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Eine Fraktur im höheren Alter ist häufig die Auftakt für eine bleibende Behinderung. 

Medizin

Oft bleibt es nicht bei einem Bruch

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Zwei Studien zeigen: Die Versorgung von Osteoporose-Patienten in Deutschland ist schlecht.

Menschen, die einen Knochenbruch aufgrund von Osteoporose erlitten haben, erhalten in Deutschland in den meisten Fällen keine ausreichende medizinische Nachsorge. Das ist das Ergebnis einer Studie, die auf der Auswertung der Daten von drei Millionen Versicherten der Krankenkasse AOK basiert. „Nach der Fraktur ist leider allzu oft vor der Fraktur“, sagt Leit- autor Peyman Hadji vom Hormon- und Osteoporosezentrum Frankfurt: „Wer unter Osteoporose leidet, hat vor allem im ersten Jahr nach einem Bruch ein Risiko von 15 bis 20 Prozent, sich erneut etwas zu brechen. Das ist erschreckend hoch und darin begründet, dass die Osteoporose als eigentliche Ursache nicht behandelt und beobachtet wird.“ So erhielten lediglich 40 Prozent der über 50-jährigen Frauen nach einer ersten durch Osteoporose bedingten Fraktur eine prophylaktische Therapie, um einem zweiten Bruch vorzubeugen.

Frauen sind für Osteoporose anfälliger als Männer. Grundsätzlich handelt es sich um eine Erkrankung des höheren Lebensalters, die mit einem Verlust an Dichte und Veränderungen in der inneren Architektur der Knochen einhergeht. Männer sind durch ihr Geschlechtshormon Testosteron besser davor geschützt, während bei Frauen in den Wechseljahren die Produktion von Östrogen versiegt und dessen protektive Wirkung verloren geht. Bei ihnen steigt deshalb das Risiko nach der Menopause deutlich: Jede zweite Frau über 55 müsse damit rechnen, sich im Laufe ihres weiteren Lebens etwas zu brechen, sagt Hadji. Bei Männern steigt diese Gefahr erst ab einem Alter von etwa 70 Jahren.

6,3 Millionen Bundesbürger leiden an Osteoporose

Aber auch bestimmte Medikamente können sich negativ auf die Stabilität der mehr als 200 menschlichen Knochen auswirken. Dazu gehören die häufig allzu sorglos eingenommenen Säureblocker bei Magenproblemen und kortisonhaltige Präparate. Chemo- und Strahlentherapien belasten die Knochen ebenfalls.

Insgesamt leiden nach Angaben des Dachverbandes Osteologie rund 6,3 Millionen Bundesbürger unter Osteoporose, Tendenz steigend. Auf das Konto dieser Erkrankung gingen allein 2017 rund 765 000 Knochenbrüche in Deutschland. Sie belasteten das Gesundheitssystem mit 11,3 Milliarden Euro, sagt Cyrus Cooper, Präsident der International Osteoporosis Foundation. Da der Anteil älterer Menschen stetig wächst, werden in Zukunft auch die Frakturen zunehmen: Peyman Hadji geht für das Jahr 2030 von einer Million Brüche durch Osteoporose und einer Steigerung der Kosten um mehr als 20 Prozent auf 13,9 Milliarden Euro aus.

Die aktuelle Studie zur Versorgung in Deutschland ist die erste seit zehn Jahren; ihr Ergebnis deckt sich mit einer Analyse der International Osteoporosis Foundation, in der die Situation in Europa betrachtet wird. Beide Arbeiten werden Thema beim Jahreskongress Osteologie am 30. März in Frankfurt sein.

Nirgends auf der Welt ist die Rate der Knochenbrüche durch Osteoporose so hoch wie in den skandinavischen Ländern. Die Gründe dafür seien unbekannt, heißt es in der Studie der International Osteoporosis Foundation. Experten vermuten einen Zusammenhang mit einer geringen Kalziumzufuhr und einem verbreiteten Vitamin-D-Mangel, der entsteht, wenn die Haut wenig Sonne abbekommt. Beide, Kalzium und Vitamin D, sind wichtig für die Stabilität der Knochen. Auch der Wohlstand in diesen Ländern und die damit verbundene Abnahme körperlicher Arbeit könnten eine Rolle spielen.

Auch in Deutschland ist das Osteoporose-Risiko hoch, es liegt etwa gleichauf mit dem in Schweden, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. In all diesen Ländern klafft laut der Studie der International Osteoporosis Foundation „eine große Nachsorgelücke“. „Oft wird ein Bruch chirurgisch gut versorgt, aber danach passiert nichts mehr“, sagt Peyman Hadji, der bei der anstehenden Tagung als Kongresspräsident fungieren wird. Dabei wäre es wichtig, den Zustand der Knochen über regelmäßige Untersuchungen von Dichte und Struktur im Auge zu behalten und mit Medikamenten dem weiteren Abbau entgegenzusteuern. Dafür stünde heute eine Vielzahl unterschiedlicher Mittel zur Verfügung. Sie könnten Osteoporose zwar nicht heilen, aber ihren Verlauf verlangsamen, ausbremsen oder bestenfalls den Abbau teilweise rückgängig machen.

Gefahr einer dauerhaften Behinderung

Stattdessen setze sich nach einem Bruch und umso mehr nach einem Folgebruch häufig ein „Teufelskreis“ in Gang, sagt Hadji: „Viele können sich nicht mehr gut bewegen, haben Schmerzen und Angst, wieder hinzufallen und sich erneut etwas zu brechen. Dadurch nimmt ihre Mobilität stetig ab – was dann dazu führt, dass die Knochen weiter abgebaut werden und zudem auch die Muskeln. Das wiederum erhöht die Sturzgefahr.“ Viele dieser Patientinnen und Patienten zögen sich sozial zurück, könnten nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr arbeiten. Laut der Studie der International Osteoporosis Foundation ereilt ein Bruch durch fragile Knochen rund 20 Prozent der betroffenen Frauen noch vor dem Ruhestand.

Insbesondere älteren Menschen drohe durch eine Fraktur eine dauerhafte Behinderung, schlimmstenfalls in der Folge sogar der Tod durch eine Thrombose, die sich durch monatelanges Liegen und Sitzen entwickeln könne, sagt Hadji. Am folgenschwersten in dieser Hinsicht wirkten sich Frakturen der Hüfte, der Wirbelkörper und des Oberschenkelhalses aus.

Nach der koronaren Herzkrankheit, Demenz und Lungenkrebs stelle die Osteoporose die vierthäufigste Ursache für eine chronische Erkrankung in Deutschland dar, heißt es in der Studie der International Osteoporosis Foundation. Deren Autoren sehen „unzählige Verbesserungen in der Gesundheitspolitik“ als nötig an, um die Situation von unter Osteoporose leidenden Menschen zu verbessern. Dazu zählten „Knochendichtemessungen per Dual-Energie-Röntgenabsorption für alle Hochrisikopatienten als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen“ sowie das Überwinden der „bestehenden Trennung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung“.

Wie die Negativspirale bei Osteoporose durchbrochen werden kann, wird derzeit auch in einem Forschungsprojekt der Ludwig-Maximilians-Universität München untersucht, das mit 3,2 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert wird. Die These der Wissenschaftler ist es, dass durch eine bessere Zusammenarbeit von Ärzten, Pflegekräften und Physiotherapeuten die Häufigkeit von Stürzen und Folgebrüchen und damit auch die Sterblichkeit gesenkt und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten verbessert werden kann.

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