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Fremdes Blut hält Dracula am Leben: Christopher Lee als Untoter.

Wissenschaft

Was Dracula mit der modernen Medizin zu tun hat

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Bram Stokers Roman „Dracula“ bietet nicht nur Grusel, sondern spiegelt auch den Umbruch bei den Wissenschaften im späten 19. Jahrhundert.

Dracula, das ist doch nur eine Schauergeschichte, weltberühmt zwar, aber mitnichten Weltliteratur, eher B-Klasse. Oder? Bram Stoker, der Erschaffer des blutdurstigen Grafen aus Transsylvanien, war in der Tat kein begnadeter Erzähler, dem tiefgründige Charaktere und eine komplexe Handlung gelungen wären. Und doch bietet „Dracula“ mehr Lesarten als nur den oberflächlichen Horror.

So spiegelt der 1897 veröffentlichte Roman auch die gewaltigen Umbrüche dieser Epoche und die damit verbundenen Unsicherheiten, bedingt durch eine damals rasant fortschreitende Entwicklung von Technik und Wissenschaften. Es war die Zeit der großen Industrialisierung. In den Haushalten der reichen westlichen Welt hielten Elektrizität und mit ihr künstliches Licht Einzug, Eisenbahnen verkehrten in ungewohnter Geschwindigkeit von hier nach dort, Nachrichten ließen sich in Windeseile per Telegramm übermitteln. In großen Städten entstanden Abwassersysteme und Schlachthöfe, was die hygienischen Bedingungen deutlich verbesserte.

Infektionskrankheiten waren in Europa für die meisten Todesfälle verantwortlich

Vor allem auch für die Medizin bedeutete das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert eine Zeitenwende, eine Zäsur bisher nicht gekannten Ausmaßes: Rudolf Virchow verdrängte als Begründer der modernen Pathologie und Vertreter einer streng naturwissenschaftlich orientierten Medizin die bis dahin geltende Lehre von den Körpersäften.

Die Bedeutung von Bakterien als Krankheitserreger wurde erkannt, Wissenschaftler wie Louis Pasteur, Robert Koch, Emil von Behring und Paul Ehrlich schufen mit ihren Entdeckungen die Grundlage, um Infektionskrankheiten einzudämmen, die bis dahin in Europa für mehr als die Hälfte der Todesfälle verantwortlich waren. Immer mehr Medikamente und Impfungen wurden entwickelt. Zusammen mit einer besseren Hygiene sorgte das dafür, dass in den Industrieländern die Lebenserwartung Ende des 19. Jahrhunderts drastisch stieg.

Bei „Dracula“ steht London für die moderne Metropole dieser Zeit schlechthin, sagt Kurt Schmidt. Er arbeitet als Medizinethiker am Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt und hat sich intensiv mit den medizinischen Aspekten in Stokers Roman beschäftigt. Am Montag, 4. November, liest in der Evangelischen Akademie Frankfurt die Schauspielerin Mechthild Großmann, bekannt als rauchende Staatsanwältin mit tiefer Stimme aus dem „Tatort“ Münster, Passagen aus dem Buch vor. Kurt Schmidt und Klaus Lewandowski, Intensivmediziner aus Berlin, liefern Kommentare dazu.

Immobiliengeschäft mit dem Grafen Dracula

„Indem wir als Leser den Rechtsanwalt Jonathan Harker begleiten, der von seiner Londoner Kanzlei nach Transsylvanien geschickt wird, um dort dem mysteriösen Grafen Dracula ein Immobiliengeschäft zu unterbreiten, erfahren wir zugleich von einem Europa der zwei Geschwindigkeiten“, schreibt Schmidt in einem Aufsatz zu Stokers Romans. Als sinnbildhaft für diesen Gegensatz gilt dem Medizinethiker die Schilderung der Reise Harkers: „Sie beginnt im modernen London mit der Eisenbahn, gefolgt vom Dampfschiff und entschleunigt sich immer mehr, je weiter er Richtung Osten fährt.“

Am Ende ist der Jurist in Transsylvanien im heutigen Rumänien mit der Postkutsche unterwegs und muss in einem nur von Kerzen beleuchteten Schloss übernachten, unter einem Dach mit Graf Dracula. Der Mann aus der fortschrittlichen Millionenstadt ist in einer Welt angekommen, in der Mystik und Magie noch eine große Rolle spielen, in der technische und medizinische Errungenschaften nicht zählen.

Im Blut steckt die Lebenskraft

Der Vampir als Protagonist dieser vormodernen Welt ernährt sich vom Blut anderer Lebewesen, es schenkt ihm Vitalität und versetzt ihn in die Lage, sich verjüngen zu können. Als Leser des Romans und mehr noch Zuschauer eines der vielen Dracula-Filme nimmt man das zuallererst nur als schaurig wahr, es ist ja auch das zentrale Gruselmoment. Doch dahinter steht die uralte Idee, dass im Blut die Lebenskraft steckt, dass dem roten Saft geradezu magisches Potenzial innewohnt.

