Einsamkeit kann krank machen, die Angst vor der Angst auch.
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Einsamkeit kann krank machen, die Angst vor der Angst auch.

Phobien

Bloß nicht im Mittelpunkt stehen

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Die Angst vor der Angst: Eine Studie an der Uni Frankfurt beschäftigt sich mit sozialen Phobien.

Alleine sein, sich selbst beschäftigen – darin müssen sich viele derzeit üben. Besonders für solche Menschen, die gerne jede freie Minute in Gesellschaft verbringen, wird die Einsamkeit zur Last. Eine gute Zeit also für Menschen mit Sozialer Phobie, für die soziale Interaktion anstrengend und ängstigend sind? Nein, denn langfristig sei das Gegenteil der Fall, sagt Celina Clément, Psychologin und Therapeutin, die aktuell eine Studie an der Frankfurter Goethe-Universität zu Sozialer Angststörung durchführt. Die Studie untersucht die Effektivität unterschiedlicher Ansätze einer Verhaltenstherapie.

„Durch das Social Distancing sind Personen, die unter einer sozialen Angststörung leiden, weniger mit ihren Ängsten konfrontiert, weil viele dieser Situationen wegfallen“, sagt Clément. Gleichzeitig könnte es sein, dass Betroffene sich ihren Ängsten dieser Tage viel deutlicher bewusst werden. „Es ist ja nicht so, als hätten Menschen mit sozialer Phobie kein Bedürfnis nach Gesellschaft.“ Sie neigen aufgrund ihrer Ängste nur zu einem sehr passiven Interaktionsverhalten. „Kurzfristig kann das Abstandhalten auf sie also erleichternd wirken. Wenn dieser Zustand jedoch über einen längeren Zeitraum anhält, ist Isolation die Konsequenz.“

Die Soziale Angststörung oder Soziale Phobie ist eine der häufigsten Angststörungen, von der etwa vier Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Die „Lebenszeit-Prävalenz“, das ist der Anteil der Bevölkerung, der im Laufe des Lebens einmal unter dem Störungsbild leidet, liegt zwischen sieben und zwölf Prozent. „Im Laufe eines Jahres entwickeln etwa sechs bis acht Prozent der Bevölkerung eine soziale Phobie, die Einjahres-Prävalenz“, sagt die Psychologin, allerdings „in sehr unterschiedlichem Ausmaß.“ Meistens zeichne sich der Beginn der psychischen Störung bereits in der Jugend ab, durchschnittlich zwischen dem zehnten und dreizehnten Lebensjahr.

„Im Mittelpunkt stehen bereitet einem Angst“, beschreibt Clément das Störungsbild. Schon die Aufmerksamkeit von jemandem bei sich zu wissen reiche oft aus: einen Vortrag halten, Smalltalk führen, neu zu einer Gruppe dazuzustoßen oder beim Essen oder Schreiben beobachtet werden. „Sich in diesen Situationen beschämend zu verhalten, etwas Unpassendes zu sagen oder langweilig zu wirken, löst bei Menschen mit Sozialer Phobie Angst aus.“ Gesteigert würde das bei der Vorstellung, die Nervosität könnte durch Röte im Gesicht oder Zittern sichtbar werden.

Um diese unangenehmen Gefühle zu umgehen, meiden Betroffene – bewusst oder unbewusst – diese Situationen häufig. „Das hat zur Folge, dass sie soziale Kontakt einschränken oder beruflich nicht so weit kommen, wie sie könnten oder wollen, manchmal auch gar keinen Beruf ausüben.“

Für das Forschungsprojekt der Frankfurter Goethe-Universität werden noch rund 30 Personen gesucht, die zu einer Therapie bereit sind, sich in diesem Krankheitsbild wiedererkennen oder bei denen bereits eine soziale Angststörung diagnostiziert wurde. Die Wartezeit bis Therapiebeginn verkürze sich durch die Studienteilnahme um etwa die Hälfte; wie bei jeder Verhaltenstherapie übernehmen die Krankenkassen die Kosten. „Es gibt keine Placebogruppe, alle Studienteilnehmer werden mit einer wirksamen Methode therapiert“, verspricht Clément. „Welche das ist, dürfen die Teilnehmer sich aber nicht aussuchen.“

Die eine Methode nehme Techniken zur Selbstwertstabilisation in den Fokus und wende eine „eher verbale Strategie“ an. Die andere arbeite vor allem mit Verhaltensexperimenten, in denen die Betroffenen – unter behutsamer Vorbereitung mit dem Therapeuten – bewusst alltägliche Situationen aufsuchen, die sie ängstigen.

Eine typische Herangehensweise sei dabei der Einsatz einer Kamera: Patienten werden in entsprechenden Situationen gefilmt und können hinterher selbst überprüfen, ob ihre Ängste überhaupt angebracht sind. „Viele fragen sich nach jedem Wort und jedem Satz: Wie hat sich das jetzt wohl angehört? Habe ich da jetzt etwas Falsches gesagt? War die Wortwahl daneben? Sieht man, dass ich nervös bin? Regiert das Gegenüber so, weil ich…?“ Oft seien die Patienten beim Videoabgleich überrascht, sagt Clément, dass viele ihrer Befürchtungen nicht eintreten oder bestimmte Eindrücke eben nur subjektiv sind. Bei beiden „kognitiven Verhaltenstherapien“ stehe im Zentrum, welche Gedanken und welche Verhaltensweisen dazu führen, dass die Angst aufrechterhalten wird. Ziel sei, die „objektive Selbstaufmerksamkeit“ zu schulen und Gedanken umzustrukturieren.

Corona bringt für Menschen mit Angststörung besondere Tücken mit sich: „Im aktuellen Alltag ergeben sich soziale Situationen seltener automatisch. Wer Kontakt möchte, muss diesen aktiv suchen“, sagt die Therapeutin. Für Menschen mit sozialen Ängsten ein Kraftakt der Überwindung – der sich auch im Digitalen zeigt.

Für Telefongespräche ist das problematisch, wenn es sich um notwenige Anrufe bei Behörden oder Ärzten handelt, die deshalb nicht erledigt werden. Aber auch in den sozialen Medien und bei den Messengern – im Beruf wie im Privaten – würde oft lange gegrübelt: Poste ich das jetzt? Kann ich die Nachricht so abschicken? Könnte ich etwas Falsches oder Peinliches sagen?

„Betroffene haben immer den Impuls sich zurückzuziehen“, sagt Clément. Deshalb der wichtigste Tipp: Den Kontakt suchen, sich mit ängstigenden Situationen konfrontieren und sich nicht so stark von negativen Gedanken und Gefühlen leiten lassen – oder im Fall, dass dies nicht alleine gelingt, therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.

Das Zentrum für Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt nimmt Montag bis Freitag, jeweils von 11 bis 13 Uhr Anrufe unter der Nummer 069/ 798 25102 entgegen, Ansprechpartnerin ist Celina Clément, sie ist auch per E-Mail zu erreichen unter: clement@psych.uni-frankfurt.de.

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