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Kleine Biene schlägt großen Elefanten in die Flucht.

Klein gegen Groß

Bienen verjagen Elefanten

Die grauen Riesen haben Angst vor den Insekten. Das nutzen Bauern, um sie von Dörfern fernzuhalten.

Von Kerstin Viering

An den Abend des 29. August 2007 sollte sich Felix Mathenge noch lange erinnern. Es war gegen 22 Uhr, als das Unheil über seine kleine Farm im kenianischen Laikipia-Distrikt hereinbrach. Eine Gruppe von 18 Elefanten hatte beschlossen, dass auf dem Maisfeld des Bauern genau die richtige Mahlzeit für ihre hungrigen Mägen wuchs. Wie eine Naturgewalt walzte die Herde über den Acker, fraß und zertrampelte den Großteil der Pflanzen. Erst die herbeigerufene Polizei konnte die Tiere schließlich in die Flucht schlagen, indem sie etliche Male in die Luft schoss. Achtzig Prozent seiner Maisernte hatte Felix Mathenge an diesem einen Abend verloren.

Lucy King, die für die Elefantenschutzorganisation „Save the Elephants“ in Nairobi arbeitet, hat solche Berichte über plündernde Dickhäuter in den vergangenen Jahren immer wieder gehört. Für ihre Doktorarbeit an der Universität Oxford hat sie untersucht, wie sich solche für Mensch und Tier gefährlichen Zusammenstöße verhindern lassen – und kommt dabei zu einem verblüffenden Ergebnis. Gegen aufdringliche Elefanten kann demnach ein summender Verbündeter helfen: die Afrikanische Honigbiene Apis mellifera scutellata.

Diese Idee hat auch Fachleute der UN-Konvention zum Schutz wandernder Tierarten überzeugt. Auf der zehnten Mitgliedsstaatenkonferenz der Konvention, die kürzlich im norwegischen Bergen stattfand, wird Lucy King mit dem Thesis Award für die beste Arbeit zum Thema wandernde Tierarten ausgezeichnet.

Beeindruckendes Netz von Schutzgebieten

Elefanten und Menschen geraten in etlichen Regionen Afrikas heute häufiger aneinander als in früheren Jahrzehnten. Denn zum einen haben sich die Elefanten vielerorts zumindest ein wenig von den Wilderei-Exzessen der 1970er und 1980er Jahre erholt. Gleichzeitig aber schrumpft ihr Lebensraum, weil die wachsende Bevölkerung immer größere Teile davon für sich beansprucht. „Die Tiere müssen in einer dicht besiedelten Welt voller Menschen und Infrastruktur, Felder und Vieh zurechtkommen“, erläutert Lucy King.

So hat Kenia zwar ein durchaus beeindruckendes Netz von Schutzgebieten eingerichtet. Doch Elefanten sind Wanderer, die auf der Suche nach Wasser und Futter immer wieder die Grenzen dieser Refugien überschreiten.

Schon im Jahr 2002 hatten Fritz Vollrath und Iain Douglas-Hamilton, die ebenfalls an der Universität Oxford und für Save the Elephants arbeiten, eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Akazienbäume mit bewohnten oder leeren Bienenstöcken schienen vor den Attacken hungriger Elefanten bestens geschützt zu sein. Und etliche Bauern und Safari-Guides konnten auch von Episoden erzählen, in denen die Elefanten vor Bienenschwärmen Reißaus genommen hatten. Konnte man die Insekten also vielleicht auch als Wächter für Felder einsetzen?

Um das herauszufinden, hat Lucy King zunächst die Reaktion der grauen Riesen auf die Insekten getestet. Dazu hat sie das Summen gereizter Bienen auf Band aufgenommen und es Elefanten-Familien in zwei Schutzgebieten im Norden Kenias vorgespielt.

Und tatsächlich: In 30 der 32 getesteten Gruppen begannen die insgesamt 250 Tiere, Staub aufzuwirbeln und heftig den Kopf zu schütteln – womöglich, um vermeintlich angreifende Insekten loszuwerden. Dann zogen sie sich schleunigst zurück und brachten einen Abstand bis zu hundert Metern zwischen sich und das bedrohliche Geräusch.

„Ich habe oft beobachtet, dass sogar andere Elefanten aus den Büschen auftauchten und sich der flüchtenden Familie anschlossen“, erinnert sich Lucy King. Inzwischen weiß sie auch, woran das liegt. Nämlich an einem ganz speziellen grollenden Geräusch, das die zurückweichenden Tiere ausstoßen. Als Lucy King Aufnahmen von diesen tiefen Tönen anderen Elefanten vorspielte, reagierten diese ebenfalls wie von der Biene gestochen: Staub aufwirbeln, Kopfschütteln, Rückzug. Dabei war weit und breit kein Insekt in der Nähe.

Offenbar gibt es unter den Dickhäutern also eine Art Bienen-Alarm, mit dem sie ihre Artgenossen warnen. Ein Schwarm wütender Insekten ist schließlich auch für die Giganten der Savanne eine ernstzunehmende Gefahr. Die bis zu drei Zentimeter dicke und sehr widerstandsfähige Haut schützt zwar den größten Teil ihres Körpers vor Stichen. Doch hinter den Ohren, vor allem aber um die Augen und im Inneren des Rüssels hat auch ein Elefant Schwachstellen.

Lucy King kennt zum Beispiel den Fall eines Bullen in Tansania, der beim Fressen versehentlich ein Wildbienen-Nest an einer Akazie aufgebrochen hatte. „Die Bienen flogen ihm ins Gesicht und offenbar auch in seinen Rüssel, so dass er durchdrehte, schrie und laut trompetete“, schildert sie das für den Elefanten zweifellos schmerzhafte Erlebnis. Möglicherweise müssen die Tiere aber gar nicht selbst gestochen werden, um Angst vor Bienen zu entwickeln. Vielleicht genügt es auch schon, wenn sie betroffene Verwandte beobachten. Oder sie lernen einfach nur vom Rest der Herde, dass man auf Summen am besten mit Flucht reagiert.

Lucy King hat einen speziellen Zaun aus mit Draht verbundenen Bienenstöcken entwickelt. Diese Anlage soll gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Der Bauer kann damit nicht nur seine Ernte schützen, sondern auch noch Honig für den Eigenbedarf oder zum Verkauf gewinnen. Erste Versuche auf 17 Farmen im Norden Kenias verliefen bereits vielversprechend. Innerhalb von zwei Jahren brach nur ein einziger Bulle durch einen solchen Bienenzaun, 13 Elefantengruppen aber trotteten nur auf die Barriere zu und machten dann kehrt.

Damit erwies sich die neue Methode als deutlich wirksamer als die traditionellen Umfriedungen aus Dornengestrüpp. Und während Felix Mathenge in jener August-Nacht seinen Mais in rupfenden Rüsseln und unter trampelnden Füßen verschwinden sah, blieben die von einem Bienenzaun geschützten Felder seines Nachbarn verschont.

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