrucksenkung. US-amerikanische Fachgesellschaften empfehlen bei dieser Altersgruppe neuerdings sogar eine Einstellung des Blutdrucks auf unter 130/80 mmHg.

Zuletzt hatten bereits Wissenschaftler der Technischen Universität München und des Helmholtz-Zentrums Zweifel angemeldet, ob bei solchen Werten eine medikamentöse Behandlung sinnvoll oder nicht doch eher kontraproduktiv ist. Die Münchner Forscher argumentierten damit, dass die frühe Einnahme von Medikamenten gegen Bluthochdruck negative Folgen für die Psyche nach sich ziehen könnte und damit letztlich eher der Herzgesundheit schaden könnte. Medizinkritiker wie der Arzt und Buchautor Gerd Reuther („Der betrogene Patient“) wenden sich seit Längerem gegen die stetig sinkende Grenzwerte und pauschale Empfehlungen, den Blutdruck auf bestimmte Werte zu drücken.

Die Mediziner der Charité wollen ihre Untersuchungen fortsetzen und als nächstes nun überprüfen, welchen Patienten die medikamentöse Senkung des Blutdrucks tatsächlich etwas bringt.

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