Bis heute glauben Menschen daran, sich durch Blut verjüngen zu können – etwa mit einer bezeichnenderweise „Vampir-Lifting“ genannten Methode. Dabei wird eigenes Blut entnommen, aufbereitet und anschließend in die gewünschten Stellen injiziert. Eine andere, vor allem von Naturheilkundlern praktizierten Methode ist die Eigenblutinjektion: Sie setzt darauf, mit entnommenem und dann unbehandelt wieder gespritztem Blut die Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Dracula - ein Leben als Untoter mithilfe von Blut

Bram Stokers Vampir führt seit Jahrhunderten mit Hilfe von Blut ein „Leben“ als Untoter. Als er zum Schluss endlich stirbt, wird das auch für ihn als erlösend beschrieben, ein friedvoller Ausdruck soll auf seinem Gesicht gelegen haben, bevor er zu Staub zerfällt. „Dracula steht auch für die Tragik eines nicht enden wollenden Lebens“, sagt Kurt Schmidt – eine Facette des Buches, die er gerade in der Gegenwart als durchaus relevant ansieht.

Blut als Lebenselixier ist ein zentrales Motiv des Romans – und das nicht nur im mystischen Sinne, sondern auch in naturwissenschaftlich-medizinischem. So überträgt Draculas Gegenspieler, der schillernde Arzt und Universalgelehrte Abraham van Helsing, der gebissenen Lucy das Blut eines Freundes in der Hoffnung, sie dadurch zu kurieren. Der Professor sucht sich dafür den robustesten Mann aus dem Bekanntenkreis aus, „wohl wissend, dass der Entzug großer Mengen Blutes den Körper des Spenders erheblich schwächen wird“, erklärt Schmidt.

Die Idee, mit fremdem Blut zu heilen, haben Mediziner bereits verfolgt, seit William Harvey 1628 den Blutkreislauf entdeckt hatte: zuerst von Tier zu Tier, dann sogar von Tier zu Mensch (eine fast noch gruseligere Vorstellung als ein Vampirbiss). „Man übertrug zum Beispiel einem bissigen Hund Schafsblut in der Erwartung, dass er dadurch gezähmt würde“, erzählt Schmidt. Auch zerstrittene Ehepaare versuchte man so wieder zu versöhnen – wobei sich das Problem dann meist auf andere Weise erledigte … Da viele solcher Versuche tödlich verliefen, wurden sie in verschiedenen Ländern verboten.

Dracula steht im Roman für das Böse

Auch bei „Dracula“ bleibt die Therapie erfolglos, Lucy ist bereits zu stark infiziert und wird selbst zur Untoten. Was Bram Stoker indes noch nicht ahnen konnte, war die Tatsache, dass auch die Bluttransfusionen selbst eine besondere Gefahr bergen – dann, wenn die Blutgruppen von Spender und Empfänger nicht kompatibel sind. 1897 wusste man noch nicht, dass es verschiedene Blutgruppen gibt, das AB0-System wurde erst drei Jahre später von dem österreichischen Pathologen, Hämatologen und Serologen Karl Landsteiner entdeckt, der dafür 1930 der Medizinnobelpreis erhielt.

„Medizinhistorisch betrachtet waren die Gefahren der Bluttransfusion auch danach noch nicht völlig gebannt“, sagt Kurt Schmidt. Denn auch bei einer Verträglichkeit der Blutgruppen können auf diese Weise Krankheiten übertragen werden, eines der bekanntesten Beispiele aus dem 20. Jahrhundert betrifft das HI-Virus.

Dracula steht im Roman (anders als in Francis Ford Coppolas Verfilmung von 1992) für das Böse, den Widersacher der Menschen. Im Rumänischen bedeutet „Drac“ Teufel, „Draculea“ Sohn des Teufels. Auch hier bezieht Stoker Erkenntnisse der Wissenschaft über Straftäter und Kriminelle mit ein. So erstellt van Helsing – ganz modern – ein Täterprofil. „Dabei benutzt er die wissenschaftlichen Arbeiten des italienischen Psychiaters Cesare Lombroso, dem Begründer der Kriminalanthropologie “, erzählt Kurt Schmidt.

Theorie des „geborenen Verbrechers“

Dessen Theorie des „geborenen Verbrechers“, der aufgrund körperlicher Merkmale zu identifizieren sein soll, wurde zwar recht schnell widerlegt, doch sie hatte auch fatale Folgen. Nachhaltig prägte sie die Darstellung von Mördern und anderen Missetätern in der Literatur und im Film. Bis heute ist der Gedanke, dass einigen Menschen die Grausamkeit und ein Hang zu kriminellem Handeln „in die Wiege“ gelegt sind, nicht vollständig aus den Köpfen verschwunden. Ebenso wenig wie die Vorstellung, dass man jemand ansehen müsste, zu welch schlimmen Taten er fähig ist. So glaubte van Helsing, in Draculas Gesicht dessen verbrecherische Anlagen zu erkennen.

Letztlich reicht die reine Naturwissenschaft aber nicht aus, um den Wiedergänger zu besiegen. „Die modernen Mittel helfen nur bedingt, es braucht dazu auch noch die alten Mittel wie Rituale, religiöse Symbole und eine gute Portion Aberglauben“, erklärt Kurt Schmidt. „Rettung gibt es nur im Zusammenspiel aller Methoden.“ Ist das eine Botschaft, über die es sich nachzudenken lohnt? „Es wirkt nicht nur das, was durch Studien bewiesen wurde“, sagt der Medizinethiker. „Die eine, absolute Wahrheit gibt es auch in der Medizin nicht.“

Unter dem Titel „Blut – Elixier des Lebens“ liest die Schauspielerin Mechthild Großmann am Montag, 4. November, in der Evangelischen Akademie Frankfurt, Römerberg 9, aus Bram Stokers Roman „Dracula“. Kurt Schmidt und Klaus Lewandowski kommentieren. Beginn ist um 18.30 Uhr. Anmeldung ist erforderlich und möglich unter www.evangelische-akademie.de.

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